Suche: SitemapKontaktSprachen: English Journal

Sinn statt Sucht:
Wie Schule wieder begeistern kann

Nach einem lichtvollen Nahtoderlebnis begann der Realschullehrer Fritz Jordi nach dem Sinn des Lebens zu forschen. Seine Erkenntnisse führten ihn zu einer neuen Art des Unterrichtens: Er begann, in den Schülern Neugierde, Vertrauen und Liebe zum Leben zu wecken und sie zu einem neuen Verantwortungsbewußtsein zu führen. Ganz nebenbei erwies sich dies auch noch als wirksamste Sucht- und Gewaltprävention.


Von Sandra Walter-Wyss

Er war nicht nur Lehrer, sondern auch begeisterter Flieger: Als IKRK-Pilot flog Fritz Jordi in Nepal und hat Aufenthalte in Ostafrika, Peru, Kanada und den USA hinter sich. In Wirklichkeit hatte er zwei Berufe: Oberstufenlehrer und Fluglehrer. Am Abend nach der Schule und am Wochenende war er immer am Fliegen, bildete Flugschüler aus und machte ausgedehnte Rundflüge. Daneben zog er zusammen mit seiner Frau vier Kinder groß. Zeit, um sich mit der Frage nach dem Sinn unseres Daseins zu beschäftigen, hatte Fritz Jordi, der bis zu seiner Pensionierung in Kloten bei Zürich unterrichtete und noch heute dort wohnt, deshalb keine, wie er mir in unserem Gespräch mitteilt. Seine Frau, ja, sie habe sich mit der Sinnfrage zu beschäftigen b egon nen, er hingegen sei diesem Thema immer ausgewichen – voll ausgefüllt war ja sein Leben. Dies änderte sich jedoch schlagartig, als Fritz Jordi beim Kunstfliegen abstürzte. Doch lassen wir ihn selbst erzählen, was damals genau geschah und welche Folgen dieses Ereignis für sein Leben hatte.

Herr Jordi, in Ihren Schriften fand ich ein Zitat von Christian Morgenstern: „Es gibt einen Gedanken, der unsere ganze Lebensführung und Betrachtung verändern würde: die Gewißheit unserer Unzerstörbarkeit durch den Tod.“ Durch Ihr Nahtoderlebnis gelangten Sie zu jener Gewißheit. Was genau geschah damals?
Fritz Jordi: Ich war mit einer Flugschülerin unterwegs und wir übten den Kunstflug. Als wir das Flugzeug gewollt zum Absturz brachten und sich die Maschine nicht mehr auffangen ließ (wegen eines Konstruktionsfehlers dieses neuen Kunstfliegermodells), wurde aus dem akrobatischen Spiel plötzlich tödlicher Ernst. Wir stürzten aus einer Höhe von 700 Metern in den Boden. Plötzlich schwebte ich etwa 30 Meter über dem Flugzeug über Tannenwipfeln und blickte hinunter zum Flugzeug, das völlig zertrümmert auf dem Boden lag. Gleichzeitig erblickte ich dort unten meinen leblosen Körper, der aus der zertrümmerten Kabine hing. Dann hatte ich dieses wunderbare Erlebnis: Ich nahm das physische Leben um mich herum mit stark erhöhter Bewußtheit wahr, sah die Tannenblüten, Bienen, wie sie die Blüten bestäubten, nahm Düfte und Geräusche mit tausendfach geschärften Sinnen wahr. Es war alles so intensiv, eine völlig andere Dimension. Und ich war erfüllt von einem heftigen Gefühl des Staunens. Diese Art Erfahrung mit Worten zu beschreiben ist fast unmöglich. Ich blickte in die Umgebung, in die Berge, zum Flugplatz und alles war erfüllt von unbeschreiblichem Licht. Da war eine Lichtfülle, nicht vergleichbar mit dem Sonnenlicht, denn es war auch eine Farbenfülle, einfach großartig.

Als ich im Spital aus dem Koma aufwachte, wurde ich mir bewußt, daß ich sozusagen „hinter das Leben“ geblickt hatte und daß es im Leben ganz andere, mir damals unbekannte, geistige Dimensionen gibt. Diese Erkenntnis hat mein Weltbild und Leben grundlegend verändert.

