Kann
man, darf man als Laie über Kunst schreiben? Lehrt uns nicht
die Kunstkritik, daß Otto Normalverbraucher Kunstbanause und
des ‚richtigen' Urteils gar nicht fähig ist? Wie sagte es doch
der Papst der deutschen Kunstbetrachtung, der Professor für
Nichtnormative Ästhetik, Bazon Brock? "Wer also behauptet, gegenständliche
Bilder verstünde er, nichtgegenständliche aber nicht, der gibt
mit dieser Aussage vor allem zu verstehen, daß er überhaupt
nichts verstanden hat. Denn es gibt keinen unmittelbaren Zugang
zur Kunst, und es gab nie einen. Bilderlesen will gelernt sein.
Punkt." Also lassen wir die Finger von diesem sakrosankten Thema,
bei dem wir uns als definitiv als Bilder-Analphabeten bloßstellen
werden. Oder? Könnte unsere banausenhafte Vermutung, daß das
übliche Kunstpublikum, welches man auf Kunstmessen und in Kunstgalerien
antrifft, der Bilderlesesprache genauso unkundig ist wie wir,
dies jedoch nicht zuzugeben wagt - und deshalb die Kleider eines
Kaisers bewundert, der allzuoft nichts weiter als nackt ist
-, ein Körnchen Wahrheit enthalten - oder ist es nur ein weiterer
Beweis dafür, daß wir uns mit diesem Artikel der Bilderschändung
schuldig machen werden?
Sie sehen: Ich schreibe selbst schon fast so geschraubt wie
die geweihte, erhabene Kunstbetrachtungskaste, die in einem
weit entfernten Intellektuellenhimmel über unseren schlichten
Gemütern thront - unseren Gemütern, die vor unmittelbaren Gefühlsreaktionen
nicht gefeit sind. Ich gestehe: Wenn ich etwa über Damien Hirsts
Ausstellungsobjekte - entzweigeschnittene, in Formaldehyd konservierte
Kühe und Kälber, oder, schlimmer noch, ein Container mit Maden
und das sich zersetzende Gehirn einer Kuh - lese, dann besteht
mein ganzer Kunstverstand aus Ekel, Abscheu und Übelkeit, und
wenn Maurizio Cattelan es als besonders humorvolle Kunst betrachtet,
ein totes Pferd an die Decke zu hängen, nur weil sein Name zu
Lebzeiten ‚Tiramisu' (italienisch für ‚zieh mich hoch') war,
dann bleibt mir das Lachen im Halse stecken.
Hymne an ein Phantom
Im ‚Stern' erschien 1998 eine kleine Notiz, die meine Vermutung,
daß das Kunstpublikum manchmal gescheiter tut als es ist, auf
köstliche Weise untermauerte: "Die Kunstwelt war begeistert:
Der britische Schriftsteller William Boyd hatte eine Biographie
des Malers Nat Tate geschrieben; als sein Verleger David Bowie
das Werk in New York vorstellte, drängelte sich die versammelte
Kultur-Schickeria. Jeff Koons und Paul Auster, Jay McInerney
und Julian Schnabel feierten den toten Künstler, der sich mit
31 Jahren von der Staten-Island-Fähre in den Hudson-Fluß gestürzt
haben soll. Ein bekannter Kunstkritiker lobte den unglücklichen
Maler: ‚Nicht rasend begabt, aber interessant.' Und steht jetzt
leider blamiert da - wie alle anderen Gäste. Denn Nat Tate hat
es nie gegeben. Seine Biographie hat der Autor William Boyd
schlicht erfunden, die meisten der gelobten Bilder im Buch selbst
gemalt. Dieser literarische Streich ist das eigentliche Kunstwerk."(Stern
17/98).
Und keiner hatte den Mumm, zuzugeben, daß er noch nie von Nat
Tate gehört hat - und seine Kunst vielleicht nicht soooo rasend
brillant findet! Im Buch ‚Geistiges und künstlerisches Schaffen'
von Omraam Michael Aivanov findet sich eine ähnliche Episode:
"In England stellte vor einigen Jahren ein Maler abstrakte Gemälde
aus, die das Entzücken aller Kritiker hervorriefen", erzählte
der bulgarische Meister seinen Schülern im Januar 1986. "Nachdem
der Maler die üblichen Komplimente und Glückwünsche entgegengenommen
hatte, gestand er, was wirklich geschehen war. Eines Tages verließ
er sein Atelier, und die Katze blieb dort eingesperrt zurück.
