Spieglein, Spieglein an der Wand… Wer ist die schönste Mona Lisa im Land?

Der Schönheitswahn wütet im Land. Body-Maß-Index und Modelgesicht entscheiden immer mehr darüber, ob man Karriere macht oder in der Versagerkiste landet. Die Fixierung aufs Äußerliche ist jedoch ein direkter Angriff auf unsere Seele, die dabei auf der Strecke bleibt. Lesen Sie hier, woher unser Körper stammt, warum er so aussieht, wie er aussieht – und warum wir wirklich mit ihm Freundschaft schließen sollten!

Das Fett fließt in Strömen: An jedem Arbeitstag des Jahres werden in den deutschsprachigen Ländern so um die vierzig Liter Fett pro Stunde aus Bäuchen, Pos und Oberschenkeln gepumpt – das Fett des zu guten Lebens, das Fett der Völlerei, das Fett der ewig Unzufriedenen und das Fett der Mikrowellenesser (für diejenigen, die es noch nicht wissen: Unser Körper wird durch Mikrowellennahrung belastet und schwemmt deshalb auf. Das ist in Kombination mit Fastfood-Nahrung der Grund für die Flut der adipösen Amerikaner).1

Stammt der Mensch vom Affen ab oder nicht? Darwin hatte teilweise recht: Sein Körper manchmal, sein Geist niemals.

Jeden Arbeitstag werden in Deutschland, Österreich und der Schweiz um die 280 Brüste aufgeschnitten und mit Silikon aufgeplustert. Jeden Arbeitstag des Jahres lassen sich 76‘000 Menschen (Stand 2012, insgesamt 19 Millionen weltweit, Tendenz steigend) schönheitsmäßig ‚tunen‘ – sprich die Augen ‚öffnen‘, die Nasen verniedlichen, die Gesichtshaut zurechtzurren, die Lippen aufpumpen oder die Stirn per Botoxspritze lahmlegen. Der neueste Wachstumsmarkt sind Schamlippenverschönerungen – man weiß ja nie, was einem als Nächstes zustößt, wenn man das Haus verlässt.

Was ist bloß in die Menschen gefahren? Tausende von Jahren überlebten Frauen klaglos mit kleinen Brüsten, schiefen Nasen und Falten im Gesicht – und dies sogar manchmal besser als die auffallenden Schönheiten. Der russische Energieforscher S.N. Lazarev schreibt in einem seiner Bücher, dass es in Europa prozentual weniger (natur-)schöne Frauen gäbe als in anderen Weltgegenden. Der Grund dafür liege in einem ‚Hässlichkeitsgen‘, das viele Europäerinnen aus Schutzgründen in sich trügen. Denn im Mittelalter seien fast alle schönen Frauen auf dem Scheiterhaufen gelandet. Wir sehen: Für die Natur ist Überleben wichtiger als ein perfektes Äußeres. Für immer mehr Frauen von heute scheint jedoch mehr und mehr das Gegenteil zu gelten: Sie glauben, ein Leben ohne Silikon in den Brüsten (Silikonkissen gingen 1962 in die Produktion), ohne Facelifting (erstmals 1906 durchgeführt) oder wenigstens regelmäßige Botox-Injektionen (seit 1992) sei zwar theoretisch möglich, praktisch jedoch unerträglich.

So harmlos der Schönheitswahn auch wirken mag – unter seiner Oberfläche gähnt furchterregende Leere: die Leere einer Zivilisation, der ihr Innenleben abhanden-ge­­kommen ist. Die Orientierungslosigkeit einer Zivilisation, die ihre Wurzeln ignoriert, ihren Daseinszweck vergessen hat und zukunftslos auf den Tod zutaumelt, dem sie – wenigstens – eine faltenlose Stirn bieten will, sollte er es denn tatsächlich wagen, sich an ihrer teuer erkauften Jugendlichkeit zu vergreifen.

Leider verdichtet sich der Schönheitswahn immer mehr zur Wirklichkeit. Will heute jemand Karriere machen, sollte er so aussehen, dass er auch Hauptdarsteller einer amerikanischen TV-Serie sein könnte: volles Haar, fitnessgestählter Körper, stylische Kleidung und ein Filmstargesicht – so wie der Chef der Schweizer Großbank UBS, Sergio Ermotti. Zwei Ökonomen der Universität von Wisconsin, Joseph Halford und Hung-Chia Hsu, fanden heraus, dass sich die Attraktivität eines Vorstandschefs auch positiv auf den

Aktienkurs eines Unternehmens auswirkt – zumindest in den ersten Tagen seiner Amtszeit. Gut aussehende Spitzenmanager würden zudem erfolgreicher verhandeln, was wiederum die Aktienkurse stützt, wenn ihre Unternehmen Akquisitionen ankündigen. Schließlich reagieren Aktienkurse auch vergleichsweise besser, wenn attraktivere Vorstandsvorsitzende (CEOs) im Fernsehen auftreten.

