Reinkarnation: Im Schatten von Nelson

Der Mensch ist keine Eintagsfliege: Unseren Charakter, unsere Fähigkeiten und Schwächen haben wir in vielen vergangenen Leben entwickelt. Zum Glück kennen wir sie meist nicht. Ab und zu gibt es jedoch Menschen, die erkennen dürfen, wer sie mal gewesen sind – Irrtum nicht ausgeschlossen. Lesen Sie hier, wie es einem Mann erging, der jahrelang meinte, einst sein bester Freund gewesen zu sein.

Admiral Cuthbert Collingwood

Admiral Cuthbert Collingwood, der vergessene Held von Trafalgar.

Es ist ein grauer Novembertag und ein eisiger Wind bläst Thomas um die Ohren. Die anderen Passagiere haben sich gleich nach dem Ablegen ins warme Kabineninnere zurückgezogen. Thomas hat nichts dagegen. So kann er den Törn wenigstens ganz für sich allein genießen und in der Vergangenheit schwelgen. Eigentlich ist es ja bloß eine Fahrt auf der Themse. Das kleine Boot soll ihn lediglich von Charing Cross mitten in London zum Marinemuseum in Greenwich bringen. Je stärker die Herbstböen an Mantel und Haaren zerren, desto lauter jauchzt Thomas vor Freude. Energisch schiebt er sein Kinn vor und fühlt sich, wie er da so am Bug des Bootes steht, als Admiral, der einer imaginären Flotte voran in die Schlacht segelt.

„Wahrscheinlich war es ganz gut, dass mir niemand dabei zusah, wie ich mich öffentlich zum Affen machte“, schmunzelt Thomas und nimmt einen Schluck Kaffee. Heute haben wir beide festen Boden unter den Füßen und genießen die warmen Sonnenstrahlen eines Nachmittags im Spätsommer. Wir sitzen uns in einem gemütlichen Gartencafé gegenüber und ich mustere den blauäugigen Mann mit dem Lausbubenlächeln. Ein gemeinsamer Bekannter machte mich auf Thomas und seine ganz persönliche Geschichte aufmerksam. Wir wollten nämlich mit Leuten sprechen, die um eine frühere Inkarnation von ihnen wissen, um zu erfahren, was sie aus der Realität der Wiedergeburt für ihr jetziges Leben lernen konnten. Das soll nun nicht heißen, wir würden unseren Lesern raten, sich intensiv mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Denn das birgt die Gefahr, dass man dann nicht mehr im Hier und Jetzt lebt. Der 48jährige Schweizer ist einfach ein gutes Beispiel dafür, dass wir alle von unseren früheren Inkarnationen geprägt sind. Er hatte die Gelegenheit, zwei erst vor wenigen Jahren erschienene Biografien über sein damaliges Leben zu lesen. Während der Lektüre hatte er ein Déjà-vu nach dem anderen und es fiel ihm wie Schuppen von den Augen, weshalb er so war, wie er eben war.

„Der Storch hatte klare Anweisungen, mich als Baby möglichst weit entfernt vom Meer in einem Binnenland mitten in Europa abzusetzen, damit es mich nicht wieder aufs Meer hinauszieht“, bemerkt Thomas lakonisch. Trotzdem träumte er als kleiner Junge davon, Kapitän auf einem Schiff zu sein und die sieben Weltmeere zu befahren. Auf einem Kriegsschiff, notabene. So kommt es, dass Thomas in diesem Leben nicht einmal eine kleine Jolle segeln oder elegant geradeaus rudern kann – dabei war er vor über zweihundert Jahren einer der besten Seeleute, die England je hervorbrachte.

Die Episode auf der Themse spielte sich vor vielen Jahren ab, als Thomas das erste Mal London besuchte. Im National Maritime Museum hoffte er, jenen Seehelden nahezukommen, die er auch in den Hornblower-Büchern so bewundert hatte – Lord Nelson beispielsweise, der die Vorlage für Hornblower geliefert haben soll. Dass er zur Zeit von Nelson selbst auf englischen Kriegsschiffen gedient hatte, ahnte Thomas schon länger. Als kleiner Junge nämlich hatte er immer wieder von großen Segelschiffen geträumt, deren hölzerner Rumpf mit schwarz-gelben Streifen bemalt war, dem sogenannten Nelson Chequer (Schachbrettmuster).

