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Irak: Es ist noch lange nicht ausgestanden

Bush senior warnte schon vor Jahren vor einer Besetzung des Irak. Wieso es dennoch dazu kam und wie das Lügengebäude um angebliche Massenvernichtungswaffen immer mehr in sich zusammenbricht.

Von Benjamin Seiler Seit dem 1. Mai 2003 ist der Krieg im Irak offiziell beendet. Doch amerikanische Soldaten sterben weiterhin - in diesen ‚Nachkriegszeiten' mehr als während des eigentlichen Krieges. Allein im ‚Friedemonat' Mai gab es dreimal soviel Angriffe auf US-Truppen wie im Kriegsmonat April. Die USA sind mit einem langwierigen, schwer in den Griff zu bekommenden Guerillakrieg konfrontiert. Dieser wird nicht nur Unsummen an amerikanischen Dollars verschlingen (die in Bushs Kriegskasse gar nicht vorhanden sind), sondern auch unnötig viel amerikanisches Blut fordern (das den Familienangehörigen der Soldaten sehr teuer ist). Genau dies haben sämtliche Militärexperten vor dem Krieg vorausgesagt - das heißt, jene Experten, die von der US-Regierung unabhängig waren. Die Vorstellung von einem Blitzkrieg im Sinne eines sauberen chirurgischen Eingriffes hat sich längst in Luft aufgelöst. Bush senior warnte vor einer Okkupation Eigentlich hätte es Präsident George W. Bush wissen müssen: Denn 1991 - nach dem Ende des ersten Golfkrieges - wandte sich dessen Vater als damaliger US-Präsident gegen den Vorschlag, den Irak militärisch zu besetzen. Damals sagte George H. W. Bush sen.: "Wir sollten nicht in Bagdad einmarschieren. Die Besetzung des Irak würde die ganze arabische Welt gegen uns aufbringen und aus einem gebrochenen Tyrannen einen arabischen Helden der Neuzeit machen. Junge Soldaten auf die fruchtlose Jagd nach einem sich bestens verschanzten Diktator anzusetzen und sie hierbei zu einem Guerillakrieg in den Städten zu verurteilen, den sie nicht gewinnen können, würde jene Weltregion in noch größere Instabilität stürzen." Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters sagte kürzlich General John Abizaid, der Oberkommandierende der US-Streitkräfte im Irak: "Ich denke, daß man den gegen uns gerichteten Widerstand im militärischen Sinne durchaus als Guerilla-Taktik bezeichnen kann." Der amerikanische Präsident hätte auf die prophetischen Worte seines Vaters hören sollen - aber damals hatten die zionistischen Neokonservativen auch noch nicht das Sagen im Weißen Haus. Für diese Lehnstuhl-Kriegsherren (engl. ‚Chickenhawks') bedeutet die Okkupation des Irak keinerlei persönliche Opfer; ganz anders hingegen für die dort stationierten US-Soldaten. Die Truppenmoral ist auf einem Tiefpunkt angelangt. In einem Bericht des amerikanischen TV-Senders ABC werden Soldaten zitiert, die offen den Rücktritt von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld fordern. Und ein Sergeant ging sogar soweit, dem TV-Reporter seine eigene ‚Most Wanted'-Kopfgeldliste zu präsentieren: "Die Asse in meinem Kartenspiel sind Paul Bremer [US-Zivilverwalter des Irak], Donald Rumsfeld [US-Verteidigungsminister], George Bush [US-Präsident] und Paul Wolfowitz [neokonservativer Vize-Verteidigungsminister]." Bekanntlich hatte die US-Regierung ja irakische Führerpersönlichkeiten auf Spielkarten dargestellt, um auf diese Weise die Prioritäten für ihre Gefangennahme (oder Liquidation) zu unterstreichen. Findige Geschäftsleute haben mit dem Verkauf dieses ‚Kartenspiels' in den USA viel Geld verdient. Mittlerweile kursieren jedoch andere Spielkarten, die Präsident Bush, Verteidigungsminister Rumsfeld und andere führende Kriegstreiber der USA als Asse und Könige darstellen. Auf der Rückseite der Spielkarten ist ein Foto aus dem Jahre 1983 gedruckt, wo sich Donald Rumsfeld und Saddam Hussein freundlich lächelnd die Hand schütteln. Damals hatte Rumsfeld im Auftrag der US-Regierung biologische und chemische Kampfstoffe an den Irak verkauft (dieser befand sich gerade im Krieg mit dem Iran), darunter auch Anthrax-Viren und Erreger des West-Nil-Fiebers. Massenvernichtungswaffen: