Die tragische Faust-Thematik ist seit dem 16. Jh. unzählige
Male literarisch bearbeitet worden. Offensichtlich ist dies
ein Stoff, der die Geister und Gemüter der Menschen immer wieder
aufs neue herausfordert. Und über kaum ein Thema ist soviel
geschrieben und herumgerätselt worden. Jedes einzelne Motiv
des Faust-Stoff wurde verschiedentlich untersucht und erläutert.

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust (= Staub) Zu den Gefilden
hoher Ahnen.
(Faust I, Vers 1112 1117)
Das ist das tragische Dilemma, indem der melancholische Doktor
Faust steckt und das ihm "schier das Herz verbrennt". Um seinen
ungeheuren Wissensdurst zu stillen, hat er "mit heißem Bemühen..."
"Philosophie, Juristerei, Medizin und leider auch Theologie"(I,344
356) studiert - nur um festzustellen, "daß wir nichts wissen
können" (I,364). Faust fühlt sich von allen guten Geistern verlassen
und wendet sich der schwarzen Magie zu. Das führt ihn allerdings
nicht aus dem Dilemma heraus, sondern in immer kompliziertere
Verstrickungen hinein.
"Zwei Seelen wohnen, ach! in meine Brust". Diese berühmten Worte
aus Goethes Faust sind inzwischen beinahe zu einem Synonym für
den Namen Faust geworden. Sinnigerweise hat Faust eine doppelte
Bedeutung: Im Deutschen steht er für Wut und Aufruhr, ungezähmte
Kraft und Gewalt. Vom Lateinischen hergeleitet - (aus faustus
= glücklich) - heißt Faust hingegen der Glückliche. Damit verweist
der Name dieses tragischen Helden, der sein Glück nicht selten
mit Gewalt zu erreichen versucht, auf die tiefe Zerrissenheit
seines Wesens.
Faust als historische Figur
Die Faustlegenden gehen zurück auf eine historische Figur: Doktor
Georg oder Johann Faust. Dieser wurde angeblich um 1480 - also
zu Luthers Zeit - im Raum Württemberg geboren und zu Beginn
des 16. Jahrhunderts als Gelehrter und Wahrsager bewundert,
war aber auch als Scharlatan und Quacksalber verschrien. Ja,
der waghalsige Tausendsassa soll sogar mit dem Teufel im Bunde
gestanden sein. Vielleicht war dieser Faust auch bloß eine neugierige
Forscherfigur, ein kühner Vorläufer unserer Naturwissenschaftler
oder ein echter Alchemist, dem es gelungen war, die Geheimnisse
der Natur zu ergründen und den "Stein der Weisen" herzustellen.
Letztlich läßt sich das wohl kaum mehr ausmachen. Jedenfalls
soll sein Leben ein jähes Ende gefunden haben - ob er nun vom
Teufel persönlich abgeholt wurde oder einem seiner kühnen Experimente
im eigenen Laboratorium zum Opfer fiel.
Kein Wunder, daß sich um diese historische Faustgestalt schon
bald die Sagen spannen. Ab dem 16./17. Jahrhundert entstanden
verschiedene in Prosa verfaßte "Volksbücher" über Faust - meist
in lehrhaftem Predigtton -, ferner Tragödien in Versform, Schwänke
und Puppenspiele, vor allem in deutscher Sprache, aber auch
in Englisch (Chr. Marlowe ), Spanisch (Calderón de la Barca)
und in Lateinisch (Schuldramen). Auch im 18., 19. und 20. Jahrhundert
entstanden immer wieder neue Faustdichtungen , bis hin zu Thomas
Manns monumentalem Roman Doktor Faustus (erschienen 1947) .
Die zurecht weitaus berühmteste Faustdichtung stammt jedoch
von J.W. Goethe. Sie sprengt die Dimensionen der übrigen Faustdichtungen,
indem sie der Größe dieser Gestalt gerecht wird und einen Ausweg
aus dem geistigen Dilemma aufzeigt. Zu den literarischen Bearbeitungen
kamen später auch musikalische Faust-Darstellungen hinzu, u.a.
Charles Gounods Oper Faust, die 1859 uraufgeführt wurde.
Faust als Mythos
Die vielen Faustbearbeitungen über die Jahrhunderte belegen
es: Faust ist schon bald zu einem Mythos geworden, steht doch
sein Name für die zwischen zwei entgegengesetzten, scheinbar
unvereinbaren Welten hin und her gerissene menschliche Existenz
schlechthin. Wir haben es also hier nicht etwa mit einer historischen
Magierfigur zu tun, sondern mit einem Urproblem des menschlichen
Daseins hier auf Erden, mit einem Archetypus, der wohl so alt
ist wie der Fall des Menschen.
