Dies ist eine seltsame Geschichte.
Eine Geschichte der Hoffnung, aber auch eine der Resignation.
Eine Geschichte des Mutes und der Tatkraft, aber auch
eine der Ohnmacht. Eine Geschichte des Außergewöhnlichen,
das in den Niederungen des Gewöhnlichen zu (ver)enden
droht. Eine Geschichte, wie sie leider typisch ist
- nicht nur für diese Zeit, sondern für alle Zeiten,
in denen Menschen lebten. Menschen, die aus Angst
um ihre Position, Glaubwürdigkeit und Macht lieber
festhalten an dem, was nicht funktioniert, als die
Größe zu haben, sich etwas Neuem zu öffnen, das funktioniert,
ihnen vielleicht aber ein Quentchen Hohn oder Spott
eintragen könnte. Nicht einmal der drohende Tod von
Millionen vermag sie zu erweichen. Sie sehen: Eine
verzwickte Geschichte irgendwo zwischen himmelhochjauchzend
und zu Tode betrübt. Sie dreht sich um einen 1921
geborenen Schweizer, der sich bescheiden und kühn
zugleich vornahm, eines der größten Menschheitsprobleme
zu lösen:
Wie ernährt man alle Menschen?
Mit zwanzig Jahren, so um das Jahr 1941, hatte Hans
Hangartner sein Schlüsselerlebnis. Er betrachtete
eine Liste der Länder der Erde. Auf ihr war der Bevölkerungszuwachs
seit dem Jahr 1800 verzeichnet. Ein ungeheurer Zuwachs.
Die Zahlen ließen Hangartner schaudern. "Wie wird
es uns nur gelingen, diese ständig zunehmenden Massen
an Menschen zu ernähren?" fragte sich der junge Mann.
Eine Frage, die ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen
sollte, und auf die ihm gleich eine Antwort kam: "Wir
müssen die Wüsten wieder begrünen." Diese riesigen
Ödflächen vermöchten, so war sich Hangartner gewiß,
für lange Zeit jedes Nahrungsproblem zu lösen, wenn
es gelänge, sie in fruchtbare ‚Gärten' zu verwandeln.
Schwärmerische Gedanken eines Jünglings, mögen Sie
nun denken. Das faszinierende an Hangartner ist aber,
daß er nicht wie Millionen andere dachte, "schön wär's,
aber unmöglich ist's", sondern daß er sich vornahm,
dieses Problem zu lösen: Die Wüsten wieder grün zu
machen. "Ich glaubte felsenfest daran, daß ich es
könnte. Niemals ist mir der Hauch eines Zweifels gekommen",
sagt der sanfte alte Mann.
Nun war er nicht etwa der begünstigte Sohn eines Naturwissenschaftlers,
der in den Fußstapfen seines Erzeugers ging und gerade
ein Elitestudium absolvierte, als er sich vornahm,
die Lösung für das Nahrungsproblem zu finden. Im Gegenteil.
Eine richtige Lehre machte er zeitlebens nie - was
eigentlich eine Lüge ist, denn Hangartner funktionierte
kurzerhand sein ganzes Leben zu einer einzigen großen
Lehre um. "Wenn mich etwas interessierte, wenn ich
etwas neues lernen wollte, dann habe ich mich einfach
um eine Stelle in dem betreffenden Fachgebiet beworben",
sagt er lächelnd, als ob dies das natürlichste der
Welt wäre. Und er bekam die Stellen auch; arbeitete
in einer Glasbläserei, einer Kunstseidenfabrik, bei
‚Saurer Arbon', bei einer Kugellagerfabrik, beschaffte
sich dann eine Stelle in der Werkstatt einer Baufirma,
um Erfahrungen mit der Hydraulik zu gewinnen, und
beendete seine Arbeitsjahre schließlich als ebenso
erfinderischer wie hoch geachteter Maschinenkontrolleur.
Hangartners Jugendjahre mögen mit dazu beigetragen
haben, daß er seinen erstaunlichen Weg abseits der
ausgetretenen Pfade beschritt. "In der Not findet
man viel mehr Wege, um zu überleben", sagt er und
spielt auf die Hungerjahre an, die er als Zehn-, Zwölfjähriger
in der Schweiz erlebte, und wo man froh sein konnte,
wenn die Mutter aus ein paar im Wald gesammelten Huflattichblättern,
ein wenig Milch und einigen Kartoffeln eine sättigende
Suppe kochen konnte. Die Erfahrung des Hungers war
für den jungen Hans um so einschneidender, als sie
so abrupt kam - und, gewissermaßen, nach der Vertreibung
aus seinem Paradies der Kindheit.
