Kognitive Kriegsführung: Das umkämpfte Gehirn

Mit der „kognitiven Kriegsführung“ wird die Psyche jedes Menschen ins Visier genommen – das Gehirn soll wie ein Computer gehackt werden. Eine Dystopie, die von der NATO gnadenlos vorangetrieben wird. Doch wir sind dieser schauerlichen Entwicklung nicht schutzlos ausgeliefert.

PsyOps: Das Unterscheidungsvermögen und klare Denken der Menschen mit psychologischen Operationen gezielt schwächen, um ihre Einstellung zu manipulieren.

Seit vielen Jahren schon beschäftigen sich Bestseller-Autoren wie etwa Stephen King oder auch die Filmindustrie mit den Möglichkeiten der Gedankenkontrolle. Wobei sich zeigt, dass aus dieser vermeintlichen Fiktion immer mehr Fakt wird. Daher muss gefragt werden, inwiefern man über die Manipulation von Gedanken auch Kriege führen kann. Denn Tatsache ist auch: Kriege verlagern sich immer mehr auf die Ebene der Kognition, also in den Bereich, der das Wahrnehmen, Denken und Erkennen betrifft.

Dass der Mensch mit seinen Gefühlen und Gedanken einen hohen Stellenwert für Mächtige hat, um sie zu ihren Gunsten zu manipulieren, steht außer Frage. In heutigen Zeiten hat das zu den hartnäckig geführten Informationskriegen geführt. Doch das ist erst der Anfang. Seit Jahren weist der israelische Historiker und Bestsellerautor Yuval Noah Harari darauf hin, dass die Gehirne von Menschen wie ein Computer gehackt werden können. Die NATO marschiert bereits mit Riesenschritten in diese Richtung: Mindestens seit 2020 wird eine neue Art der Kriegskunst gezielt vorangetrieben, die sogenannte „kognitive Kriegsführung“. Sie gilt als die fortschrittlichste Form der Einflussnahme auf das menschliche Gehirn. Und wird definiert als eine Sammlung an Möglichkeiten zur Manipulation der Kognitionsmechanismen eines Feindes oder seiner Bürger, mit dem Ziel, ihn zu schwächen, zu durchdringen, zu beeinflussen oder sogar zu unterwerfen und zu zerstören. Mit dieser Strategie wird also eine völlig neue Dimension erreicht.

Der Mensch als Kriegsschauplatz

„Man will die Human Domain beherrschen, also die menschliche Sphäre, um den vollständigen politischen Sieg zu erringen“, erläutert der deutsche Propagandaforscher Jonas Tögel, der dazu ausführlich recherchiert und das Buch Kognitive Kriegsführung veröffentlicht hat. Es werde unter anderem darauf abgezielt, „Wahrnehmungen zu beeinflussen, Vertrauen zu erschüttern und Gesellschaften von innen heraus zu destabilisieren. Das geschieht nicht nur in Regionen, die bereits von lang anhaltenden Krisen geprägt sind, sondern (be)trifft auch uns – und jeden Einzelnen.“ Der Mensch selbst wird also zum Einsatzgebiet. Und damit entsteht ein sechster Kriegsschauplatz – zu den bisherigen zählen Wasser, Land, Luft; hinzu kommen seit dem Jahr 2016 das Internet und seit 2019 der Weltraum. In allen Analysen, die sich mit Cognitive Warfare beschäftigen, werde laut Tögels Recherchen betont, wie wichtig es sei, die Manipulationstechniken immer weiter zu verbessern, um so die Gedanken und Gefühle der Menschen immer effizienter steuern zu können.

Um die Sphäre weiter auszudehnen, setzt die NATO alle Hebel in Bewegung. Ein erster Aufsatz dazu wurde im Februar 2020 für die „Warfighting 2040“-Studie des Allied Command Transformation veröffentlicht, das verantwortlich für die Strategien und Weiterentwicklung der NATO ist. Der Titel: „Weaponization of Neurosciences“ (Militarisierung der Neurowissenschaften), verfasst von Hervé Le Guyader, Cyberexperte und Gründer des European Center for Communication. Dieser zeichnete sich ebenfalls verantwortlich für die im September 2020 herausgegebene Publikation „NATO’s Sixth Domain of Operations“ (Das sechste Einsatzgebiet der NATO). Weitere Veröffentlichungen folgten, auch von anderen Autoren. Nur wenig später, am 21. Juni 2021, fand ein offizielles NATO-Symposium zum Thema Cognitive Warfare statt. „Mit dem Symposium ist die kognitive Kriegsführung nun nicht länger nur in den Händen des Innovation Hub (Innovationszentrums), sondern sie wird explizit von den höchsten Generälen des Militärbündnisses begrüßt sowie gefördert und von der NATO vorangetrieben“, macht Tögel deutlich. Das Symposium könne daher als offizieller Startschuss für die Weiterentwicklung der kognitiven Kriegsführung durch die NATO gelten, welche ab diesem Zeitpunkt durch eine Reihe von Treffen und Workshops weiter ausgearbeitet werde.