Im Gymnasium dann, als seine Englischkenntnisse ausreichend waren, begann er englische Biografien über Nelson zu lesen. Vieles was er darin las, schien er am eigenen Leib erlebt zu haben. Und so manches an Nelsons Charakter glaubte er auch an sich zu entdecken. Alles nur Einbildung? Thomas wollte es genau wissen und besuchte den Kriegshafen von Portsmouth, der gleichzeitig Museum ist und noch immer die HMS Victory, Nelsons legendäres Flaggschiff während der Schlacht bei Trafalgar, beherbergt. Nelson starb bekanntlich während dieser Seeschlacht. Als Thomas zum ersten Mal das echte Schiff sah (er hatte die Victory im Modell zusammengebaut), wurde ihm schlecht. Die anschließende Besichtigungstour war ebenfalls eine Achterbahn der Gefühle. An jener Stelle unter Deck, wo der sterbende Nelson die letzten Stunden verbrachte, überfiel Thomas eine tiefe Traurigkeit. Um so mehr befremdete ihn, dass er zuvor auf dem Achterdeck keinerlei Gefühlsregung verspürt hatte, obwohl er doch genau an jener Stelle stand, wo Nelson von einem Heckenschützen getroffen zu Boden gestürzt war. Als Thomas dann in die Tageskabine des Kapitäns trat, so hätte er am liebsten die Abschrankungskordel zu Boden gerissen und es sich hinter dem breiten Tisch bequem gemacht. „Es war wie ein Nachhausekommen. Ich musste meine Tränen zurückhalten, weil ich mich in diesem hellen Raum mit seinen vielen Heckfenstern einfach so unglaublich wohlfühlte“, erzählt mir Thomas. „Was man von Nelsons Koje allerdings nicht behaupten kann“, fügt er mit einem nun schelmischen Blick an. „Als ich diese winzige, an Seilen aufgehängte Holzkiste sah, die Nelson sein Bett nannte, konnte ich meinen Körper förmlich aufwinseln spüren, wenn ich nur schon daran dachte, mich da hineinzuzwängen. Schließlich bin ich ja kein Zwerg wie Nelson!“ Thomas hat gut lachen. Heute ist er ein stattlicher Mann.

„Damals habe ich mir über solche ‚Anomalien’ keine Gedanken gemacht, denn so vieles im Charakter und im Leben von Horatio Nelson schien mein Wesen und mein Fühlen von heute zu erklären, dass ich wirklich glaubte, in einem früheren Leben Nelson gewesen zu sein, den ich schon als Junge so verehrt hatte.“ Seinem Gesichtsausdruck nach ist Thomas dieses Eingeständnis ein wenig peinlich. Das kann ich verstehen. Wer weiß schon, wie viele Napoleons in den Klapsmühlen dieser Welt herumstolzieren?

Ich kann es nicht lassen und frage, ob er denn heute auch so draufgängerisch und tollkühn sei? „Eben nicht. Ich bin ziemlich konservativ und angepasst. Wenn ich etwas überhaupt nicht vertrage, dann ist es, Aufsehen zu erregen oder wenn sich jemand daneben benimmt – und überhaupt jede Form von Skandal. Nelson jedoch hatte sich keinen Deut um das Gerede der Öffentlichkeit geschert, als er, der verheiratete Kriegsheld, eine Affäre mit der ebenfalls verheirateten Lady Hamilton pflegte und schließlich, wie ein Ehepaar, mit ihr unter einem Dach lebte. Zudem bin ich ein Tiefstapler und halte es mit britischem Understatement – Nelson hingegen war ein so hingebungsvoller Selbstdarsteller, dass ich mich noch heute für manche seiner Auftritte schäme.“

Und darin liege, so teilt mir Thomas versonnen mit, die vielleicht größte Erkenntnis, die er von der Reise in seine persönliche Vergangenheit gewonnen habe: „Man ändert seinen Charakter nicht wesentlich von einem Erdenleben zum nächsten. Du bist, wie du bist, weil du dich in vielen Verkörperungen genau dazu geformt hast.“

Collingwood (links) und Horatio Nelson (rechts)

Die besten Freunde: der um zehn Jahre ältere Collingwood (links) und Horatio Nelson (rechts).

