...hat uns zu Gefühlssüchtigen
werden lassen. ‚Ich fühle, also bin ich' scheint das
Motto der heutigen Zeit zu sein. Für ein Gefühl lassen
wir alles hinter uns, was uns je teuer war. Doch Gefühle
sind wankelmütig, unsicheren Sandburgen gleich. Dennoch
ist es möglich, den Himmel der Gefühle zu erklimmen
- und dauerhaft in ihm glücklich zu werden.
Historiker würden das 20. Jahrhundert
vielleicht jenes der großen Kriege nennen. Ethiker
würden es als jenes des Sündenfalls der Menschheit
bezeichnen und an die Atombombe erinnern. Techniker
würden es als das Jahrhundert der Eroberung des Luftraums
feiern, und Soziologen seine Verdienste um die sogenannte
sexuelle Befreiung würdigen. Man mag das 20. Jahrhundert
vorwiegend als eines der Wissenschaft und Forschung
sehen, als eines der verwirklichten Ideologien (Kommunismus,
Zionismus) - die zum Teil dann auch wieder scheiterten.
Man mag es als eines des Völkermords betrachten (obwohl
es dabei an Brutalität frühere Zeitalter nicht unbedingt
übertrifft), und gleichzeitig als die Geburtsstunde,
in welcher der Mensch erkannte, daß er sich als seines
Nächsten Bruder zu begreifen hat, will er auch in
künftigen Jahrhunderten überleben. Ja, es war ganz
gewiß auch das Jahrhundert, da die Menschheit, allen
Widrigkeiten zum Trotz, erkannte, daß sie in einem
Boot sitzt und die Dummheit eines einzigen den Untergang
von allen bedeuten kann.
Was war es aus geistiger Sicht? Vielleicht könnte
man es ein Jahrhundert der Erweckung nennen, da die
hereinkommende Strahlung in vielen Menschen die Sehnsucht
nach tieferer Sinnhaftigkeit im Leben, tieferem Empfinden
und höherem Glück stimulierte. Es war bestimmt eine
Zeit, da die Menschheit als ganzes ihre Liebesfähigkeit
verstärken sollte, da sie lernen sollte, nicht nur
das eigene Kind, den eigenen Partner, Mutter und Vater
(vielleicht!) zu lieben, sondern auch den Nachbarn,
den Vorgesetzten und den Menschen, der einem auf der
Straße begegnet - egal, ob man ihn kennt und egal,
ob er dieselbe Hautfarbe hat wie man selbst.
Um den Menschen liebesfähiger, liebesstärker werden
zu lassen, muß seine Gefühlskraft intensiviert werden.
Ohne die Fähigkeit zu fühlen gibt es keinen erfahrbaren
Ausdruck für die Liebe, denn diese äußert sich über
das Gefühl, als Mitgefühl, als Barmherzigkeit, als
Hingabe, als Sorgetragen, als Umhegen, als Geben schlechthin.
Es dürfte also im Plan gewesen sein, daß der Mensch
seine Gefühlsnatur stärker entwickle. Denn wie alle
Qualitäten des Menschseins war sie nicht einfach von
Anfang an vorhanden, sondern unterliegt einer Entwicklung.
Zuerst war da im Menschen nur eine primitive Indifferenz,
die über das Schmerzempfinden zu einer instinkthaften
Gefühlsnatur führte, die weitgehend von primitiven,
rohen Leidenschaften dominiert wurde. Irgendwann war
der kosmische Augenblick gekommen, da im Menschen
die feineren, romantischen Gefühle geweckt werden
mußten, die schon länger in ihm keimten, denen aber
aufgrund gesellschaftlicher Konventionen nicht Ausdruck
gegeben werden durfte. Beethovens Musik diente als
Ventil dazu (siehe ZS 5) und galt deshalb zu ihrer
Zeit denn auch als unerhört unanständig. Mendelssohns
Musik diente ein paar Jahrzehnte später der Entwicklung
des Mitgefühls für die Ärmeren, Schlechtergestellten,
Leidenden, die man in früheren Jahrhunderten einfach
erbarmungslos ihrem Schicksal überlassen hatte.
