Delphine: Die Heiler aus der Tiefe (Teil 1/3)

Seit Jahrtausenden hat der Mensch zu Delphinen ein spezielles Verhältnis. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse belegen die Behauptung antiker Sagen, daß der Delphin dem Menschen ebenbürtig ist – vielleicht sogar überlegen. Jedenfalls vermögen sie wahre Wunder zu vollbringen, wenn es gilt, psychisch kranke Menschen zu heilen.

Von Benjamin Seiler

Starr vor Angst saß die alte Frau im schaukelnden Boot. Zum ersten Mal in ihrem Leben steckte sie in einem Tauchanzug, sie, die nicht einmal richtig schwimmen konnte. Vorsichtig ließen starke Hände den zitternden Körper ins Wasser gleiten, wo die alte Frau steif wie ein Brett auf den Wogen dümpelte. Die weit aufgerissenen Augen schienen lautlos zu schreien: "Worauf habe ich mich da bloß eingelassen!"
Und dann kam er. Sanft stieg der Delphin unter der verängstigten Frau hoch und ließ sich ihre Hände auf seinen Rücken legen. In dieser Stellung verharrte er, bis sie sich beruhigt hatte. Dann begann der Delphin die alte Frau zu ziehen, behutsam und sanft in immer größer werdenden Kreisen.
Als sie wieder auf dem Rand des Schlauchbootes saß, schwamm der Delphin zu ihr hin, legte seinen Kopf in ihren Schoß und sie küßte ihn. Ihr Gesicht erstrahlte von nie gefühltem Glück. Tränen flossen über die Wangen.
Dieses eine Erlebnis habe ihr ganzes Leben verändert, erzählt sie heute. Ein Leben, das geprägt war von schweren Depressionen und den seelischen Verletzungen einer Vergewaltigung. "Der Delphin hatte mich so akzeptiert, wie ich war," und ihr dabei geholfen, sich endlich selber anzunehmen.
Diese Begegnung hatte sich nicht etwa in einem Delphinbecken eines zoologischen Gartens zugetragen, sondern in der Nordsee. Es war ein wilder Delphin, der 1984 das Leben jener Frau so grundlegend verändert hatte.
Das ist kein Einzelfall geblieben. Der Engländer Horace Dobbs hat im Laufe der Jahre schon viele hilfesuchende Menschen zu den Delphinen, seinen Freunden, gebracht. So auch Bill. Seine kleine Tochter hatte im Fernsehen einen Film von Dobbs über wilde Delphine und ihren Umgang mit kranken Menschen gesehen . Inständig bat sie Horace Dobbs, ihren Daddy doch auch mal auf einen Delphin–Trip zu nehmen: Bill war seit zwölf Jahren schwerst depressiv.
Erwartungsvoll sah die ganze Familie zu, wie sich Bill in seinem Tauchanzug ins Wasser fallen ließ. Horace Dobbs erzählt: "Kaum war Bill im Wasser, sprang beinahe sichtbar ein Funke über. Ich habe noch niemals erlebt, daß zwischen einem Menschen und einem Delphin schon nach wenigen Sekunden eine so starke Bindung entstanden ist."
Bill, der in seiner inneren Hölle Gefangene, blühte auf, spielte mit dem Delphin wie ein kleines Kind. Seine Frau stammelte schluchzend: "Das ist jener Bill, den ich vor zwölf Jahren verloren habe."
"Am nächsten Morgen traf ich Bill am Hafen. Er lächelte wie eine aufblühende Sonnenblume", erinnert sich Dobbs. "Damals kam mir der erste Gedanke an mein Forschungsprojekt 'Operation Sunflower'."
Doch blenden wir zurück ins Jahr 1974, als Horace Dobbs zum ersten Mal einem wilden Delphin begegnete. "Ich war beim Tauchen vor der Isle of Man und wollte das Weitwinkelobjektiv für meine Unterwasserkamera ausprobieren, das ich kürzlich gekauft hatte. Da war plötzlich ein Delphin unter mir und nahm mein Bein ins Maul. Mir wurde flau im Magen und ich dachte halb scherzend, wenigstens kannst du das Bein jetzt fotografieren, wenn es langsam hochtreibt."
Doch diese Aufnahme blieb Horace Dobbs versagt, denn der Delphin wollte ihn nur testen. "Trotzdem war da nie ein Gefühl der Angst. Es war mehr wie Freude und sogar Triumph, so, als ob der Höhepunkt des Tages vor einem auftauchen würde."
Und der Delphin tauchte auf, schnellte seine 300 Kilogramm hoch in die Luft und ließ sich wenige Zentimeter neben Dobbs schnorchelndem Jungen ins Wasser fallen. Das verblüffte den Gehirnspezialisten, der gerade eine klinische Studie über die Wirkung von starken Psychopharmaka auf das Gehirn und zentrale Nervensystem durchführte. "Ein solch präzise berechneter Sprung erfordert ein Gehirn, das dem Menschen ebenbürtig ist."
Delphine haben ein ebenso großes Gehirn wie wir Menschen. Ihre Gehirnwindungen sind gar noch komplexer als die unseren, ihr Gehirn hat also eine größere Oberfläche. Die Gehirnoberfläche jedoch ist maßgebend für die Intelligenz eines Wesens.