Zum Zeitvertreib tauchte sie Schwanz und Pfoten in die Farbdosen
und spazierte auf der Leinwand hin und her. So waren mehrere
‚abstrakte Gemälde' entstanden, diejenigen eben, die in der
Ausstellung zu sehen waren. Die Kritiker waren natürlich außer
sich ob der eigenen Lächerlichkeit: Sie hatten den Gemälden
einer Katze Bewunderung gezollt... eine Katze, stellt euch das
vor! Unter solchen Umständen vermag der erste beste, sogar ein
Baby, irgend etwas zu produzieren und auszustellen." Womit wir
bei der ‚banausenhaften' Volksmeinung angelangt wären, daß Kunst
eigentlich von ‚Können' kommt, und es schön wäre, ein Gemälde
würde etwas enthalten, was ein Baby oder eine Katze nicht
kann.
Doch wohin gelangen wir damit? In den Ruch, alles, was nicht
gegenständlich ist, als ‚entartet' zu geißeln? Nur eine Blut-und-Boden-Kunst
gut zu finden, die fest an Scholle und Traktor klebt? Natürlich
nicht! Denn ‚Gut' und ‚Böse', um diese archaischen Begriffe
zu gebrauchen, liegen weniger im Bildinhalt, als in der Motivation
und Ausrichtung dessen, der den Bildinhalt geschaffen hat. Wobei
sich die wenigsten Schöpfer depressiver Gemälde sich der Tragweite
ihres Tuns bewußt sein dürften.
In unserem großen Kunst-Report beleuchten wir den Kubismus und
seinen Schöpfer Pablo Picasso und zeigen auf, wodurch sich diese
Stilrichtung inspirieren liess und welches die Motivationen
Picassos waren. Picasso und seine Freunde waren es nämlich,
welche die moderne Kunst mit all ihren Schattierungen ins Leben
riefen. Wir zeigen aber auch, daß Künstler wie Mondrian, Kandinsky
und andere in ihrer Kunst das Abstrakte, Geistige suchten und
erklären, welchen Einfluß die Theosophie auf die Kunst hatte.
Die Leinwand als Psychiater
"Bei Künstlern wird Extravaganz groß geschrieben. Je mehr Macken,
Marotten und Malaisen einer hatte, desto besser." Der dies sagt,
wird als ‚Künstlerfürst' oder ‚Kunst-Rebell' hofiert und heißt
Georg Baselitz. Sein Markenzeichen sind Bilder, die auf dem
Kopf stehen. Baselitz sagt auch: "Ich brauche keinen Arzt. Ich
habe die Leinwand und Selbstbewußtsein." - "Seine Holzplastiken
- manchmal kaum zu unterscheiden von den Figuren seiner Afrika-Sammlung
- scheinen zu entstehen, indem sich der Bildhauer mit Kettensäge,
Axt oder Stechbeitel brutal an dem wehrlosen Holzstamm austobt
und so rohe, wie zerstückelt wirkende Figuren schafft", schreibt
die Zeitschrift ‚Madame' in einem Baselitz-Porträt (September
2003). "Meine Gemälde passen nicht zu den Bildern, an die sich
die Leute gewöhnt haben", sagt er. "Als Künstler müssen Sie
diese Harmonie, die angeblich herrscht, kaputt machen. Als Maler
müssen Sie zerstören."
Die Künstler des 20. Jahrhunderts beanspruchten für sich die
totale Moral-, Regel- und Zügellosigkeit. Daß diese fatalerweise
auch in Selbstzerstörung enden kann, erlebt gegenwärtig gerade
Professor Jörg Immendorff: "Jeder, der mich kennt, weiß, daß
ich mindestens zwölf, dreizehn Stunden am Tag male. Und das
die letzten Jahrzehnte. Am Wochenende war ich Quartalssäufer,
wenn Sie so wollen, bis zu 27 Tequila Sunrise. Ich war gut im
Nehmen, bin nie umgefallen. Keiner hat mich torkelnd, lallend
oder aggressiv erlebt. Und jetzt sieht es so aus, als würde
ich jeden Tag 30 Gramm Kokain schnupfen." (‚Bunte' 37/2003).