Doch der Reihe nach. Zwanzig Jahre lang hatte Thomas geglaubt, in einem früheren Leben Horatio Nelson gewesen zu sein, obwohl er in vielerlei Hinsicht den geradezu gegenteiligen Charakter dieses berühmtesten englischen Seehelden besitzt. „Ich erklärte mir dies mit der in der Psychologie bekannten These der Überkompensation: Man versucht das eine Extrem mit dem anderen Extrem auszugleichen, so wie Leute ohne Selbstvertrauen häufig Angeber sind.“ Und was ist mit den körperlichen ‚Unstimmigkeiten’, immerhin war Nelson klein und von schwächlicher Konstitution, während Thomas hochgewachsen ist und Krankheit fast nur vom Hörensagen kennt? Dazu habe er sich einfach keine Gedanken gemacht, gibt Thomas zu. Denn warum hätte er sonst fühlen können, was er fühlte – selbst an so exotischen Plätzen wie Antigua, jener Karibik-Insel, auf der auch Nelson einst stationiert gewesen war?

Ja, warum wohl? Wie Thomas heute weiß, waren seine Gefühle alles andere als Einbildung. Nein, er war nicht Nelson gewesen. Er war der lebenslange beste Freund von Nelson gewesen. Derjenige, der in Trafalgar nicht gestorben war. Derjenige, der Trafalgar gewonnen hatte, nachdem Nelson gerade verblichen war – erschossen von einem französischen Heckenschützen.

„Meine Frau stolperte zufällig über einen Namen und hatte den inneren Impuls, mehr über diese Person herauszufinden“, erzählt mir Thomas weiter. Dann habe sie ihn im Büro angerufen und gesagt, sie müsse ihm unbedingt eine Kurzbiografie aus dem Internet vorlesen. „Ich saß in meinem Stuhl und hörte zu, während mir die Tränen übers Gesicht liefen. Es war, als hätte ich jahrelang in einen wolkigen Spiegel geschaut und nun zum ersten Mal mein eigenes Antlitz klar und deutlich gesehen.“

Vor seinem inneren Auge erwachte ein Mann erneut zum Leben, dessen Name untrennbar mit jenem von Nelson verbunden ist. Cuthbert Collingwood hatte über dreißig Jahre lang zusammen mit Nelson gedient und dabei viele Abenteuer gemeinsam mit ihm durchgestanden.

Bis zur berühmten Schlacht bei Trafalgar, wo Admiral Lord Nelson am 21. Oktober 1805 den Tod fand. Für die Ohren eines kleinen Jungen namens Thomas hatte dieses eine Wort ‚Trafalgar’ einen ungemein faszinierenden, tiefgründigen Klang. Natürlich wusste er schon damals, dass damit die für England triumphalste aller Seeschlachten verbunden ist. Doch in ‚Trafalgar’ schwang für Thomas auch Bedrohung und Schmerz mit.

Tatsächlich hatte Thomas als Collingwood in der Hitze der Schlacht vom Tod seines langjährigen Kampfgefährten erfahren, als dessen Stellvertreter das Kommando über die britische Flotte übernommen und sie zum Sieg geführt. So groß war seine Liebe für Nelson, dass Augenzeugen berichten, ihrem Admiral, „der löwenhaft und wie ein Engel kämpfte“, seien Tränen übers Gesicht gelaufen, als man ihm mitten im Gefecht von einem Ruderboot aus zugerufen habe, Nelson weile nicht länger unter den Lebenden. Ein Zeitgenosse notierte Jahre später in sein Tagebuch, wie nahe sich die beiden gestanden haben mussten: „Selbst im Bereich der Romanschriftstellerei habe ich nichts gefunden, das mir einen ebenso dicken Kloß im Hals verursacht hätte, wie der Moment, als jener große Kriegsmann, der arme Nelson, seinen Kapitän sterbend darum bittet, Collingwood seine Liebe zu übersenden.“1

Das erklärt natürlich, weshalb Thomas auf dem Achterdeck der Victory nichts spürte, dafür aber von solch tiefer Trauer ergriffen wurde, als er unter Deck an jenem Ort stand, wo er einst als Collingwood nach geschlagener Schlacht seinen toten Freund das letzte Mal gesehen hatte.