Geboren wurde Hangartner nämlich als Sohn einer Rumänin
und eines ausgewanderten Schweizer Melkers im rumänischen
Siebenbürgen. Das war damals schon ein eher armer
Landstrich, dafür reich an unberührter Natur und an
persönlicher Freiheit. Unvergeßlich, wenn er in den
warmen Sommernächten mit seinem Vater im ‚Heuschöchli'
auf freiem Feld übernachten konnte und Sternbilder
am schwarzen Himmel bestaunen, bis ihn sanft der Schlaf
übermannte. Unvergeßlich auch, wie man mit bloßen
Händen in den sprudelnden Bächen ganze Körbe voll
dicker, gut genährter Fische fangen konnte. Ein wenig
trauert der alte Mann jenen innigen, geborgenen, verheißungsvollen
Kinderjahren immer noch nach - einer Zeit und einem
Leben, die ihn lehrten, daß man auch mit wenig erfüllt
und glücklich sein kann.
Der Großvater wollte aber unbedingt, daß die Familie
in die Schweiz zurückkehre - und so tat man es halt,
auch wenn Rumänien dem tüchtigen, aufrechten Vater
nicht nur die rumänische Staatsbürgerschaft, sondern
auch eine solide Staatsstelle angeboten hatte. In
der Schweiz dann der Schock der Krisen- und Hungerjahre.
1936 unternahm die Familie noch einmal den Versuch,
woanders mehr Glück zu finden, und wanderte nach Böhmen
aus; "damals die Gegend mit dem zweithöchsten Lebensstandard
Europas", erinnert sich Hangartner. 1938 riet dann
aber die Schweizer Botschaft den Hangartners, sich
lieber heim in die sichere Schweiz zu begeben, weil
sich von Deutschland her Ungutes zusammenbraue. So
kam Hans dann als Siebzehnjähriger ‚definitiv' in
die Schweiz zurück - jenes Land, das dank seines Wasserreichtums
auch das ‚Wasserschloß Europas' genannt wird, und
dessen Bewohner mißmutig über das ‚schlechte Wetter'
stöhnen, wenn wieder einmal ein paar Tage Regen fällt.
Gibt es schöneres als Regen?
Keinem Bewohner von Mauretanien, von Namibia, von
Mali oder Indien fiele es ein, Regen als ‚schlechtes
Wetter' zu bezeichnen. Regen bedeutet für diese Menschen
Leben, sein Ausbleiben Tod. Regen ist ein Anlaß zu
Freudentänzen und Dankgebeten, nicht zu muffeliger
Miene und düsterer Laune.
Irgendwann in den Jahren seiner Studien kam Hangartner
zum Schluß, daß man dem Dürreproblem der Wüstenrandzonen
nicht abhelfen könne, indem man das Gebiet einfach
bewässere, weil dann die Böden aufgrund des Salzes,
das auch in ‚normalem' Süsswasser enthalten ist, mit
der Zeit versalzen. Abgesehen davon - woher sollte
man in der Sahelzone südlich der Sahara schon diese
Mengen von Wasser holen? Das einfachste, erkannte
Hangartner, wäre, man würde es dort einfach regnen
lassen.
Ein Gedanke, auf den vor ihm auch schon andere gekommen
waren, und für dessen Verwirklichung - nämlich das
‚Regen machen' Hunderte von Millionen Dollar ausgegeben
worden waren - mit eher kläglichen und fragwürdigen
Ergebnissen. Seit den Vierziger Jahren unternahm man
Experimente mit dem sogenannten ‚Wolken impfen'. Das
bedeutete, daß man eine regenschwangere Wolke zu verleiten
versuchte, ihr Wasser auszuregnen. Dazu streut man
aus Flugzeugen Silberjodkristalle über sie aus. Diese
bilden dann Kondensationskerne, um welche sich Wassermoleküle
sammeln. Wenn der Kern samt seiner Wasserumhüllung
zu schwer wird, fällt er als Tropfen zur Erde. Allerdings
konnte das Vorhaben nur gelingen, wenn ‚richtige'
Wolken bereits über dem dürren Gebiet waren, und wenn
sie einen ganz bestimmten Grad von Unterkühlung aufwiesen.
Zudem handelte es sich doch um einen chemischen Eingriff
in Naturvorgänge, und dieser hat immer irgendwelche
unerwünschte Nebenwirkungen.
