Man fragt sich, was
erstaunlicher ist: Daß es dieses Massenphänomen überhaupt gibt
- oder, daß es von der Presse totgeschwiegen wird. Denn was
sich im amerikanischen Süden, dem sogenannten ‚Bible Belt' (Bibelgürtel)
abspielt, wäre eigentlich ein Fressen für die linken, atheistischen,
zynischen Medien: Rund siebzig Millionen Amerikaner glauben,
daß der ‚Jüngste Tag' uns kurz bevorsteht. Daß es nur eine Frage
von Wochen bis wenigen Jahren sein kann, bis Jesus Christus
auf einer Wolke herniederschweben und all jene, die ‚gerettet'
sind, aus ihren Autos, Wohnungen und Gräbern zu sich hinaufziehen
wird.
Schön und gut, mögen Sie sagen, lassen wir diesen Menschen doch
ihren kindlichen Glauben. Doch die Sache ist nicht ganz so einfach.
Die ‚fundamentalistischen Christen', wie sie auch genannt werden,
stellen mittlerweile nämlich eine richtungsweisende politische
Kraft dar. So ließen sie dem gegenwärtigen Präsidenten Bush
am 30. Juli 2001 mitteilen, wenn er künftig nicht ihre politischen
Ziele unterstütze und eine Politik betreibe, die klar für den
Staat Israel und gegen die Palästinenser sei, dann würden sie
seine Präsidentschaft ebenso zerstören, wie sie die seines Vaters
zerstört hätten - der bekanntlich nach vier Jahren nicht wiedergewählt
wurde.
Die fundamentalistischen Christen richteten diese Drohung nicht
allein gegen Bush. Mit ihnen im Bunde waren die US-Zionisten.
Denn obwohl sie vollkommen entgegengesetzte Ziele haben und
einander bei Erreichung derselben aufs Blut bekämpfen würden,
bilden die evangelischen Christen mittlerweile die stärkste
Kraft zur bedingungslosen Unterstützung Israels - womit sie
sich die nicht ganz so bedingungslose Unterstützung der Zionisten
verschafft haben.
Es ist eine Geschichte, so krude, abstrus und bigott, daß man
sich fragt, wie Millionen Bürger des angeblich fortschrittlichsten
Landes der Erde sie in unseren aufgeklärten Zeiten allen Ernstes
glauben können. Dennoch wird diese Geschichte in keinem amerikanischen
Medium angeprangert oder auch nur schon berichtet. Wir wissen
jetzt weshalb: Weil die Interessen Israels dadurch geschädigt
würden.
Armageddon - ein Tal in Nordisrael
Das Paradoxe an der Geschichte ist, daß die fundamentalistischen
Christen alles für Israel tun, um zu ermöglichen, daß es dereinst
(also in naher Zukunft) zerstört werden möge. "Endlich", ruft
Clyde mit gefühlsschwangerer Stimme. "Endlich sehe ich den Ort
der letzten großen Schlacht!" Clyde ist ein pensionierter Geschäftsmann
aus Minneapolis/USA, der im Jahr 1983 an einer von Prediger
Jerry Falwell organisierten Reise nach Israel teilnimmt. Dort
trifft er Grace Halsell, eine renommierte US-Journalistin, Berichterstatterin
des Korea- und des Vietnam-Krieges, mehrfache Buchautorin und
in den Sechziger Jahren Redenschreiberin für Präsident Lyndon
B. Johnson.
Clyde meint offensichtlich ‚Armageddon', wenn er von ‚der letzten
großen Schlacht' spricht. Halsell fragt ihn, woher er denn wisse,
daß Armageddon ausgerechnet hier, in Nordisrael stattfinden
werde. "Nehmen Sie den Namen - Megiddo - und fügen Sie das hebräische
Wort ‚har' hinzu, das ‚Berg' meint - dann erhalten sie einen
Ausdruck, der ‚die Berge von Megiddo' bedeutet, oder eben ‚Har-Megiddo'.
Dies läßt sich in den Namen ‚Armageddon' übersetzen."
Grace Halsell, die im Jahre 2000 verstarb, schildert die Begegnung
in ihrem Buch ‚Forcing God's Hand', in dem sie dem verschwiegenen,
gefährlichen Massenphänomen nachgeht, dem wir auch in diesem
Artikel nachspüren.
