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Sehnsucht nach der verlorenen Hälfte'
Seit einigen Jahrzehnten, seit manch ein Schleier sich gelichtet hat, wissen Suchende, daß diese Sehnsucht einen realen Hintergrund hat: Die Dualseelen, die Zwillingsseelen, auch Twin Rays' genannt. Sie sind kein Mythos, wenn auch beinahe so selten wie ein Einhorn auf einer Waldlichtung. Der Mensch ist ein getrenntes Wesen, seit aus der androgynen Ganzheit bei seiner Schöpfung zwei geschlechtliche Geschöpfe gemacht wurden: Hie Mann, da Frau, hervorgegangen aus dem gleichen göttlichen Funken, Zwillinge kosmischer Herkunft, füreinander bestimmt in alle Ewigkeit. Heutzutage hat sich eine Manie breit gemacht unter den spirituell aufgeweckteren Seelen: So viele sind auf der Suche nach ihrer verlorenen Hälfte, ertrinken in dieser Sehnsucht und werden blind für all das andere, was das Leben ihnen bereithält. Tatsächlich ist aber die Wahrscheinlichkeit, seinem wahren Seelengefährten, der verlorenen Hälfte zu begegnen, winzig klein. Die Trennung kann Jahrzehntausende, gar Jahrmillionen zurückliegen, und das Tempo und die Zielstrebigkeit, mit der beide sich entwickelt haben, beträchtlich auseinanderklaffen. Was, wenn der einzig wahre Geliebte gerade in der Fremdenlegion seinen Dienst tut? Wenn er sein Geld als Drogenschieber verdient? Wenn die verlorene Hälfte in einer Kabine im Rotlichtbezirk von Amsterdam sitzt oder gebückt als alte Bäuerin auf einem Feld irgendwo in Südbulgarien Kartoffeln erntet? Vielleicht gehört sie zu den etwa fünf Milliarden Lebensströmen, die augenblicklich nicht physisch auf Erden inkarniert sind.
Zudem: Was versprechen wir uns von der Beziehung zum Einen und Einzigen? Daß die Wäsche sich von selber wäscht, die Kinder Engelchen sind, der Bürostress sich durch den Kamin verflüchtigt und wir nur noch ganz und gar Göttlich Liebende sind? Vielleicht ist die Gefahr einer Weltflucht größer, wenn zwei Dualseelen sich getroffen haben. Dann wird das Leben sie schmerzlich in die Wirklichkeit zurückholen, denn schließlich sind wir dazu da, etwas zu lernen, dem Leben Leben zu geben und nicht, uns auf eine private Insel der Träume zurückzuziehen. Wenn zwei Dualseelen diese Gefahr der Selbstversponnenheit nicht meistern können, mag sich ein gemeinsames Leben, so ideal es auch scheint, zu ihrem Nachteil entwickeln weil sie nicht tun, was sie tun sollten und was zu tun sie gekommen sind. Und wenn sie es tun, dann mag sich eine Beziehung zwischen Dualseelen nicht mehr so sehr von anderen Beziehungen mit hohem Ideal unterscheiden außer vielleicht, daß zwei besonders gut im Gleichtakt schwingen, daß sie sich untrennbar verbunden fühlen, wissend, daß sie wirklich zuhause' angekommen sind. Unsere höchst irdischen Gefilde sind ein ungeeigneter Platz, um eine wahrhaft himmlische Liebe angemessen zu leben. Der einzige Trost, den wir bei unserer verlorenen' Dualseele haben: Sie läuft uns ganz, ganz bestimmt nicht davon. Irgend einmal, am fernen Horizont einer zeitlosen Zeit, in einem herrlichen, raumlosen Raum werden wir sie wiedergefunden haben, und niemand wird sie uns jemals wieder wegnehmen!
Die Ehe: eine intensive Lebensschule
Im Klassenzimmer Erde, in das wir uns eingeschrieben haben, um zu lernen, läuft die Sehnsucht nach der Dualseele manchmal darauf hinaus, daß man etwas haben statt etwas geben will. Hat ein Mensch verstanden, daß das Leben kein ruhiger Hafen sein sollte, in dem man für immer vor Anker geht, um unbeweglich in seichten Gewässern zu dümpeln, dann spürt er auch, daß es kein wirkliches Ankommen' gibt und ganz bestimmt nicht in der äußeren Welt und nicht durch den idealen' Partner. Unsere Aufgabe ist es, in die Vollkommenheit zu wachsen, und die Vollkommenheit kennt kein Ende. Also geht die Reise ewig weiter, müssen wir Leben auf Leben, Stufe auf Stufe weiter danach trachten, ins Volle zu kommen' um zu entdecken, daß es ein Kreis ist, der sich ewig weitet.