Als der Mensch allmählich den ‚Schleier der Maya' auf sich herabzog
und dadurch aus seiner ursprünglichen Einheit mit der Gottheit
herausfiel, begann sich seine geistige Sicht mehr und mehr zu
trüben. Er geriet in den Kreislauf der Verkörperungen hinein,
verlor den Kontakt zu seinem wahren Selbst und büßte seine gottgegebene
Schöpferkraft und seine metaphysischen Fähigkeiten (wie die
Hellsichtigkeit) weitgehend ein. Zurück blieb eine vage, wehmütige
Erinnerung an das verlorengegangene Paradies, das fortan nur
noch in den Mythen der Völker weiterlebte...
Durch eine bewußte Kontaktaufnahme mit ‚höheren' oder auch mit
‚tieferen' Mächten, mit göttlichen und dämonischen Wesen, wollte
der Mensch fortan seine Ohnmacht wettmachen, seine Grenzen sprengen,
sein beschränktes Wissen erweitern und die Elemente der Natur
bezwingen. Die Mittel und Wege, die er dazu einsetzte, waren
u.a. das Reisen und das Studium, aber auch Zeremonielle und
rituelle Handlungen, Gebete und Beschwörungen, die Einsamkeit
und die Meditation.
In diesem Sinn ist jeder verkörperte Mensch ein Faustus - oder
eine Faustina, der oder die letztlich nichts anderes sucht als
den Weg zurück nach Hause, sei es auch noch so verzweifelt und
durch noch so viele Irrungen und Wirrungen - sprich Verkörperungen
- hindurch. Bei den einen ist dieser Drang latent, bei andern
jedoch akut - und damit sind wir beim faustischen Menschen angelangt.
Er ist im Grunde ein ent-täuschter, hartnäckiger Gottsucher,
selbst wenn er gelegentlich vor lauter Verzweiflung und Auflehnung
gegen diesen Gott - oder auch gegen das Bild, das er sich von
ihm macht Amok läuft und sich sogar mit dem ‚Leibhaftigen' verbündet,
um ihm zu trotzen.
Faust als Magier
"Es möchte kein Hund so weiterleben! (I,
376-77)
Drum hab' ich mich der Magie ergeben..."
Faust ist ein Magier was immer man darunter verstehen mag.
Wie kommt es nun aber, daß Zauberkünstler auf große und kleine
Kinder eine derart starke Faszination ausüben, auch heute noch?
Lassen wir uns von ihnen nicht allzu gerne in eine Welt versetzen,
die nicht nach unserem äußeren Verstand funktioniert - und sei
es nur für kurze Augenblicke? Vielleicht ahnen wir in solchen
Momenten, daß übersinnliche Kräfte auch in uns schlummern und
daß wir einmal imstande waren, frei über sie zu verfügen. Oder
es wird uns dabei aber auch angst und bange, da wir solche Fähigkeiten
einst mißbrauchten.
Was heißt nun Magie genau? Was ist ein Magier? Das Wort magos
(gr.) bzw. magus (lat.) stammt aus dem persischen Kult und bedeutet
Feueranbeter, Priester, Sternkundiger oder Traumdeuter. Die
biblischen ‚Weisen aus dem Morgenland', die dank ihren astronomischen
Kenntnissen den Weg zum Avatar des Fischezeitalters fanden,
waren solche Magier. Im Spanischen bezeichnet man sie noch heute
als ‚los tres magos', die drei Magier.
Der ursprünglich neutrale Ausdruck wurde im deutschen Kontext
später oft in einem abschätzigen Ton verwendet. Der Klarheit
halber wird daher unterschieden zwischen weißer Magie, bei der
sich der Mensch mit reinen, göttlichen Kräften verbindet - wie
Jesus der Christus, der Kranke heilte und Dämonen austrieb ,
und schwarzer Magie, die unreinen Energien und Entitäten Tür
und Tor öffnet, wie dies die ‚Baalspriester' zur Zeit des Propheten
Elias taten. Natürlich kann auch ein Weißmagier zu einem Schwarzmagier
verkommen, wie im Falle von König Salomon.
Biblische Magier waren u.a. Bileam (4. Mos. 22-24) oder Simon
aus Samaria (Apostelgeschichte Kap. 8) . Frühchristlichen Legenden
berichten vom Magier und Märtyrer Cyprianus oder auch vom gefallenen
Priester Theophilus was so viel heißt wie Liebling Gottes oder
Gottlieb -, der ein überaus sinnenfreudiges Leben führte, bis
ihn ein Strahl der göttlichen Gnade traf und zur Umkehr bewegte.