Selbst in einer fundamentalistisch-christlichen Familie aufgewachsen,
befaßte Halsell sich erst relativ spät im Leben mit den Hintergründen
von Armageddon und seinen Auswirkungen auf die amerikanische
und israelische Politik. Es brachte ihr keine Lorbeeren ein.
War sie früher, als sie sich für andere Minderheiten - amerikanische
Indianer, Schwarze, etc. - publizistisch eingesetzt hatte, ein
willkommener Gast gerade auch bei liberal-jüdischen Ostküstenfamilien
der Upper Class gewesen, änderte sich dies schlagartig, als
sie über die Diskriminierung der Palästinenser zu schreiben
begann. Sie erhielt keine Einladungen mehr ins Wochenendhaus
von Iphigene Sulzberger, Tochter des ‚New York' Times-Gründers
Aldolph S. Ochs. Sie verlor zahlreiche jüdische Freunde, die
ihre Kritik am Staate Israel zum Anlaß nahmen, sie nicht mehr
zu kennen. Und als sie ihre Erlebnisse in Palästina in einem
Buch veröffentlichen wollte, wurde erst der verantwortliche
Lektor bei der ‚MacMillan Publishing Company' (ein ehemaliger
römisch-katholischer Priester) gefeuert, dann das Buch ohne
ihr Wissen der israelischen Botschaft zum Korrekturlesen gegeben,
die dann prompt erklärte, es dürfe nicht gedruckt werden, weil
es anti-israelisch sei.
Als Grace Halsell sich nun neben Clyde auf dem angeblich künftigen
Schlachtfeld von Armageddon umblickt, sieht sie nirgendwo einen
Berg - höchstens eine leichte Anhöhe - und ein wirklich kleines
Tal - so klein, schreibt sie, daß es wunderbar Platz fände in
einer Farm in Nebraska und völlig untergehen würde im Land einer
Farm in Texas. Clyde sieht das anders. "Oh, nein - es ist nicht
zu klein! Man bringt hier eine ganze Anzahl Panzer rein!"
"Panzer und alle Armeen der Erde?" fragt Halsell nochmals nach.
"Ganz genau. Bedenken Sie, daß hier die größte jemals gefochtene
Schlacht stattfinden wird. Mehrere Millionen werden genau hier
sterben." Clyde weiß auch, wer hier den Erstschlag führen wird:
Jesus Christus. Mutig und unerschrocken wie ein Fünf-Sterne-General.
Und er kennt die Waffe des Erlösers: Eine Art Neutronenbombe.
Die Bekehrung Bushs
"Wir mögen die Generation sein, die Armageddon sehen wird."
Diesmal spricht nicht Clyde aus Minneapolis, sondern Ronald
Reagan aus dem Weißen Haus im Jahr 1980 zu einem Evangelisten
namens Jim Bakker. Ähnliche Gedanken heg(t)en auch die Präsidenten
Jimmy Carter und George Bush senior. Die Politik seines Sohnes
geht in eine Richtung, die sehr dafür spricht, daß auch er wähnt,
der Präsident der ‚letzten Tage der Menschheit' zu sein.
Das Bizarre ist, daß die Anhänger der Armageddon-Theorie diese
grauenvollste aller Schlachten, bei der das Blut bis zum Zaumzeug
der Rosse stehen, und jede Stadt der Erde zerstört werden wird
(so Prediger Hal Lindsey) nicht fürchten, sondern herbeisehnen.
Denn sie alle werden errettet werden, da sie sich zu Jesus Christus
bekannt haben. Ex-Colonel Oliver North, Hauptangeklagter im
Iran-Contra-Skandal glaubt dies, Kenneth Starr, Sonderermittler
im Amtsenthebungsverfahren gegen Bill Clinton glaubt dies ebenfalls,
genauso wie der Gründer des ‚Hustler' Pornomagazins, Larry Flynt.
Bevor Armageddon einsetzt, der letzte, die Endzerstörung bringende
Atomkrieg (so der Glauben der christlichen Fundamentalisten),
wird der Herr auf der Wolke erscheinen und Oliver North, Kenneth
Starr, Larry Flynt und siebzig Millionen ‚wiedergeborene Christen'
in den Himmel hinaufheben, wo sie von einem Logenplatz aus zusehen
können, wie Jesus allen Ungläubigen zeigt, daß er eben doch
der Sohn Gottes und daher unbesiegbar ist. (Nein, dies ist ‚keine'
Persiflage!).
Auch der gegenwärtige Präsident Bush hatte ein sogenanntes ‚Wiedergeburtserlebnis'.