Bewußt Lügen verbreitet Dennoch besaß der Irak seit Jahren keine Massenvernichtungswaffen mehr. Dies betonten ehemalige Waffeninspektoren wie Scott Ritter schon vor dem Krieg. Nun geben es auch Experten früherer US-Administrationen zu. Am 9. Juli 2003 traten Greg Thielmann, einst ein hochrangiger Geheimdienstmann im Außenministerium, Gregory Treverton, ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des National Intelligence Council und Joseph Cirincione, ein hochrangiger Vertreter der Carnegie-Stiftung für Internationalen Frieden, an die Öffentlichkeit und gebrauchten deutliche Worte: Der Irak habe keine Gefahr für die USA oder die Welt dargestellt, Geheimdienstberichte seien von der US-Regierung manipuliert und verdreht worden, um einen Angriff zu rechtfertigen, und viele ‚neue Beweise' würden aus einem Geheimdienstpapier vor dem ersten Golfkrieg stammen, seien also mehr als zwölf Jahre alt. Außerdem kam heraus, daß US-Vizepräsident Dick Cheney persönlich den CIA-Chef George Tenet dazu gezwungen hatte, die Behauptung in die CIA-Analyse einzufügen, daß Saddam Hussein britischen Geheimdienstquellen zufolge im Jahre 2001 versucht habe, im Niger Uran (‚Yellow Cake') einzukaufen. Dafür gibt es bis heute keine Beweise, weshalb Tenet diese mittlerweile als Lüge entlarvte Behauptung auch unter keinen Umständen veröffentlicht sehen wollte Die Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice fügte dieser Lüge eine weitere hinzu, als sie öffentlich erklärte: "Wenn der CIA-Direktor gesagt hätte, man solle diese Information aus dem Bericht streichen, dann wäre dies fraglos auch geschehen." Selbst der israelische Geheimdienst Mossad informierte Bush über die Tatsache, daß der Irak keine Massenvernichtungswaffen mehr besitze. Doch die zionistischen, neokonservativen Kreise um Paul Wolfowitz im Pentagon und gleichgesinnte Kriegshetzer aus dem Umfeld des israelischen Premiers Ariel Sharon ignorierten diese Geheimdienstinformationen bewußt und manipulierten statt dessen die öffentliche Meinung mit falschen Behauptungen. Denn mit Saddam Hussein ist ein Feind Israels bereits gestürzt worden. Nun soll dem stärksten verbliebenen Dorn im israelischen Fleisch zu Leibe gerückt werden: dem Iran. Mitte Juni 2003 fand im Herrschaftspalast von Kuwait ein geheimes Treffen statt unter dem Arbeitstitel ‚Target Iran' - Zielscheibe Iran. Analytiker, Logistiker und Support-Spezialisten trafen in Kuwait ein, um mit modernsten Geräten und Kommunikationsmöglichkeiten den künftigen Krieg gegen den Iran zu planen, der im nächsten Frühjahr stattfinden soll. Dementsprechend bemerkte der ehemalige CIA-Direktor James Woolsey kürzlich in einer Rede in Los Angeles: "Der Irak-Feldzug ist nur der Beginn des Dritten Weltkrieges, der durchaus Jahrzehnte andauern kann." Die neokonservativen Kriegsplaner hatten in ihrem Fluggepäck auch weitere mögliche Angriffsziele nach Kuwait mitgebracht: Pakistan, Libyen, Saudi-Arabien, Burma, Kuba, Nordkorea und sogar China. Humanitäre Katastrophe im Irak? Während die Herren in ihren weißen Hemden und Maßanzügen bereits neue Schlachtpläne auf dem Reisbrett entwerfen, leidet die irakische Zivilbevölkerung noch immer unter den Folgen des letzten ‚Befreiungskrieges'. Amerikanische und britische Bomben haben die lebensnotwendige Infrastruktur für 25 Millionen Iraker praktisch ausgelöscht. Denn es war bei weitem kein ‚sauberer' Krieg mit hochmodernen Lenkwaffen und ‚Smart Bombs', die nur ausgewählte Ziele zerstörten - wie man uns glauben machte. Im Gegenteil. Jetzt mußte sogar das US-Militär zugeben, daß ein Drittel aller abgeworfenen Sprengkörper ungelenkt waren, darunter auch viele der gefürchteten und von Menschenrechtsgruppen geächteten Streubomben. Jede dieser ‚Cluster Bombs' verstreut in einem Umkreis von bis zu einer Viertelmeile Granatsprengsätze, die wahllos alles zerstören. Allein US-Truppen sollen 240'000 solcher Streubomben auf irakische Städte abgeworfen haben. Als Folge davon sind auch