Auch Merlin, der Erzieher des großen Königs Arthus, ist hier
zu nennen. Berühmte Magier der Renaissance-Zeit waren u.a. Paracelsus
und Albertus Magnus.
Eine Geheimwissenschaft wie die Magie, die die menschlichen
Geister und Gemüter über die verschiedener Epochen, Religionen
und Kulturen hinweg immer wieder aufwühlte, muß die menschliche
Natur in ihrem innersten Lebenskern (be)treffen, wie vor allem
aus Goethes Faust ersichtlich wird.
Der Pakt mit dem Teufel
Das Kernmotiv der Faustsage ist der berüchtigte Pakt mit dem
Teufel, den Faust nach alter Tradition mit seinem Herzblut unterschreibt.
Die Teufelsfigur, die diesen Pakt mit Faust eingeht, trägt in
einigen Faustdichtungen - so auch bei Goethe den griechisch
anmutenden Namen Mephistopheles , der frei übersetzt in etwa
bedeutet: ‚Einer, der das Licht nicht liebt' ....Um Lebens
oder Sterbens willen /Bitt' ich mir ein paar Zeilen aus,(/,1714
1715) verlangt Goethes Mephisto, denn als gewiefter Advokat
will er auch etwas Schriftliches in Händen halten. Und er verlangt
von Faust, der diesen Akt ohnehin nur für eine Farce hält: Du
unterzeichnest dich mit einem Tröpfchen Blut (I, 1737) denn:
Blut ist ein ganz besondrer Saft. (I, 1740). Das ist
es auch, denn es ist nicht nur physisch, sondern auch ätherisch.
Blut trägt sozusagen den Stempel des Individuums und ist imstande
(über die Lungen) das Prana aufzunehmen also den Lebensodem,
die kosmische Energie , das den Menschen mit der reinen spirituellen
Ebene verbindet Zudem ist das Herz der Tabernakel des Allerhöchsten
im Menschen, beherbergt es doch den göttlichen Funken, die dreifältige
Flamme. Als Universalgelehrter, der keine Trennung zwischen
Geist und Natur kannte und in allen Erscheinungsformen nach
den in ihnen wirkenden Kräften suchte, dürfte Goethe um diese
Zusammenhänge gewußt haben - als intuitiver Dichter hat er sie
zumindest erahnt. Der Teufelspakt ist letztlich eine Umkehrung
des Taufgelöbnisses, das einer Absage an den Teufel gleichkommt
und das durch den Teufelspakt wieder außer Kraft gesetzt wird.
Und so ungefähr lautet der Vertragsinhalt - hier in Mephistos
Worten:
Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden,
(I, 1656 1659)
auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn;
wenn wir uns drüben wiederfinden,
So sollst du mir das gleiche tun.
3)Die Faustliteratur hat ein Ausmaß erreicht,
das einen beinahe erschrickt. In meinem Artikel konzentriere
ich mich auf die Kernaussauge.
4)Auf Zitate aus Goethes Faust I wird fortan wie folgt verwiesen:
I (= erster Teil) bzw. II (= 2. Teil) plus Versnummern.
5)Eines der berühmtesten war die "Historia von Dr. Johann Faustus,
dem weitbeschreiten Zauberer und Schwarzkünstler", 1587 bei
Spieß in Frankfurt am Main erschienen.
6)Tragical History of the Life and Death of Dr. Faustus. Dieses
bedeutende Werk erschien bereits Ende des 16.Jahrhunderts und
hatte eine große Ausstrahlung.
7)Der wundertätige Magus
8)u.a. ein Faustfragment von Lessing und ein Faustpoem von Heine.
9)Manns Faustgestalt ist ein moderner Komponist, Adrian Leverkühn,
der in der Manier Schönbergs auf der Basis der (disharmonischen)
12-Tontheorie komponiert und (nach dem Roman) Ende des 19. bis
gegen Mitte des 20. Jahrhundert lebt. Manns Faust trägt Züge
des historischen Faust, Friedrich Nietzsches, Arnold Schönbergs
und des Autors selber.
10)Weitere Ausführungen dazu in: Robert Petsch, Faustsage und
Faustdichtung, Dorfmund 1966.
11)Fortan verwende ich die Kurzform Mephisto.
12)Nach einem uralten Fremdwörterbuch von Dr. Joh. Christ. Aug.
Hense aus dem Jahre 1903.
Die vollständige und tiefschürfende Analyse zum Faustmythos
finden Sie in unserer gedruckten Ausgabe
Nr. 46 .