Sie wurden sich auch bewußt, daß wir Menschen nicht nur ein Erdenleben zur Verfügung haben, sondern viele.
Nach dem Flugzeugabsturz konnte ich ein halbes Jahr nicht mehr gehen und hatte deshalb viel Zeit zum Nachdenken. Ich studierte die „Kulturgeschichte der Menschheit“ (32 Bände von W. Durant), seine Entwicklung vom Höhlenbewohner bis zum Menschen der Neuzeit. Und da wurde mir klar, daß wir Menschen leben, um uns ständig weiterentwickeln und durch ein immer universaleres Lebensverständnis unsere Liebesfähigkeit ausbilden zu können. Da dies in einem einzigen Lebensdurchgang nicht möglich ist, begann ich mich mit der Reinkarnationslehre zu befassen, denn für die Entwicklung des Intellekts eines Einstein brauchte es wohl mehrere Erdenleben. Die Reinkarnationslehre wurde in einem Konzil im Jahr 550 n.Chr. aus den Lehren des Urchristentums gestrichen und unter Todesstrafe verboten. 1 Durch den natur- und geisteswissenschaftlichen Fortschritt kamen aber auch immer mehr bedeutende Persönlichkeiten der Geistesgeschichte – Goethe, Morgenstern, Hesse, Kyber, Lessing, Novalis, Tolstoi – zur Gewißheit, daß unsere geistig-psychischen Fähigkeiten über lange Zeiträume hinweg in vielen Wiederverkörperungen reiften, wir eben geistige Wesenheiten sind, nur der Körper sterblich ist. Und daß wir alle ein sogenanntes Karma haben, also ein Schicksal. Wie die Kirche einst akzeptieren mußte, daß die Erde kugelförmig ist (nachdem sie lange Zeit Wissende als Irrlehrer hinrichten ließ), wird sie bald durch wissenschaftliche Erkenntnisse gezwungen sein, die Reinkarnation als Realität anerkennen zu müssen.

Wie hat das NahtoderlebnisIhr Leben verändert?
Nach dem Nahtoderlebnis war ich auf der Suche nach Bewußtwerdung. Ich fragte mich: Was bringt mich im Leben weiter? Und so war eine Konsequenz, die wir zogen, daß wir den Fernseher entsorgten. Der Konsum von so vielen schrecklichen Bildern, Unfällen, Verbrechen, Gewalt, aber auch bloße Unterhaltung, verstärkt die Angst vor einer unbekannten Zukunft. Vom wirklichen Leben jedoch wird im Fernsehen kaum berichtet. Nicht mehr dauernd den Fernseher anschalten zu müssen, das war eine gewaltige Erleichterung. Dafür begann ich wie gesagt, Bücher zu lesen. Ich konnte ja nicht mehr gehen und hatte daher Zeit.

Was genau veränderten Sie dann in Ihrem Schulunterricht?
In der Schule habe ich eigentlich nicht viel verändert, denn der Lehrstoff ist ja vorgegeben . Jedoch habe ich b egon nen, das Leben mit den Schülern zu bewundern. Wir fragten uns: Was steckt da eigentlich dahinter? Zum Beispiel bei einer Blume: Warum wird aus einem kleinen Samenkorn eine Blume? So gab ich den Schülern beispielsweise die Aufgabe, alles aufzuschreiben, was es braucht, bis aus einem Samenkorn zum Beispiel eine Sonnenblume entsteht. Zuerst sagten sie sofort: Das können wir nicht, wir wissen das ja nicht. Doch ich sagte, daß wir einfach einmal anfangen damit. Und so haben wir all die verschiedenen Faktoren zusammengetragen. Solche Übungen führten dazu, daß die Schüler zu staunen begannen über das Leben und Respekt und Bewunderung empfanden. Sie begannen, Fragen zu stellen: Wer macht das eigentlich? Was ist die Ursache? Ein weiterer Schritt kann dann sein, daß wir uns mit der Lebensphilosophie eines Albert Schweitzer beschäftigen, der viel über die Ehrfurcht vor dem Leben geschrieben hat. Es geht darum, daß die Schüler zu erkennen beginnen, daß wir in einer geistigen Entwicklung drin stecken und daß das Göttliche in allem Leben enthalten ist. Daß wir unser Leben nicht einfach verpfuschen dürfen. Ich habe aber den Schülern nie von Reinkarnationen erzählt, sondern einfach beobachtet und gesehen, da sind ganz verschiedene Individuen mit ganz unterschiedlichen Begabungen und Talenten. Ich habe sie immer ermutigt, selber weiter zu suchen. Dies ist die Art Schulreform, die mich dann voll beschäftigt hat und die ich bestrebt war, in meinen Klassen zu realisieren.

Wie Fritz Jordi seine „Schulreform“ konkret um setzte, lesen Sie bitte im vollständigen Artikel in der Druckausgabe Nr. 56 (Hier klicken). Berichte von Schulvisitatoren sind voll des Lobes über den Unterricht von Fritz Jordi. So steht z.B. in einem Bericht: „Der Tag beginnt mit Mozart, eine Kerze brennt, die Schüler sammeln sich und werden ganz ruhig. Unter diesem Vorzeichen wird der Unterricht, selbst das trockene Rechnen, zu einem positiven Erlebnis. Aber sie lernen nicht nur Rechnen, sie lernen mehr, sie lernen fragen: warum?, sie lernen, den Problemen nicht auszuweichen, sondern sie zu bewältigen, zu verarbeiten, indem sie die Hintergründe verstehen....“ Oder im folgenden Bericht: „Herr F. Jordi strahlt eine große Ruhe und Erfahrung aus. Für seine Schüler ist er die Bezugsperson, die ihnen Eigenverantwortung geben und den Sinn im Leben aufzeigen möchte...Die direkte und offene Art des Lehrers motiviert die Klasse auf eine ganz besondere Weise: Sie zeigt sich äußerst lebhaft und interessiert...Seine Lektionen haben mich immer wieder aufs neue verblüfft, einerseits durch die Lebhaftigkeit der Beteiligung der Schüler und andererseits durch die große Aufmerksamkeit, sobald der Lehrer etwas erklärt.“