Was viele Frischverliebte nicht ahnen: Die Partnerschaft, die Ehe ist eine der intensivsten und bisweilen härtesten Lebensschulen. Wir wählen nicht den Partner, der am reibungslosesten zu uns paßt, sondern den, mit dem besonders viel Reibung entsteht, da wir mit ihm am meisten lernen können. Damit wir das nicht merken, wird uns anfänglich viel, viel Glimmer in den Gefühlskörper gestreut. Die Phase der Verliebtheit' nennt man diese Zeit, in der man irgendwo zwischen Kind und Engel schwebt. Das Ego ist ganz verbannt, wir sind ganz hingegeben dem anderen, bereit, alles für ihn oder sie zu tun. Es ist die Phase der Verklärung, in der wir unsere Liebe fest ineinander verankern sollen, damit uns das, was danach kommt, nicht so schnell wieder auseinanderreißt. Denn kaum ist sie verflogen, nach ein paar Monaten oder ein paar Jahren, meldet sich das Ego wieder, grenzt sich ab, bäumt sich auf, pocht auf seine Rechte und sein Territorium. Und das ist auch gut so. Denn schließlich soll es durch jedes Leben hindurch etwas mehr geläutert werden, und das bedeutet, die Ecken und Kanten bewußt abschleifen zu lassen und wer eignete sich dazu besser als ein liebender Lebenspartner?
Die Krise, in der heute Beziehungen weitherum stecken, hat mit dem übersteigerten, romantischen Liebesideal zu tun und damit, daß die Menschen meinen, jener Partner sei der richtige fürs Leben, der die erdbebenähnlichsten Gefühle bei ihnen auslöst. Die Beziehung soll einen Rauschzustand vermitteln, und gesucht wird im Grunde die ewigwährende Sucht nacheinander. Der Partner soll möglichst den Himmel auf Erden verheißen, die Liebe zu ihm die ganze Erfüllung eines Lebens eine Erfüllung, die sich paradoxerweise aber niemals erfüllen soll, sondern als leidenschaftliches Begehren ewig weiterzüngeln. Die Anziehung solcher Partner beschränkt sich esoterisch gesehen auf die zwei niedersten Körper: Den physischen und den Gefühlskörper. Die Gefühle wallen, die Körper drängen zueinander. Kommt der Ätherkörper hinzu, in dem unsere Erinnerungen gespeichert sind, handelt es sich vermutlich um eine karmische Beziehung: Die beiden Partner erkennen einander wieder, ohne es zu wissen. Die Liebe auf den ersten Blick' ist ein klassischer Indikator für eine karmische Beziehung, die Liebe von Zweien, die aneinander leiden, und doch nicht voneinander lassen können, ebenso. Karmische Beziehung' bedeutet, daß die beiden Lebensströme sich in einem oder mehreren früheren Leben kannten, und daß sie bereits gemeinsam Schicksal geschaffen haben, das sie nun weiterspinnen oder auch erlösen sollen. Ehepartner brauchen keineswegs früher immer Ehepartner gewesen zu sein, es kann sich auch um eine(n) unglückliche(n) Geliebte(n) handeln, um eine frühere Eltern-Kind oder Herrschafts-Knecht-Beziehung. Jedenfalls wurde gemeinsam oder einseitig geliebt oder gelitten, und die unvollkommene Gefühlsenergie, die dabei entstand, wartet nun darauf, von denselben Lebensströmen wieder erlöst zu werden. Hin und wieder trägt der eine Partner dem andern gegenüber eine karmische Schuld, die er nun in einer vielleicht schwierigen Ehe liebevoll abtragen sollte. Scheitert er, oder zieht sich aus der Verantwortung, dann wird die gleiche, manchmal verschärfte Erfahrung einfach in einem späteren Leben auf ihn warten.
Partnerschaften schaffen immer karmische Verbindungen. Genaugenommen entstehen sie bereits bei einer körperlichen Vereinigung, auch wenn beide Partner keine darüber hinausgehende Beziehung eingehen wollen. Wer also wahllos viele Partnerschaften eingeht und womöglich dabei noch rücksichtslos viele Herzen bricht, der häuft in nur einem Leben ein beträchtliches Beziehungs-Karma an, das er irgendwann irgendwie wieder gutmachen muß.
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