Nach Einschätzung der beiden Akademiker rechtfertigt die höhere Attraktivität deswegen möglicherweise auch höhere Gehälter und Boni für die Schönen unter den Managern. Die Ökonomen haben für ihre Studie 677 Vorstandschefs von großen Unternehmen untersucht, die im amerikanischen Aktienindex S&P 500 abgebildet sind. Der Zeitrahmen umfasst die Jahre von 2000 bis 2012.

Frauen sollten am besten eine kleinere Größe als 38 tragen, wenn sie ganz an die Spitze wollen. „Dünn sein wird in unserer Gesellschaft mittlerweile mit einer moralischen Leistung gleichgesetzt und mit der Fähigkeit zu performen. Frauen, die dicker sind, wird unterstellt, dass sie unter ihren Möglichkeiten bleiben, nicht das Beste aus sich herausholen“, analysiert Rebekka Reinhard, Philosophin und Buchautorin.2 Denn Dick wird vorschnell mit faul, undiszipliniert, unbeweglich oder sogar krank assoziiert. (Da verwundert es nicht länger, dass das Fettabsaugen der häufigste Schönheitseingriff ist.)

Vielleicht ist das Dünnsein in unserer Überflussgesellschaft auch so hoch angesehen, weil es schwieriger zu erringen ist, denn auf Schritt und Tritt lacht uns leckere Nahrung an. In Ländern wie Indien, wo die Mehrzahl der Menschen unfreiwillig dünn ist, stehen denn auch vollschlanke Frauen hoch im Kurs. Genauso war es nach dem Krieg, wo man zwangsläufig mager war: Da wurde in Hollywood das Busenwunder geboren, das nicht nur obenrum üppig ausgestattet war. Heutzutage sinkt der BodyMaß-Index immer mehr ab – in den letzten zehn Jahren nochmals um sechs bis zehn Kilo. ‚In‘ ist nicht mehr, wer dünn ist, in ist, wer kein Fleisch mehr zwischen Haut und Knochen kommen lässt.

Selbst in der Altersklasse, da es für Frauen immer schwieriger wird, sehr schlank zu sein, trumpfen die dünnen, attraktiven Frauen auf: Christine Lagarde (*1956) zum Beispiel, seit 2011 Direktorin des Internationalen Währungsfonds; Anne Sweeney (*1958), Leiterin des Disney-ABC-Konzerns und damit eine der mächtigsten US-Managerinnen, oder Helle Thorning-Schmidt (*1966), seit 2011 Ministerpräsidentin von Dänemark. Wie passt die erste Dame Deutschlands, Angela Merkel, in dieses Schema? Natürlich sprengt sie es bei Weitem und ist damit ein Hoffnungsschimmer für Frauen ohne Modelmaße. Obwohl sie in anderer Hinsicht wieder ganz und gar hineinpasst: Dünne und drahtige Frauen, wie sie in den Aufsichtsräten dominieren, wirken eher androgyn als weiblich. Genauso Angela Merkel, trägt sie doch die immer gleiche, männlich wirkende Uniform aus Hose und Jackett, die sie eher als Neutrum denn als Frau erscheinen lässt. Doch werfen wir ihr das nicht vor: In der Politik, die immer noch Männerrevier ist, zeichnet sich eine Frau am besten durch Sachlichkeit aus.

Wann nahm der Wahn seinen Anfang?

Wie geschah es eigentlich, dass sich Milliarden von Menschen auf den Trip nach der perfekten Schönheit begeben haben, die sie niemals erreichen können – auch wenn sie sich bis zum Exzess ‚schön‘ haben bügeln und polstern und spritzen und schneiden lassen, man das meistens sieht und eklig findet? Wie kommt es, dass Ostasiatinnen sich die Schlitzaugen rund schneiden lassen und Chinesinnen hundert Jahre, nachdem man(n) um der ‚Schönheit‘ willen ihre Füße einband und verstümmelte, sich nun freiwillig ihre Beine mehrfach brechen, sie dann auseinanderziehen und mit Schrauben wochenlang fixieren lassen, nur damit sie danach wenige Zentimeter länger sind? Warum will die ‚gelbe‘ Japanerin unbedingt weiß sein und die weiße Europäerin unbedingt braun? Warum legt man sich unters Messer, um Silikon in die Pobacken zu packen, wenn man dann auf dem ‚Knackarsch‘ (pardon!) nicht mehr schmerzfrei sitzen kann?

Quellenangaben

  • 1 siehe dazu: Die Mikrowelle macht dick!
  • 2 Rebekka Reinhard, "Schön! Schön sein, schön scheinen, schön leben - eine philosophische Gebrauchsanweisung", Zitat aus Brigitte 15/2014.