Fritz Jordi: Die zentrale Frage eines Lehrers sollte sein: Wie kann ich die Schüler lebensneugierig machen? Sodaß sie Freude haben am Lernen? Dazu brauchen wir eine grundlegende Neuorientierung. Als Lehrer habe ich erfahren, daß es für eine gesunde seelische und geistige Entwicklung eines jungen Menschen heute vor allem eine Weltanschauung braucht, die ihn das Leben achten und bewundern läßt, Lebensideale, für die er sich begeistern kann. Meist unbewußt wehrt er sich gegen eine zu sehr profitorientierte, selbstsüchtige, sinn- und lieblose Lebenseinstellung, die aus einem rein mechanisch-materialistischen Weltbild resultiert. Die naturwissenschaftliche Meinung, zufällig, für nichts auf der Welt zu sein, erschwert es, die Beziehung zur Schöpfung und damit zum Schöpfer zu finden. Sie macht den Menschen beziehungs- und damit liebesunfähig, das heißt asozial, areligiös. Ein jeder ist jedoch von klein auf „religiös“, von einer ständigen inneren Unruhe getrieben, lebensbewußt zu werden, um in eine immer verständnisvollere Beziehung zu seiner Umwelt zu kommen, um lieben zu können, geliebt zu werden. Im Pubertätsalter ist das Bedürfnis nach einem umfassenderen Lebensverständnis besonders ausgeprägt. Darauf einzugehen wäre die große Chance des Religionsunterrichts, eine heute dringend notwendige seelische und geistige Entwicklungshilfe. Sie wird jedoch verpaßt, wenn an alle Schüler eines Kantons ein uniformer, von einer theologischen, psychologischen oder pädagogischen Ausbildungsinstitution zusammengestellter Lehrstoff auf die gleiche Art „abgegeben“ wird.

Und weil das naturwissenschaftlich-materialistische Weltbild den Schulunterricht beherrscht und der Religionsunterricht eine unbedeutende Nebenrolle spielt, nehmen die Schüler ihn auch überhaupt nicht ernst.
Genau. Als sich vor Jahren ein Religionslehrer ebenfalls über mangelndes Interesse meiner Realschüler beklagte, begann ich, diesen Unterricht selbst zu erteilen und integrierte die Auseinander setzung mit der Frage „Wozu bin ich auf der Welt, lebe, liebe und leide ich?“ in die meisten Fächer. Erstaunlich war, daß die ganze Klasse sich höchst interessiert am gemeinsamen Suchen nach dem Sinn unseres Daseins beteiligte.
Doch nur wenn wir Eltern und Lehrer die Kinder in unserem persönlichen Suchen nach einem tieferen Lebensverständnis mitnehmen, wollen sie wissen, und sind unsere Belehrungen für sie auch glaubwürdig. Nicht das, was wir reden, sondern das, was wir mit Ernsthaftigkeit vorleben, wird von der Jugend geprüft, akzeptiert und nachzuleben versucht. Um dies zu können sollte der Erzieher auch einen Sinn in unserer Menschwerdung erkennen. Denn: Erziehung ohne jede Weltanschauung gibt es praktisch nicht. Auch kulturelles Schaffen ist stets eine Auseinander set zung mit dem Übersinnlichen, dem Religiösen. Menschen ohne Kultur werden zu Robotern. Wenn Schüler beispielsweise in der Naturkunde – anstatt Tiere und Pflanzen „naturwissenschaftlich“ in ihre „Bestandteile“ zu zerlegen – beobachten und erkennen lernen, daß auch das Werden eines Gänseblümchens ebenfalls nur durch das exakt aufeinander abgestimmte Zusammenwirken geheimnisvoller Kräfte der Gestirne (Klima), der Natur (Assimilation), der Insekten (Befruchtung), der Tiere (Bodenkultur) und der Menschen (Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid) möglich ist, beginnen sie zu staunen, werden sie neugierig, wollen sie wissen, wozu denn sie, die Schüler, auf der Welt sind. Eine solche Sensibilisierung des Verantwortungsbewußtseins ist der beste Schutz vor der Gefährdung durch Drogen oder Gewalttätigkeit, vermindert sie doch die Angst , nur sinnlos dahinvegetieren zu müssen.

(…)

Das vollständige Interview mit Fritz Jordi inspiriert Lehrpersonen und gibt Eltern und Schülern erneut Hoffnung, dass tatsächlich eine Schule möglich ist, die interessant, lehrreich und charakterbildend ist. Fritz Jordi gibt konkrete thematische Beispiele, wie er mit Jugendlichen gearbeitet hat. Viele von ihnen sind ihm bis heute dankbar dafür geblieben.


Den ganzen Artikel finden Sie in unserer Druckausgabe Nr. 56.


Datenschutz und allgemeine Geschäftsbedingungen

 

© 2007 ZeitenSchrift