Nach der Geburt seiner Zwillingstöchter beschritt Bush endlich
seinen "langen gewundenen Weg zur Reife", der mit der Drosselung
seines extensiven Alkoholkonsums begann und regelmäßigem Jogging.
Eines Tages fragte Billy Graham, berühmter amerikanischer Prediger
und langjähriger Freund der Familie ihn, "hast du den Frieden
und das Einverständnis mit Gott, das nur durch unseren Herrn
Jesus Christus kommen kann?" Bush junior gestand, er sei in
den Gottesdiensten "nicht immer mit dem Herzen dabei gewesen",
und er habe ein nagendes Gefühl, irgend etwas in seinem Leben
fehle. Bush gestand ihm auch, sich als Versager zu fühlen, und
statt sich an Gott um Hilfe gewendet, sich mit Alkohol betäubt
zu haben.
"In diesem Leben ohne Gott sein, heißt, furchtbar einsam sein",
entgegnete Graham. Er beschwörte Bush, Gott in sein Leben zu
lassen. Dazu müsse er aber diesen ‚letzten Dämon', den Alkohol
aufgeben. Gott werde ihm dabei helfen. Bush sagt, von da an
habe er begonnen sich zu verändern. Kurz vor seinem vierzigsten
Geburtstag hatte er dann sein religiöses Schlüsselerlebnis.
Bush war mit einigen Freunden im Broadmoor Hotel in Colorado
Springs zusammengekommen, um eine Party für den 40. Geburtstag
eines Freundes zu feiern. Mehrere Flaschen sechzig Dollar teuren
‚Silver Oak Cabernets' wurden geleert - nichts besonders Wüstes;
aber am Tag darauf fühlte keiner der Anwesenden sich gut. "Allein
im Bad des Hotels, starrte (Bush) Junior in den Spiegel und
sah einen Mann mit wirrem Haar, verkrustetem Erbrochenem am
Kinn und blutunterlaufenen Augen, die sich mit Tränen füllten.
Er fiel auf die Knie, brach in hemmungsloses Schluchzen aus
und bat Gott, ihn zu retten, bevor er sich zu Tode trank.
In diesem Augenblick schwor er sich, nie wieder einen Tropfen
Alkohol zu sich zu nehmen. Daran hielt er sich, und er hat später
das Gespräch mit Graham und den Morgen, an dem er zu trinken
aufhörte, als ‚die wichtigsten Augenblicke' seines Lebens bezeichnet.
‚Christus hat mein Leben einschneidend verändert", erzählte
Bush Jahre später einer Kirchengemeinde in Austin, Texas. "Ich
glaube fest an die Kraft des fürsprechenden Gebets." So beschreibt
es der verstorbene James H. Hatfield in seiner anfänglich unterdrückten
Biographie ‚Das Bush-Imperium'.
Bush selbst räumte ein, daß sein fester methodistischer Glaube
seine politische Philosophie stark geprägt habe. Freunde sagen,
er lese die Bibel ein- bis zweimal im Jahr ganz durch. Er selbst
bezeichnete sie denn auch schon mal als "recht gutes politisches
Handbuch", und einer der Gründe für seine Kandidatur sei die
biblische Unterweisung gewesen. "Er spürt, daß Gott zu ihm spricht",
beteuerte Reverend Tony Evans, ein Geistlicher aus Dallas und
Bushs Vertrauter.
Der Glaube dieser ‚Armageddon-Christen' geht auf einen Mann
namens Cyrus Scofield und seine Bibel-Interpretationen zurück,
die heute von vielen Amerikanern als das unverfälscht Wort Gottes
betrachtet werden. Dieser Artikel geht ausführlich auf den Inhalt
der Scofield-Bibel ein und deckt auf, wie gefährlich, ja geradezu
pervers ihre Lehren von der ‚Endzeit' sind. Einflußreiche Fernsehprediger
versuchen die Weltpolitik nach ihren Ansichten zu beeinflussen
(wir nennen ihre Namen) und christliche Glaubensextremisten
wollen allen Ernstes den Felsendom zu Jerusalem, die drittheiligste
Stätte der Moslem, in die Luft sprengen.
Wir decken zudem auf, was diese fundamentalistischen Christen
über die Juden wirklich denken, und weshalb zionistische und
israelische Kreise sie trotzdem so hofieren, obwohl in Israel
Gesetze gegen christliches Missionieren verabschiedet wurden.
ben