Von Ursula Seiler
Irgendwann in den letzten Jahrzehnten ist uns die Moral abhanden
gekommen. Doch fanden wir uns nach dieser ‚Befreiung' nicht
im Paradies wieder, sondern eher in einem Dschungel voller Gefahren.
Mit Wehmut erinnern sich die Älteren von uns an Zeiten zurück,
da man des Nachts noch auf die Straße gehen konnte, ohne Angst
zu haben, und bedenkenlos Haus- wie Autotür offen lassen. Man
konnte einen Handwerker bestellen und wissen, daß er sein Bestmögliches
für einen fairen Preis leisten und später auch dafür geradestehen
würde, wenn etwas schiefgelaufen war. Die Mädchen wußten, daß
es die Männer ernst und ehrlich meinten, und daß sie eine Frau
fürs Leben suchten und nicht eine für den ‚One Night Stand'
- und so hatten sie es auch nicht nötig, ihre Vorzüge durch
mangelnde Textilien zur Schau zu stellen. Mann suchte nach inneren
Werten, nicht nach äußeren Reizen.
All dies gleicht einem versunkenen Zauberland, wo selbst die
Werbung noch treuherzig und ehrlich war und das Fernsehen ebenso.
Manch einer wünschte sich diese Welt zurück, und könnte er sie
per Knopfdruck bestellen, würde er es ohne zu zögern tun. Dem
gaben auch die Amerikaner in einer großen Umfrage Ausdruck,
als sie im Jahr nach dem 11. September 2001 sagten, am allermeisten
wünschten sie sich feste Werte und Tugenden zurück. Denn die
Welt ist kalt geworden. Kalt vor Angst. Und Angst ist das Gegenteil
von Liebe. Und Liebe suchen wir alle, wollen wir alle - doch
- wo ist sie hin? Jene heitere, unbeschwerte, ‚Alles-ist-Gut-Liebe'
voll der Zuversicht und des Optimismus wie wir ihr in alten
Heimatfilmen begegnen - die wir zwar kitschig nennen, die aber
doch eine Sehnsucht in uns anklingen lassen?
Wir haben sie verloren, da wir die Straße der Moral verlassen
haben - und damit auch dem Urquell der Liebe den Rücken gekehrt:
Gott.
Zugegeben, die Kirchen haben es uns nicht einfach gemacht. Die
Europäer, etwas ältere und mißtrauischere Seelen als die jungen
und leichtgläubigen Amerikaner, betrachteten das Gottesbild
der Kirche unter der Lupe der Logik und mußten es verwerfen.
Was die da von der Kanzel predigten, konnte nicht wahr sein.
Nicht im Zeitalter der Wissenschaft. Man weigerte sich, das
Irreführende zu glauben und wendete sich - tragischerweise -
nicht nur von der Kirche ab, sondern auch von Gott.
Wir haben den Gott der Kirche als unzulässige, einschränkende
Fessel also abgeworfen, und stehen nun da, ganz und gar ‚befreit'
- und bekommen zu spüren, daß dies manchmal auch ‚unerträglich
allein' bedeutet. Wir haben uns losgebunden von dem, was eine
schützende, Vertrauen schenkende Gegenwart in unserem Leben
sein sollte (ohne daß wir uns am Gängelband fühlen), und es
wird auf einmal alles sehr anstrengend. Anstrengend zu lieben,
anstrengend, ein guter Mensch zu sein. Um so mehr, als das Leben
uns auch scheinbar ungerechte, harte Lektionen erteilt. Die
uns nun, da wir so befreit alleine stehen, viel mehr ängstigen
als zuvor, wo wir uns sozusagen mit einem Rettungsseil mit der
Quelle, dem immer guten Göttlichen verbunden wußten. Und wenn
wir uns unsicher und allein fühlen und angegriffen werden -
dann kommt die Angst, und der Dschungel des Lebens scheint voller
wilder Bestien, die im Dickicht nur darauf lauern, uns anzufallen.
Im Dschungel gelten aber auch die ‚Gesetze des Dschungels' -
und das heißt zuerst einmal: Jeder ist sich selbst der Nächste.
Ich muß also alles tun, um für mich zu schauen - und statt mich,
wie oben erwähnt, in einem ‚befreiten Paradies' wiederzufinden,
bin ich plötzlich ein waffenstrotzender Krieger im Guerillakampf
des Lebens: Feind umzingelt von Feind. Und ohne mir dessen bewußt
zu sein, zieht mich diese Angst als Grundstimmung meiner Selbst
in einen immer tieferen Strudel aus Ichbezogenheit und Negativität
- dem puren Gegenteil jener Tugenden, die einen wahrlich befreiten
Menschen ausmachen.