Auf der Ebene der Gedanken hatte der Mensch beim Instinkt
begonnen, dann drang er zur konkreten und schließlich
zur abstrakten Intelligenz vor - wo wir uns heute
befinden - und in der Zukunft wird diese intellektuelle
Denkfähigkeit abnehmen zugunsten eines neuen, intuitiven
Erkennens und Wissens - und schließlich einer direkten
Inspiration, wenn der Mensch denken wird, wie
seine Göttliche Gegenwart denkt - es also keine Trennung
mehr zwischen dem niederen Denken der Persönlichkeit
geben wird und dem höheren, vollkommenen Denken der
eigenen ICH BIN-Gegenwart.
Genauso wird die Emotionalität, in der sich die meisten
Menschen heutzutage noch immer befinden, sich wandeln
zu einer höheren Form der Empfindsamkeit und Sensibilität,
werden sich die Gefühle verfeinern und klären, bis
sie schließlich nur noch positiv und gut sind und
allesamt getragen von göttlicher Liebe.
Emotionen - eine Droge mit Nebenwirkungen
In den letzten Jahrzehnten befanden wir uns am Punkt,
wo die reine Emotionalität sich schon hätte wandeln
sollen in feinere, liebevollere, positivere Gefühle
- solche der Brüderlichkeit und des Mitgefühls für
alles Leben. Die Menschen begannen sich in nie gekanntem
Ausmaß für Gefühle zu interessieren. Und dies ist
nicht besonders erstaunlich, denn mit dieser Stimulierung
der Gefühlsnatur in uns begannen wir immer mehr, uns
mit unseren Gefühlen zu identifizieren. Ist unser
vorherrschendes Gefühl glücklich und freudig, empfinden
wir das Leben als schön und uns selbst als glückliche,
vom Leben gesegnete Wesen, selbst wenn wir in den
Augen anderer vielleicht Mangel erleben oder uns in
einer wenig beneidenswerten Situation befinden. Ist
unser vorherrschendes Gefühl Trauer, Frustration,
Enttäuschung oder Groll, dann ist unser ganzes Leben
verdüstert, und wir bezeichnen uns nicht als glückliche
Individuen - selbst wenn wir von außen gesehen alles
haben, was einen Menschen glücklich machen sollte.
Ein Gefangener, der sich verliebt hat und wiedergeliebt
wird, mag daher sein Leben als schöner empfinden als
ein Millionär mit schöner Frau und artigen Kindern,
der in sich nichts als Leere und Überdruß fühlt.
Im Augenblick scheint es also so, daß unsere Gefühlsnatur
sehr stark geworden ist, wir jedoch noch ihr Sklave
sind und nicht die Seelenstärke entwickelt haben,
der Herr unserer Gefühle zu sein - was damit anfängt,
sich nur schon mal bewußt zu sein, daß man nicht seine
Gefühle ist.
Wie es aussieht, gibt es auch Kräfte, die um jeden
Preis verhindern möchten, daß der Mensch jemals zum
Herrn seiner Gefühle wird - und die im Gegenteil ihn
immer stärker an seine eigene, wildgewordene Gefühlsnatur
ketten möchten. Zum einen füttern sie den Appetit
unserer Gefühlsnatur über Film und Fernsehen mit immer
stärkeren Dosen von Spannung, Horror, Entsetzen, aber
auch schmachtenden, romantischen Gefühlen und unerfüllbaren
Sehnsüchten. Der Mensch früherer Jahrhunderte hatte
eine Erlebniswelt, und die war real. Der Mensch
von heute hat unzählige Erlebniswelten, die er per
Knopfdruck in seine Gefühlswelt rufen kann, und die
deren Begierden immer unersättlicher werden lassen.
Viele Menschen sind fernsehsüchtig, ohne sich dies
einzugestehen, und ein Abend, an dem kein guter Krimi
oder sonst ein fesselnder Film ausgestrahlt wird,
ist ein verlorener Abend. Ihre Gefühlsnatur geht unbefriedigt
zu Bett. Sie ist nicht ausreichend gefüttert worden.