Auch schreibt das politisch-militärische Bündnis für dieses Themengebiet regelmäßig Wettbewerbe aus, unter anderem im Jahr 2021 einen Innovationswettbewerb zur Entwicklung von Strategien der kognitiven Kriegsführung. Als Sieger ging das US-Unternehmen Veriphix hervor, das eine Plattform entwickelt hatte, die das Nutzerverhalten im Internet vorhersagt und Änderungen in politischen Überzeugungen erkennt. Für die NATO hilfreich sind auch Studien zu Brain Computer Interfaces, kurz BCI, also zu Gehirn-Computer-Schnittstellen, die einen direkten Dialog zwischen Mensch und Maschine ermöglichen. Etwa 150 Arbeitsgruppen weltweit sind damit befasst.

Das darauf fußende neurologische Prinzip ist schon lange bekannt: Bestimmte Hirnareale sind nicht nur bei bestimmten Bewegungen aktiv, sondern werden bereits aktiviert, wenn man sich diese Bewegungen nur vorstellt. So zeigten etwa Wissenschaftler der Technischen Universität Berlin im Jahr 2009, dass Probanden fähig waren, alleine mit der Kraft ihrer Gedanken Flipper zu spielen. Auch Forschungen mit bewegungsunfähigen Locked-In-Patienten brachten zutage, dass alleine deren Vorstellung, sie würden ihre Hand heben, ausreichte, damit dies der Computer anhand der EEG-Signale entsprechend deutete – eine Elektrodenhaube liest die Hirnimpulse ab und überträgt die Daten. Da jedes Gehirn ein etwas anderes Signalmuster sendet, müssen Mensch und Maschine jedoch miteinander trainieren.

Diese Studien klingen harmlos oder gar ausgesprochen nützlich, doch die Krux ist, dass Militärs bereits seit Jahrzehnten versuchen, Erkenntnisse aus der Hirnforschung für kriegerische Zwecke einzusetzen. Forschungen dieser Art werden immer wieder auch von Verteidigungsministerien oder Rüstungskonzernen mitfinanziert. Die USWissenschaftlergruppe JASON warnte bereits im März 2008 vor den potenziellen Gefahren eines BCI-Einsatzes: „In nicht zu ferner Zukunft“ könnten Drohnen oder andere Waffensysteme mit Gedanken gesteuert werden.

Bereits seit Anfang der 1970er-Jahre finanziert die Pentagon-Forschungsabteilung Darpa entsprechende Projekte. Ein Team von Miguel Nicolelis von der Duke University im englischen Durham hat beispielsweise mehrfach im Auftrag des Pentagon gearbeitet – und ließ 2007 ein System patentieren, das sich explizit auch zur Gedankensteuerung von Waffen eignen soll. Im Sommer 2008 lobte die US-Armee vier Millionen Dollar an die University of California in Irvine aus, um sogenannte „synthetische Telepathie“ zu erforschen.

Es hieß, die Technologie könne auch Gelähmten helfen. Doch auch hier geht es primär um militärische Anwendbarkeit, im Speziellen um die Möglichkeit, Soldaten auf dem Schlachtfeld per BCI direkt von Hirn zu Hirn kommunizieren zu lassen. Zum ungefähr gleichen Zeitpunkt haben die US-Streitkräfte ein Projekt zum Entziffern von Gedanken im menschlichen Gehirn unterstützt. Ebenfalls im Sommer 2008 wurde bekannt, dass der US-Konzern Northrop Grumman an Ferngläsern arbeitet, die fortschrittliche Optik mit Hirnströmen kombinieren, um anhand unterbewusster Signale blitzschnelle Reaktionen zu ermöglichen.