Wir leben gewissermaßen nach einem ‚Kompaß der Unmoral', der
jenem der Moral diametral entgegengesetzt ist.
Statt Gott zu vertrauen, leben wir in Gottlosigkeit
- und negieren damit alles Höhere im Leben: Sinn, Gerechtigkeit,
Evolution... alles wird eingeebnet und unserem höchst mediokren
Intellekt untertan gemacht, was oft der Beginn eines zynischen
Menschen ist, der irgendwann nur noch das Schlechte in der Welt
wahrnimmt und kalten Herzens daran verdorrt. Man kann aber nicht
eine solche Lebenshaltung hegen und mit sich selbst im reinen
sein. Verachtung des Lebens führt irgendwann (wenn dies nicht
sogar der Anfang war) zur Selbstverachtung - und Selbstverachtung
muß immer danach trachten, Aufmerksamkeit und Liebe zu bekommen,
weil sie selbst natürlich keine mehr zu geben vermag.
So ein Mensch mag auch ein schwieriges
Familienleben haben, weil er von einem gebenden zu
einem nehmenden Menschen geworden ist und stets in der Angst
lebt, nicht genügend Beachtung zu bekommen - also müssen die
anderen um ihn herum niedergemacht werden. Er ist kein Mensch,
der in seiner Animosität
leicht Freundschaften schließt, sondern sich eher mißtrauisch
fern von anderen hält. Vermutlich denken die sowieso schlecht
über ihn.
In dieser Haltung liegt natürlich auch kein Respekt vor dem
Nächsten, sondern vielmehr ein Mangel daran, der leicht in Verachtung
übergeht. In die Verachtung
flüchtet sich der Mensch, weil er im Grunde fürchtet, der andere
könnte besser sein als das eigene, als schwach und unzulänglich
erfahrene Selbst. Und wer sich in einem feindlichen Dschungel
klein und mies fühlt, braucht eine Kriegsbemalung, um andere
einzuschüchtern: Nämlich Arroganz
und Selbstgerechtigkeit,
die polternd zur Schau getragen werden - und im Grunde nichts
als verzweifelt versuchter Selbstschutz sind in einer Welt voller
Feinde. Ein solch bitter gewordenes Herz empfindet natürlich
auch keine Dankbarkeit - wofür denn schon in diesem mühsamen
Leben? Im Gegenteil. Die Arroganz wird zu Undankbarkeit
im Empfinden, daß das Leben einen schon viel zu lange auf dieses
und jenes hat warten lassen, dabei hätte man es doch schon längst
verdient gehabt! Man hadert mit allem im Leben und lebt in einer
Grundstimmung von Angst, Wut
und Haß. Es interessiert
einen keinen Deut, was man dem Leben geben könnte, da man ständig
damit hadert, was einem das Leben vorenthält. Man ist absolut
ichbezogen und denkt nur an sich und niemals an andere zuerst.
Der eigene Vorteil geht über alles - Hauptsache, ich raffe mir
soviel ich kann in diesem Leben, denn ‚nach mir die Sintflut!'
Da Gott im Leben fehlt, versuchen wir, alles Glück aus dem Materiellen
zu beziehen, und kennen auch keinerlei geistige Gesetze. Wir
wissen nicht, daß alles, was wir tun, Wirkungen erzielt, die
zu uns zurückkommen - als Blumenstrauß oder als Bumerang. Wir
haben keine Ahnung, daß weder die Gedanken noch die Taten ‚frei'
sind, sondern wir in kommenden Erdenleben ernten werden, was
wir jetzt säen.
Solch konstante Angst und Welthaß führen zu Intoleranz.
Alles Fremde und Andersartige ist eine Bestie im Dschungel des
Lebens, die uns mit glühenden Augen aus dem Dickicht anblickt.
Also jagen und verfolgen wir sie.
