Von Martin Müller
Da finde
ich keine Leser, das ist nicht populär genug", mußte
sich Dr. Rosina Sonnenschmidt anhören, als sie 1994
ihr Buch ‚Sterbe-Energetik' einem Verleger präsentierte.
Eigentlich ist es eigenartig, daß ein Thema, das jeden
Menschen auf dieser Erde betrifft, in der westlichen
Welt so wenig Beachtung findet. Wenig scheint sich
in den letzten Jahren daran geändert zu haben - trotz
der Bemühungen von Sterbeforschern wie Raymond A.
Moody, Elisabeth Kübler-Ross oder eben Sonnenschmidt,
die das Tibetische Totenbuch für westliches Verständnis
erläutert hat. Sonnenschmidt bezeichnet den Tod gar
als "das älteste und stärkste Tabu unserer abendländischen
Kultur". "Nichts wird so verdrängt, wie die Geburt
in die körperlose Existenz", fügt sie hinzu.
Der Tod wird ausgegrenzt, man soll sich auf ein
Leben, das dem Konsum und der kurzfristigen Bedürfnisbefriedigung
dient, konzentrieren. Dies fällt umso leichter, als
die Realität von Wiedergeburt und Karma weitgehend
ignoriert oder als Gedanken ‚esoterischer Spinner'
abgetan wird.
Zudem
erscheinen alte kirchliche Glaubenssätze von Himmel
und Hölle in der heutigen Zeit leer, neue Vorstellungen
von "dem, was danach ist", fehlen größtenteils. Viele
Menschen wiederum wenden sich auf der Suche nach Antworten
östlichen Weisheitslehren zu, die sehr wohl etwas
zum Thema Sterben zu sagen haben:
"Wenn schließlich alles abgefallen ist, was den
erleuchteten Geist im Leben verdunkelt hat, bleibt
nichts mehr, was unsere wahre Natur noch verdecken
könnte. Was dann letztlich offenbar wird, ist der
ursprüngliche Grund unserer absoluten Natur: einem
reinen und wolkenlosen Himmel vergleichbar."
Hier wird die Erhabenheit des Sterbevorgangs spürbar.
Auch für Sonnenschmidt hat das Sterben nichts mit
Schwäche, Versagen und Energielosigkeit zu tun - im
Gegenteil:
Es würden - wie bei der Geburt - große energetische
Kräfte freigesetzt. Rosina Sonnenschmidt kommt der
Verdienst zu, der westlichen Welt das Tibetische Totenbuch,
das ‚Bardo Thödol', näher gebracht zu haben. Ihre
Beschreibung der sechs Wandlungsphasen des Sterbeprozesses
ist eine vertiefte, aus der Erfahrung gewonnene Sicht
der Vorgänge während der Exkarnation. Nicht nur das
Tibetische Totenbuch weiß allerdings vom Sterben zu
berichten. Es gibt durchaus auch westliche Zeugnisse,
die sich mit dem Thema eingehend und tiefschürfend
befassen. Der Psychologe Dr. rer. nat. Dietmar Czycholl
hat etwa in seinem Buch ‚Als ich am gestrigen Tag
entschlief...' Erfahrungen Wiederbelebter in der Weltliteratur
versammelt - eine Sammlung, die drei Jahrtausende
umfaßt ... Zeugnisse, die von einem Weiterleben nach
dem Tod und der Existenz einer jenseitigen, anderen
Welt sprechen.
So wirklich wie
das Leben
"Wirklich ist die Wandlung", ist Czycholl überzeugt
und veranschaulicht dies anhand der Geschichte von
Dschuang Dschou: "Einst träumte Dschuang Dschou, daß
er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling,
der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wußte
von Dschuang Dschou. Plötzlich wachte er auf: Da war
er wieder wirklich und wahrhaftig Dschuang Dschou.