Cuthbert „Old Cuddy“ Collingwood war ein zurückhaltender und bescheidener Mensch gewesen, der sich nicht gern in den Vordergrund drängte. Ganz anders als sein Freund Nelson verkörperte er die urenglische Tugend des ‚Understatements’. „Ich bin genau gleich“, sinniert Thomas. „Meine scheinbaren Verdienste spiele ich in der Regel herunter und ich fühle mich immer etwas unbehaglich, wenn ich öffentlich Lob bekomme, weil ich nicht weiß, wie ich darauf reagieren soll.“ Sein höchstes Ideal, dem Collingwood sein ganzes Leben und auch seine Gesundheit opferte, war die Pflicht gegenüber seinem Vaterland. Selbst als Admiral blieb seine Kleidung unprätentiös und einfach. Ein Mann, so ganz nach Thomas’ Geschmack: Wenn es nach ihm ginge, wäre er auch heute damit zufrieden, jeden Tag nichts weiter als einen schlichten blauen Uniformrock und saubere weiße Hosen zu tragen. „Rückblickend habe ich mich oft gefragt, weshalb ich dem falschen Glauben verfallen konnte, in einem früheren Leben Horatio Nelson gewesen zu sein. Es ist nicht bloß, weil das Andenken Collingwoods bis heute im gleißenden Licht seines heldenhaften Waffenbruders ein Schattendasein fristet und ich deshalb nichts von ihm wusste. Nein, fast scheint mir, die Erinnerung an Nelson habe sich tiefer in meine Seele eingebrannt als mein eigenes Leben von damals.“ Da könnte etwas dran sein. Aus den Biografien über Collingwood ist zu entnehmen, dass dieser zwar seine berufliche Ehre sehr wichtig nahm, der eigenen Person jedoch so wenig Beachtung schenkte, dass er es kaum für nötig befand, sich porträtieren zu lassen. Und so gibt es nur ganz wenige Gemälde von Cuthbert Collingwood, welche ihn meist als ausgelaugten und bereits berühmten Admiral zeigen. Dafür liebte er Nelson umso mehr und nahm Anteil an dessen kometenhaftem Aufstieg. Die dramatischen Umstände von Nelsons Tod hinterließen besonders tiefe Narben in Collingwoods Seele. Und so ist es durchaus verständlich, dass die Figur von Nelson auch in Thomas’ jetzigem Empfindungsleben für lange Zeit dominanter war als Collingwood selbst.

Die beiden Marineoffiziere hatten sich 1773 kennengelernt und fühlten eine tiefe Seelenverwandtschaft, die über die gemeinsame glühende Vaterlandsliebe hinausging. So wurden sie schnell enge Freunde. Collingwood, ein stattlicher 25jähriger Steuermannsmaat und Nelson, der schmächtige Fähnrich von 15 Jahren, waren ein äußerlich und charakterlich sehr ungleiches Paar. Doch sie ergänzten sich wie Feuer und Wasser. Der Fremden gegenüber reservierte Collingwood bewunderte die Warmherzigkeit und das romantische Draufgängertum Nelsons. Für Nelson wiederum war der ältere Collingwood die bewundernswerte Inkarnation des „besten englischen Gentleman, den der Himmel je geschaffen hat“, wie der Romancier William Thackeray Collingwood charakterisierte.

Thomas ist fest davon überzeugt, dass sich die beiden schon in früheren Erdenleben schätzen gelernt hatten, denn anders sei ihre von Anfang an tiefe Verbundenheit nicht zu erklären. Nelsons Wagemut katapultierte diesen bald schon ins Rampenlicht der Öffentlichkeit und führte dazu, dass die ebenfalls beeindruckende Karriere des dienstälteren Collingwood fortan im Kielwasser seines schillernden Kameraden verlief – was ihm Collingwood indes nie verübelte, wusste er doch, wie wichtig Nelson die öffentliche Anerkennung war. Schon als Fünfzehnjähriger hatte Nelson nämlich seinem Freund „Col“ anvertraut, er wolle der berühmteste Seeheld werden, den England je gesehen habe.

Quellenangaben

  • 1 Thomas Creevey, Tagebucheintrag vom 11. August 1827