Ein solcher Lebenskrieger kann sich natürlich auch niemals die
Blöße leisten, unrecht zu haben - und dies zuzugeben. Unter
Feinden gibt es keine Vergebung,
nur Anklage und Angriff. Er zieht mordend und plündernd übers
Land, alles an sich raffend, was er nur kriegen kann - man weiß
ja niemals, ob die Gelegenheit dazu wieder kommt! Zügellosigkeit
und Unbeherrschtheit sind
seine gierigen Weggefährten - und daher finden wir so oft unter
Menschen, die den Pfad der Moral und der Tugend verlassen haben,
solche, die nicht nur alles Geld der Welt an sich reißen wollen,
sondern daneben auch ein äußerst zügelloses Leben führen. Natürlich
können diese sich Ehrlichkeit sich selbst und dem Leben gegenüber
längst nicht mehr leisten, zu schrecklich wäre die Bilanz, die
sie ziehen müßten. Also verschanzen sie sich hinter grundsätzlicher
Unehrlichkeit, die auch
als Maske dient, damit andere ihr wahres Wesen nicht erkennen
können. Statt zu beten (wovon sie Lichtjahre entfernt sind)
fluchen sie gegen Gott.
Sie scheinen allen Grund zu haben, Ihn sich vom Leib zu halten!
Wie abstoßend solche Menschen sind, wird uns beinahe täglich
in Hollywoodfilmen aus dem Cop- und Gangstermilieu vor Augen
geführt, wo kaum ein Auftritt ohne Fluch endet.
Jedem dieser Laster steht natürlich eine Tugend gegenüber. The
Most Rev. Peter W. Leach-Lewis, Gründer und Patriarch der Bruderschaft
der Menschheit, entwarf den Kompaß
der Moral - in einer Zeit, wo die Menschen
gerade erst (am 11. September 2001) die Auswüchse einer unmoralischen
Welt dramatisch vor Augen geführt bekamen.
Zum klareren Verständnis listen wir hier nochmals eine Gegenüberstellung
von Tugenden und Untugenden auf, bevor wir uns dann - endlich!
- den Tugenden zuwenden:
| Tugend: |
Untugend: |
| Glaube an Gott |
Gottlosigkeit |
| Familiensinn |
Schwierigkeiten in |
| |
der Familie |
| Freunschaft |
Feindseligkeit |
| Respekt |
Verachtung, |
| |
Respektlosigkeit |
| Demut |
Arroganz, |
| |
Selbstgerechtigkeit |
| Dankbarkeit |
Undankbarkeit |
| Liebe |
Angst |
| Toleranz |
Intoleranz |
| Vergebung |
Mangel an |
| |
Vergebung, |
| |
Unbarmherzigkeit |
| Zurückhaltung |
Unbeherrschtheit, |
| |
Zügellosigkeit |
| Ehrlichkeit |
Unehrlichkeit |
| Gebet |
Fluchen |
Wenn wir um uns blicken, stellen wir fest, daß - leider - viele
Menschen sich in den Untugenden verstrickt haben. Sie sind unglücklich,
depressiv, angstvoll und sehen keinen Sinn im Leben. Kein Wunder,
denn niemals wollte Gott, daß wir Menschen ein solch armseliges
Leben führen! Es war niemals der Plan, daß der Mensch sich so
tief in die Höhlen des Lasters begeben sollte. Ja, die Erde
ist ein Schulzimmer. Ja, jeder Mensch hat sich freiwillig in
dieser Schule angemeldet, um zu lernen, ein Meister der Energie
zu werden. Ja, dazu muß er sozusagen die verkörperte Tugend
werden. Doch NEIN, es ist nicht notwendig, zum Erlernen der
Tugenden zuerst durch alle Laster hindurchgehen zu müssen! Ja,
es mag sein, daß derjenige, der ‚vom Saulus zum Paulus' geworden
ist, bei seinem Weg durch die Laster mehr menschliches Verständnis
und damit Toleranz erworben hat und damit auch Weisheit aus
Erfahrung, doch es gibt auch Laster, die den Menschen sosehr
schädigen, daß er nur schwer den Pfad der Tugend noch beschreiten
kann. Denn alles, was wir tun, beeinflußt unser Wesen, das nicht
nur aus dem physischen Körper, sondern auch einer Seele (Emotionalkörper,
Gedankenkörper, Äther- oder Erinnerungskörper) besteht sowie
einem Geist. Und gerade der physische und der Seelenkörper können
Schädigungen erleiden - beispielsweise durch Drogenkonsum -
die nicht mehr im selben Leben geheilt werden können.
Es ist also nicht weise, zu weit vom Pfad der Tugend abzugehen,
nur um die Lebensneugier - oder die Gier nach Leben? - zu befriedigen!
Die anschließenden und ausführlichen Betrachtungen über die
zwölf Tugenden des Moralkompasses finden Sie in unserer Druckausgabe
Nr. 45 , wo Sie den vollständigen Artikel in aller
Ruhe lesen können.