Immendorff wurde im August 2003 in einer Hotelsuite überrascht,
wo er mit neun Prostituierten und elf Gramm Kokain, schon zu
nasefertigen Linien ausgelegt, eine Orgie feierte. Sein Körper
leidet an ALS, einer tückischen Muskellähmung, an der man ersticken
kann, wenn die Atemmuskulatur zusammenbricht. Der linke Arm,
mit dem er stets malte, hängt völlig bewegungsunfähig herunter,
mit dem rechten Arm kann er nur noch unter großer Konzentration
und Anstrengung ein Gemälde zustande bringen. Fünfmal schon
wurde ihm in der Uniklinik mit einem Katheter bis zur Herzvorkammer
sein gesamtes Blutplasma ausgetauscht. "Ich bin zwei Jahre über
meine Zeit", sagt er. Immendorff ist 58 und war einst Schüler
von Joseph Beuys.
Viele Fallen säumen den Pfad
Wer sich entschließt, sein Leben als Künstler zu verbringen,
verläßt den Pfad gesellschaftlicher Sicherheit und setzt sich
dem Leben aus. Er riskiert Armut, Ablehnung, Unverstandensein
und Einsamkeit. Er nimmt all dies auf sich, um nach einer Essenz
im Leben zu suchen und diese zum Ausdruck zu bringen. Der Pfad
des Künstlers birgt daher große Entwicklungschancen in sich
und ist nichts für schwache Naturen. Daß ein Künstler am Anfang
seines Weges vor allem noch sich selbst sucht, ist daher verständlich.
Doch irgendwann, nach einigen Jahren, sollte die Selbstsuche
beendet sein und der Künstler sich nach einem Ideal ausstrecken.
Irgendwann ist die Kindheit zu Ende, und man beginnt von sich
selbst zu geben.
Unser großer Kunstreport zeigt eines deutlich: Kunst ist nicht
wertfrei. Sie kann nicht nur den Künstler selbst zerstören,
sondern auch jenen, der das Kunstwerk gekauft und bei sich in
die Wohnung gestellt hat. Kinesiologische Tests bewiesen, daß
Kunstwerke den menschlichen Körper energetisch stärken oder
schwächen können. Dabei spielt nicht nur die Form oder der Bildinhalt
eine Rolle - denn wie könnte sonst das Original eines bestimmten
Künstlers den Körper energetisch schwächen, während eine von
Auge nicht unterscheidbare Kopie den Organismus des Betrachters
stärkt?
Wir bringen nicht nur einige Beispiele dieser Art, sondern erklären
auch, wie dies möglich ist.
"Nichts ist wesentlicher als die Kunst"
Ein großer Eingeweihter der Menschheit sagte einst: "Nichts
ist für den Menschen wesentlicher als die Kunst." Die Kunst
habe als erste die Geschichte der Menschheit geprägt. Dann spielte
die Religion die überwiegende Rolle; später gelang es der Wissenschaft,
die Vormachtstellung zu erringen. "In der Zukunft - ich betone
es nochmals", so der Weise weiter, "wird die Kunst wieder die
Oberhand gewinnen."
Lesen Sie in unserem Artikel, welche geistigen Aufgaben die
Kunst für die Menschheit hätte und worauf ein wahrer Künstler
achten muß, um diesem Anspruch gerecht zu werden. Abschließend
finden Sie in unserer aktuellen Ausgabe Nr. 40 auch Portraits
und Interviews von bekannten Künstlern wie beispielsweise Hans
Georg Leiendecker oder Soham Holger Gerull, denen eines gemein
ist: Sie wollen mit ihrer Kunst einen Beitrag zur Vergeistigung
der Gesellschaft leisten.
Welche Wege sie dabei eingeschlagen und was für zum Teil bewegende
Erfahrungen sie gemacht haben, ist äußerst faszinierend und
regt zum Nachdenken an. Von Modern Art bis spiritueller Kunst
finden Sie in dieser ZeitenSchrift die Quintessenz zum Thema
Kunst - und vieles, das Sie so noch nirgendwo sonst gelesen
haben.