Sind Delphine also intelligenter als Menschen? Giorgio Pilleri, ein bekannter Schweizer Hirnforscher und Walspezialist, hält dies durchaus für möglich: "Die Hirnformen einiger Zahnwale haben einen Grad der Zentralisation erreicht, der weit über den des Menschen hinausgeht. Die Endstellung des Gehirns von Homo (Mensch) in der Rangordnung der Säugetiere beginnt heute zweifelhaft zu werden." Gesichert hingegen ist, daß ein Delphingehirn erheblich mehr Informationen pro Zeiteinheit verarbeiten kann, als das menschliche.
"Die Delphine sind die Könige unter den Tieren, die in Scharen durch die Meere ziehen; sie sind sich ihrer Kühnheit, Schönheit und großen Schnelligkeit durchaus bewußt. Pfeilschnell und mühelos gleiten sie durch das Wasser, ihre Augen leuchten kühn und stolz und entdecken, wie mir scheinen will, jeden Fisch, der sich in einer Spalte oder am Grund des Meeres zu verbergen trachtet.
Wie die Adler die Könige der Lüfte sind und die Löwen die Herren des Landes, so sind die Delphine die vollkommensten unter den Meerestieren. Kein anderer Meeresbewohner wagt es, sich ihnen zu nähern, oder sie gar anzustarren, vielmehr suchen sie zitternd das Weite, wenn der Herr des Meeres schnaubend seinen Atem ausstößt." Mit diesen Worten huldigte der römische Dichter Oppian vor 1800 Jahren den Delphinen.
In der Antike wurden die Delphine als göttliche Wesen betrachtet. Bei den Römern und Griechen galt als Frevel, sie zu töten. Oppian, der letzte glühende Delphinverehrer, schrieb: "Die Jagd auf Delphine ist unmoralisch. So, wie die Götter das Töten von Menschen verabscheuen, gilt es ihnen auch als Verbrechen, den Herrschern der Meerestiefen gewaltsame Vernichtung zu bereiten." Wer es trotzdem wagte, wurde mit dem Tode bestraft.
In den acht Jahrhunderten vor Oppian (600 v.Chr.–200 n.Chr.) wird immer wieder über das freundliche Verhalten der Delphine gegenüber dem Menschen berichtet. Plinius der Jüngere beschreibt in einem Brief an seinen Freund Caninius einen Vorfall, der sich in der afrikanischen Kolonie Hippo zugetragen haben soll: "Bei einem Wettschwimmen wagte sich ein Knabe, der verwegener war, als seine Spielgefährten, weiter hinaus als die anderen. Da kommt ihm ein Delphin entgegen, schwimmt bald vor, bald hinter den Knaben, umkreist ihn, taucht unter, hebt ihn auf seinen Rücken, setzt ihn ab, taucht wieder, hebt ihn abermals empor und trägt den Zitternden weit ins Meer hinaus. Dann wendet er sich dem Ufer zu und bringt den Knaben zurück ans Land zu seinen Kameraden."