Nun weiß ich nicht, ob Dschuang Dschou geträumt hat,
daß er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling
geträumt hat, daß er Dschuang Dschou sei, obwohl doch
zwischen Dschuang Dschou und dem Schmetterling sicher
ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der
Dinge." (Dschuang Dse)
Ist Dschuang Dschou wirklich, oder ist es der Schmetterling?
Ist einer von beiden wirklicher als der andere? "Wirklich
ist die Wandlung", antwortet Dschuang Dse, von dem
diese Geschichte überliefert ist. Die Wandlungen also,
die wir im Traum, im Wechsel einer Identität, in der
Verwandlung einer Umgebung erleben, sind wirklich.
Auch der Tod ist eine Wandlung. Er ist so wirklich
wie das Leben. Aber er beendet nicht unsere Existenz.
Denn es gibt das "wirkliche Ich, das den Tod überdauert",
wie schon der deutsche Komponist Johannes Brahms wußte
(vgl.
ZS 43, S. 51).
Sammlungen und Erlebnisberichte Reanimierter, wie
sie Czycholl in seinem Buch versammelt, haben auch
in der jüngsten Vergangenheit viel Aufsehen erregt,
man denke an die populären Bücher des Mediziners Dr.
Raymond A. Moody. Czycholl meint dazu: "Aufsehenerregend
war die Feststellung, daß visionäre Erlebnisse in
Todesnähe keineswegs selten sind; aufsehenerregend
war die Erkenntnis, daß die Erlebnisinhalte in manchen
Aspekten altehrwürdigen religiösen Lehren und vereinzelt
von alters her tradierten Berichten entsprechen; aufsehenerregend
war die Tatsache, daß es bemerkenswerte Übereinstimmungen
von einzelnen inhaltlichen Motiven zwischen vielen
der Berichte gibt. Da ist etwa die Rede von der Erfahrung,
seinen eigenen Körper zurückzulassen und von außen
betrachten zu können, von der Begegnung mit einer
strahlenden Lichtgestalt, mit bereits zuvor Verstorbenen,
von einer eigentümlichen Konfrontation mit dem bis
dahin gelebten Leben.
Die wesentliche Übereinstimmung jedoch dürfte darin
zu sehen sein, daß berichtet wird von der Erfahrung
der Wirklichkeit: Der Betroffene erinnert sich (...)
einer unmittelbar realen Begegnung mit einer Welt,
die sich in vielen Fällen von der uns vertrauten,
sinnfälligen Welt unterscheidet."
John C. Lilly: Nur
Licht
Ein Erfahrungsbericht der höheren Art ist übrigens
auch Dantes ‚Göttliche Komödie'. Der gefeierte Dichterfürst
des Mittelalters verdankt den Stoff für seine Dichtung
im Wesentlichen den Visionen eines neunjährigen Knaben,
die dieser in todesähnlicher Erstarrung empfangen
hatte. Bei den nun folgenden Texten von Erfahrungen
Wiederbelebter erscheint es nebensächlich, ob sie
tatsächlich in der ‚realen' Welt stattgefunden haben,
wie der Bericht von C. G. Jung nahe legt, oder ‚nur'
Geschichten sind, wie es bei Karl May deutlich wird,
auch wenn bei Karl May nicht gesagt ist, daß der Erzählung
nicht seine eigenen oder Erfahrungen anderer zugrunde
liegen können. Denn auch die ‚Göttliche Komödie' ist
in erster Linie eine Dichtung - und doch verdankt
sie ihre Existenz den realen geistigen Erfahrungen
eines jungen Menschen. Zu leicht (und falsch) ist
es, solche Erfahrungen als reine Hirngespinste abzutun.
Dante hat die Eingebungen eines Kindes ernst genommen
- und einen Klassiker der Weltliteratur geschrieben.
Ich beginne mit der beeindruckenden Schilderung des
Wissenschaftlers und bekannten Delfinforschers John
C. Lilly in ‚Vergiftung', die in weiten Teilen an
Moodys Idealtypus des Sterbevorganges erinnert:
"Ich kann mich sehr gut an die inneren Erlebnisse
erinnern, während ich mich im sogenannten Koma befand.