die Versorgung mit Strom und Wasser, die sanitären Einrichtungen und Kommunikationsmöglichkeiten weitgehend ausgefallen. Im Juli 2003 gab es in der Hauptstadt Bagdad nur während zwei bis vier Stunden pro Tag Strom. Ohne Strom funktioniert auch das Wassernetz nicht. Verschmutztes Wasser führte dazu, daß Durchfall heute im Irak die häufigste Todesursache von Kindern ist. GEmäss UNICEF-Angaben leiden 72 Prozent aller untersuchten Kinder an Durchfall; das ist zweieinhalb Mal mehr als noch vor einem Jahr. Kinder sterben jedoch auch vermehrt an Cholera, Typhus und Ruhr. Schuld daran ist nicht die Mißwirtschaft des Hussein-Regimes - wie dies der US-Statthalter Paul Bremer immer wieder darstellt -, sondern die systematische Bombardierung der irakischen Infrastruktur in zwei Golfkriegen. Wir vergessen nämlich, daß Saddam Hussein sein Land vor dem ersten Golfkrieg und den nachfolgenden Sanktionen immerhin dermaßen entwickelt hatte, daß der Irak zu den reichsten Ländern im arabischen Raum gehörte, mit einer breiten, gesunden Mittelschicht und einer einwandfreien Trinkwasserversorgung für mehr als 90 Prozent der Bevölkerung. Ein hoher Bildungsstand (auch für Frauen!) verschaffte dem arabischen Land den 67. Rang im Human Development Index von 1990. Heute ist der erdölreiche Irak ein Scherbenhaufen, dessen Volk an Infektionskrankheiten stirbt, während westliche Konzerne dicke Gewinne aus der Rohölförderung einfahren. Ein gutes Beispiel ist Halliburton, der weltgrößte Dienstleistungskonzern für Ölfelder. Die US-Regierung hatte der US-Firma ohne Ausschreibungsverfahren den lukrativen Auftrag zugeschanzt, sämtliche Ölförderanlagen im Irak wieder auf Vordermann zu bringen. Der umstrittene Vertrag sollte ursprünglich ein Kostenvolumen von 76,7 Millionen US-Dollar umfassen. Doch bereits einen Monat später steht fest, daß Halliburton mit diesem Auftrag mindestens 184,7 Millionen Dollar verdienen wird. US-Vizepräsident Dick Cheney wird's freuen - war er doch vor seiner Berufung in dieses hohe politische Amt fünf Jahre lang der CEO von Halliburton gewesen. Während die Iraker noch immer auf den Wiederaufbau ihrer lebenswichtigen Infrastruktur warten, fließt im Südirak das Erdöl bereits wieder in Strömen. Möglich machte dies das amerikanische Militär. Das ‚U.S. Army Corps of Engineers' (USACE) erhielt von Verteidigungsminister Rumsfeld den Auftrag, mit amerikanischem Steuergeld die Ölförderanlagen wieder zu reparieren und in Betrieb zu nehmen. Davon profitieren angloamerikanische Ölkonzerne wie ‚British Petroleum' und ‚ChevronTexaco'. Sie erhalten das Rohöl zu Dumpingpreisen, die im Juli 2003 fünf Dollar pro Barrel unter dem amerikanischen Durchschnittspreis lagen. - Mit anderen Worten: Die Konzerne fahren außergewöhnlich hohe Gewinne ein, die auf dem Buckel des nun ausgeplündert werdenden irakischen Volkes ‚verdient' werden. Der Irak ist ein Goldesel, der nun endlich auf Teufel komm raus Dukaten scheißen soll. Da paßt es ganz gut, daß die Schlagzeile des ‚New Yorker' am 21. Juli 2003 lautete: "Der Irak könnte über die größten Erdölreserven der Welt verfügen." Darüber ist zumindest Vizepräsident Cheney schon seit mehr als zwei Jahren genauestens informiert: Im März 2001 leitete Cheney eine Energie-Taskforce, welche die irakischen Ölvorkommen unter die Lupe nahm. Es entstand ein 16-seitiges Dokument, das Karten von Ölfeldern, Pipelines, Raffinerien und Verlade-Terminals enthält. - Und da sollen wir noch glauben, daß der Krieg geführt wurde, um dem irakischen Volk die Freiheit zu bringen. Nun, vielleicht sollten wir das wirklich. Immerhin glaubt der stellvertretende US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz fest daran. Er, einer der neokonservativen Rädelsführer in der Kriegshetze gegen den Irak, traf am 17. Juli 2003 persönlich in Bagdad ein und sagte bei seiner Ankunft: "Ich freue mich, aus eigener Anschauung zu erfahren, was es für das irakische Volk heißt, von einer jahrzehntelangen brutalen Unterdrückung befreit zu sein."