Der Knabe sei sehr verängstigt gewesen, schreibt Plinius, und es habe mehrere Tage des Werbens seitens des Delphins gebraucht, bis das Kind es ein zweites Mal wagte, auf dem Delphin zu reiten. "Der Knabe schwimmt zu ihm hin, springt ihm auf den Rücken, läßt sich von ihm hin und her tragen, glaubt, von ihm erkannt zu sein, geliebt zu werden, und gewinnt ihn selber lieb. Keiner fürchtet noch den anderen. Immer mehr Zutrauen gewann der Knabe, und immer zahmer wurde der Delphin."
Aus dem kleinasiatischen Jasos wird berichtet, wie der Knabe Dionysos jeden Abend, wenn das Gymnasion seine Pforten geschlossen hatte, auf einem Delphin ritt. Und in Pozzuoli bei Neapel soll ein Delphin den Sohn eines armen Fischers täglich auf seinem Rücken quer über eine Meeresbucht zur Schule getragen haben.
Auch Dean Bernal reitet auf einem Delphin. Der 30jährige Kalifornier ist Tauchlehrer in der Karibik. Dort lernte er 1988 Jojo kennen. Jojo ist ein besonders schönes Exemplar von einem Delphin–Männchen und Deans bester Freund. Die beiden gehen oft zusammen schwimmen, wobei Jojo seinen Freund unter Wasser beschützt. Kommt ein Hai zu nahe, rammt er ihm blitzschnell seine stahlharte Schnauze in die Eingeweide.
Jojo ist zu einer beliebten Touristenattraktion auf den Turks & Caicos Inseln geworden und Dean wurde von der Inselregierung zu seinem offiziellen Betreuer ernannt.
1955 tauchte am Strand von Oponomi an der Westküste Neuseelands regelmäßig ein großer Tümmler auf, der immer zutraulicher wurde. Schließlich spielte er mit den Badegästen Wasserball und ließ die Kinder auf sich reiten.
Ende des letzten Jahrhunderts wurde in der Cookstraße, jenem Meeresarm, der die beiden Hauptinseln Neuseelands trennt, zum ersten Mal 'Pelorus Jack' gesichtet, ein Delphin, der während den nächsten zwanzig Jahren alle Dampfer begleitete, die zwischen den beiden Inseln verkehrten.
Bill, der Depressive, möchte ein Meermann werden. "Einen Delphin zu sehen bedeutet mir mehr, als alle Pillen, die ich in den letzten zwölf Jahren geschluckt habe." Delphine haben offensichtlich einen heilenden Einfluß auf psychisch kranke Menschen. Dies wollte Horace Dobbs genauer untersuchen. 'Operation Sunflower' begann mit drei kranken Menschen, die Dobbs zu Versuchen mit wilden Delphinen nach Irland brachte: Einen jungen Mann, der unter Paranoia litt, eine hochintelligente Frau, die sich zu Tode hungerte und Bill.
"Der Erfolg war verblüffend. Nehmen wir Bill: Er war zwölf Jahre lang schwer depressiv, doch heute lächelt er ständig. Er geht in Spitäler und redet mit den Patienten, gibt ihnen Hoffnung und zeigt Filme über Delphine."

Fortsetzung des Artikels

 

© ZeitenSchrift, CH-6343 Rotkreuz

 

Dieser Artikel wurde der ZeitenSchrift Nr. 2 entnommen.
D.C. Miller: "Sea of Dreams", Portal Publications
Horace Dobbs tanzt mit Delphin 'Simo' im offenen Meer von Wales.
(Bildnachweis:) Bilder: Horace Dobbs
Dean Bernal in zärtlichem Spiel mit seinem Freund 'Jojo'.