Die wahre Lösung des Regenmachens mußte viel einfacher
sein, sagte sich Hangartner. Und er begann, die Natur
zu studieren. Bildete sich im Selbststudium auf dem
Gebiet der Thermik und der Verdunstungsphysik aus,
studierte Unmengen von Wetterkarten, auf welchen die
Wind- und Meeresströmungen und andere charakteristische
Wetterdaten verzeichnet waren. Wetter ist das Produkt
eines globalen Ganzen, und wenn irgendwo das Gleichgewicht
verschoben wird, dann zeigt dies Auswirkungen weltweit.
Überall machte Hangartner seine Beobachtungen und
zog Schlußfolgerungen daraus. Beispielsweise, als
er einmal im November in den Wassern der Karibik badete
und das Wasser 30 Grad warm war: "Wassertemperaturen
von über 27 Grad führen zu Hurrikanen", führt er aus,
als wäre es genauso naheliegend und selbstverständlich,
wie daß man im Regen naß wird. Die Erwärmung der Meere
hat aber weitere fatale Folgen, erläutert er: "Erwärmtes
Wasser dehnt sich auf alle Seiten aus und fließt daher
- beispielsweise im Golfstrom - schneller. So gelangt
durch dieses schnelle Fließen mehr Salzwasser zum
Nordpol. Dieses löst einen Teil des Eises auf. Zwischen
Grönland und Alaska gibt es ein Gebiet mit offenem
Wasser, das nun mit großen Mengen Schmelzwasser ‚überschwemmt'
wird. Da Schmelzwasser leichter ist als Meerwasser,
schwimmt es oben und gefriert nun zu. Also wird die
Wärmeabstrahlung des einstmals offenen, nun zugefrorenen
Meeres geringer, und plötzliche, starke Kälteeinbrüche
auf dem amerikanischen Kontinent sind die Folge. Es
wird dadurch auch in der Stratosphäre kälter, was
gefährlich ist, denn ab minus 79 Grad Celsius zerstört
die Kälte dort lebenswichtiges Ozon."
Kann Regen aus einer Kiste kommen?
Hans Hangartner baute sich mit seinem Vater ein Haus
und zog zwei Zwillingssöhne auf, und all die Jahre
über begleitete ihn sein Traum, den er niemals losließ.
Erst nach 36 Jahren, im Jahre 1977, kam ihm, wie er
selber sagt, "die Erleuchtung". Er erinnerte sich,
wie er als Kind bei Eiscrèmeständen fasziniert zugeschaut
hatte: Wie sie die Kurbel drehten, die Eiscrèmezutaten
in den Metallzylinder füllten und im Holzfaß mit Eis
und Salz Minustemperaturen erzeugten. Da wußte er:
Die Kältephysik ist der Schlüssel. Denn wenn es oben
warme Luft hat, kann es nicht regnen. Wie gut, daß
er einige Zeit bei einem Ostschweizer Kühlschrankhersteller
arbeitete, wo er den Kreislauf des Absorber-Kühlschranks
"tiefer in sich aufnehmen" konnte!
Hangartner baute sich ein erstes Gerät und fuhr Ende
August 1977 mit Frau und Schwägerin in die Ferien
nach Mallorca. Im Gepäck seine Regenmaschine, im Kopf
die Absicht zum ‚Laborversuch'. Der gelang dann auch
gleich sehr überzeugend: Plötzlich kam aus heiterem
Himmel Sturm auf, so stark, daß er die Liegestühle
am Strand ins Wasser fegte - und dann regnete es!
"Die Einheimischen verstanden gar nichts mehr", erinnert
Hangartner sich mit einigem Vergnügen. Und seine Schwägerin
schwor sich, nicht mehr mit ihm in die Ferien zu fahren.
Man wollte doch endlich nur mal ein bißchen Sonne,
und da machte der tatsächlich aus heiterem Himmel
Regen!
Den zweiten Versuch startete er im März 1978 bei Zarziss
in Südtunesien. Auch dieser war erfolgreich. Seit
Herbst waren dort die Felder bestellt, doch der Regen
war ausgeblieben. Ein älteres Pärchen, das seit 16
Jahren in Zarziss die Ferien verbrachte, beobachtete
ihn und seine seltsame Maschine. Eines Tages sagte
die Frau: "Nun weiß ich, was Sie machen - Sie sind
bestimmt ein Regenmacher!" Die Wolken am Himmel, die
schließlich ausregneten, sprachen für sich, und ein
Rorschacher Zahnarzt, der kurz nach Hangartner nach
Südtunesien reiste, bestätigte ihm, es sei ungewöhnlich
kühl und regnerisch gewesen. Hangartner wußte nun,
daß seine Idee funktionierte. Er war tatsächlich in
der Lage, mit einfachsten Mitteln Regen zu erzeugen!
Den
vollständigen, mehr als doppelt so langen Artikel
finden Sie in unserer
Ausgabe
Nr. 42.