Und darin liegt eine weitere Gefahr: Daß wir darauf
abgerichtet werden, mit Gefühlen gefüllt und gefüttert
zu werden, ohne daß wir etwas dafür tun müssen (außer
faul auf dem Sofa zu liegen). Kein Wunder, bringen
wir solcherart passiv gemacht und aufs Konsumieren
getrimmt dann kaum mehr die Kraft auf, im Bett selbst
schöne Gefühle für den Partner zu erzeugen - denn
das bedeutet ja Arbeit, und die scheuen wir um so
mehr, als wir erleben, daß wir ohne einen Finger zu
rühren gefühlsmäßig befriedigt werden können. (Umfragen
zufolge herrscht im Bett um so mehr Ebbe, als die
Gefühlsflut im Fernsehen steigt).
Von der Überdosis zur Abstumpfung
Fassen wir also zusammen: Der Mensch von heute wird
regelrecht zu einem Gefühlsjunkie gemacht (er läßt
es zu), was dazu führt, daß er immer abhängiger von
Emotionen wird - die natürlich, dem Suchtgesetz zufolge,
nur dann befriedigt werden können, wenn sie mit immer
stärkeren Reizen verbunden sind. Also immer größerem
Horror und Entsetzen, immer unerträglicherer Spannung,
immer geileren Szenen, immer unberechenbareren und
ausufernderen romantischen Berg- und Talfahrten. Das
Abnormale, das Kranke wird so auf einmal normal und
Gewohnheit. Was die nachmittäglichen Talkshows (die
zum Glück schwer reduziert wurden) noch immer an Themen
bieten, ist widerlich und abstoßend, wird aber von
Millionen von Hausfrauen täglich beim Bügeln oder
bei einer Tasse Kaffee aufgesogen - und irgendwann
finden sie es normal, wenn ein Schwuler nur befriedigt
wird, wenn sein Partner ihm Windeln anzieht und ihn
ins Babybettchen legt - von den Sadomaso-Scheußlichkeiten
ganz zu schweigen. Oder bei der Show von Arabella
Kiesbauer: Da läßt ein Partner eines Paares den Treuetest
machen. Der Sender schickt dem nichtsahnenden Teil
des Pärchens eine Person vorbei, die alles unternimmt,
um ihn/sie zur Untreue zu verleiten. Am Schluß sieht
man sich in der Sendung wieder, und der/die Auftraggeber/in
weiß nicht, wie der Test ausgegangen ist. Jene Person,
die getestet wurde, tut erst so, als hätte sie sich
neu verliebt und wolle vom früheren Partner nichts
mehr wissen. Erst wenn dieser weint, ist das Ziel
erreicht, und man kann dann ja enthüllen, daß es gar
nicht wahr ist und die alte Beziehungswelt noch voll
in Ordnung. Als ob dies so wäre, nachdem man so mutwillig
mit dem Gefühlskörper Bungee-Jumping gemacht hat!
Was also aufgeputscht und stimuliert wird, ist die
niedere Gefühlsnatur des Menschen, die gleichzeitig
auch immer mehr abstumpft - bis hin zur totalen Gefühllosigkeit,
die dem gefühlsidentifizierten Menschen dann wie das
ödeste Gefängnis erscheint. Denn fühlt er nicht, ist
er nicht. Und weil seine Gefühle so stumpf und roh
geworden sind, glaubt er nur noch ein Gefühl von Lebendigkeit
in sich entdecken zu können, wenn er sich selbst niedersten
Trieben und Leidenschaften hingibt - oder roher Gewalt.
Diese - für manche wohl allzu krassen - Worte sollen
zeigen, was heute mit uns gespielt wird - und wo wir
enden, wenn wir es nicht erkennen und dem üblen Spiel
ein Ende bereiten. Wie dies geschehen kann, davon
später.
Was ist Glück? Wie kann man es erfahren, wie festhalten?
Worin liegt das Himmlische der Verliebtheit, aber
auch ihre Gefahr? Wie können wir unsere Emotionalität,
unsere Abhängigkeit vom Gefühlskick in eine echte
spirituelle Empfindsamkeit transformieren und lernen,
uns an den alltäglichen Dingen im Leben zu erfreuen?
Ein großer Adept gibt uns die Antwort in einfachen
Worten.