Der donnernde Kopfschmerz, die Übelkeit und das Erbrechen
zwangen mich, meinen Körper zu verlassen. Ich wurde
zu einem konzentrierten Zentrum von Bewußtsein und
reiste in andere Räume und traf andere Wesen oder
Wesenheiten oder Bewußtheiten. Ich stieß auf zwei,
die sich mir durch einen weiten, leeren Raum näherten
und die sahen und fühlten und mir Führung und Belehrung
vermittelten. Es ist schwer, diese Erfahrung in Worte
zu kleiden, denn es wurden keine Worte ausgetauscht.
Reines Denken und Fühlen wurde vermittelt und von
mir und diesen beiden Wesenheiten empfangen. Ich will
versuchen, das was sich da ereignet hat, in Worte
zu übertragen.
Ich befinde mich an einem weiten, leeren Ort mit nichts
weit und breit darin als Licht. Es ist ein goldenes
Licht, das den ganzen Raum nach jeder Richtung hin
durchdringt, bis hinaus in die Unendlichkeit. Ich
bin ein einzelner Punkt, der aus Bewußtsein, aus Fühlen,
aus Wissen besteht. Ich weiß, daß ich bin. Das ist
alles. Es ist ein sehr friedlicher und ehrfurchtgebietender
Raum, in dem ich mich befinde. Ich habe keinen Körper,
ich habe kein Bedürfnis nach einem Körper. Ich bin
einfach ich. Erfüllt von Liebe und Wärme und Strahlung.
Plötzlich erscheinen in der Ferne zwei ähnliche Bewußtseins-Punkte.
Quellen von Strahlung, von Liebe, von Wärme. Ich fühle
ihre Anwesenheit. Ich sehe ihre Anwesenheit, ohne
Augen, ohne Körper. Ich weiß, sie sind da, also sind
sie da. Als sie sich zu mir her bewegen, fühle ich
mehr und mehr von beiden, und sie durchdringen mein
ganzes Wesen. Sie vermitteln ermutigende, ehrfurchtgebietende
Gedanken. Ich erkenne, daß sie Wesen sind, die hoch
über mir stehen. Sie beginnen mich zu belehren. Sie
sagen mir, daß ich an diesem Ort bleiben kann, daß
ich meinen Körper verlassen habe, aber daß ich zu
ihm zurückkehren kann, wenn ich möchte. Dann zeigen
sie mir, was geschähe, wenn ich meinen Körper dort
zurücklassen würde - ich kann mich entscheiden, welchen
Weg ich gehen möchte. Sie zeigen mir auch, wohin ich
gehen kann, wenn ich an diesem Ort bleibe. Sie sagen
mir, daß es noch nicht Zeit für mich ist, den Körper
für immer zu verlassen, daß ich noch ein Recht darauf
habe, zu ihm zurückzukehren. Sie geben mir völliges
und unbedingtes Vertrauen, völlige Gewißheit über
die Wirklichkeit meines Seins in diesem Zustand. Ich
weiß mit absoluter Sicherheit, daß sie existieren.
Ich habe keine Zweifel. Es besteht keinerlei Notwendigkeit
mehr für einen Akt des Glaubens; es ist eben so, und
ich akzeptiere es. Ihre erhabene, tiefe, machtvolle
Liebe überwältigt mich fast, aber schließlich lasse
ich sie zu. Als sie näher herankommen, finde ich weniger
und weniger von mir und immer mehr und mehr von ihnen
in meinem Wesen. (...) In diesem Zustand gibt es keine
Zeit. Es gibt dann nur ein augenblickliches Gewahrsein
der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft im
Jetzt."
Den vollständigen
Artikel mit weiteren Bekenntnissen des berühmten
Schweizer Psychiaters C.G. Jung, der Schriftsteller
Karl May und H. G, Wells (Die Zeitmaschine’),
des griechischen Philosophen Platon und des christlichen
Mystikers Meister Eckehart können Sie in unserer
gedruckten Ausgabe
Nr. 44 lesen.