Vom Aussterben bedroht: Das kritische Denken

Internetsucht lässt unsere Denkkraft nachweislich verkümmern. Ein falscher Umgang mit künstlicher Intelligenz beschleunigt dies. Steckt dahinter womöglich sogar eine Absicht?

Keine Scheu vor Anstrengung: Denken, Lernen und Wissen verlangen nach persönlichem Effort.

Es ist offiziell: Social Media und vor allem die Endlos-Feeds von TikTok, YouTube und Instagram lassen unsere Denk- und Konzentrationsfähigkeit verrotten. Der englische Begriff Brain Rot – Hirnfäule – existiert zwar schon länger, doch er hat mit der sprunghaft angestiegenen Flut von KI-generierten Internet-Kurzvideos an Dringlichkeit zugenommen. Inhaltsleere, laute und visuell überladene Clips prügeln fast im Sekundentakt auf das Gehirn der Nutzer ein. Oft sind sie schlicht absurd: Ein süßes Schmusekätzchen verkloppt einen Braunbären oder Victoria Beckham verdreht sich beim Hochzeitstanz in widersinnig-unnatürlichen Posen.

Das belustigt, erregt Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit ist die wichtigste aller digitalen Währungen, denn Tech-Konzerne verdienen ihr Geld mit Nutzerdaten, die sie an Werbekunden verkaufen. Je länger wir auf ihrer Plattform verweilen, desto mehr Daten können sie über uns sammeln. Also machen Social-Media-Firmen uns mit psychologischen Tricks süchtig, damit wir jeden Tag stundenlang am Tropf ihrer um Aufmerksamkeit heischenden Contents hängen – vermeintlich freiwillig, obwohl man uns in Wahrheit längst abhängig gemacht hat. Das lässt sich auch im Gehirn nachweisen.

Die Folgen eines solch exzessiven Handy-Konsums sind Denkschwäche, Schlafstörungen und schlechte Laune bis hin zu Depression. Alles nicht gerade förderlich für die eigene Karriere. Laut einer repräsentativen Studie der Universität Bochum leiden bereits ein Drittel aller Social-Media-Nutzer an diesen Symptomen, bei jungen Menschen unter 20 Jahren ist es sogar über die Hälfte. Das kommt nicht von ungefähr. Was Google begonnen und konsequent umgesetzt hat, machen heute alle anderen auch. Es sind verhaltensökonomische Tricks aus dem Überzeugungslabor (Persuasive Lab) der Elite-Universität von Stanford. Man nennt sie auch Dark Patterns (im Dunkeln verborgene Muster): manipulative App-Designs, die uns dazu verleiten, sich entgegen unseren eigenen Interessen zu verhalten. So surfen wir eben immer weiter im Internet, obwohl wir wissen, dass wir eigentlich längst aufhören sollten. Zu diesen Dark Patterns gehört zum Beispiel die Autoplay-Funktion, welche sofort mit dem Abspielen eines neuen Videos beginnt, sobald das vorherige fertig ist. Oder auch, dass wir bis in alle Ewigkeit unseren Feed durchscrollen könnten, weil laufend neue Inhalte angezeigt werden. Das ist wie eine Suppenschüssel, die sich stets neu füllt – wir essen, obwohl wir gar keinen Hunger mehr haben. Darüber hinaus erzeugen die ständigen Benachrichtigungen und Anfragen eine Illusion von Dringlichkeit, was die Nutzer ebenfalls länger auf der Social-Media-Plattform hält.

„Sie haben uns wie Laborratten eingesetzt, um zu checken, mit welchen Inputs sie welche Verhaltensweisen hervorbringen“, sagt Martin Andree, Medienwissenschaftler an der Uni Köln. Der Jurist Maurice Stucke hat unlängst ein Buch über Big-Tech-Firmen geschrieben und darüber, wie wir die Kontrolle über unsere Daten zurückbekommen. Sein Fazit lautet: „Menschen glauben, dass sie frei entscheiden. Aber du bist nur wie eine Figur in einem Spiel. Und sie lenken dich durch das Labyrinth.“

Der Hunger nach Neuem

Die Konsequenzen für die so Manipulierten sind leider kein Spiel. Ganz besonders, seit generative KI (künstliche Intelligenz) das Spielfeld aufmischt. Wo früher Personal und handwerkliches Können nötig waren, um einen digitalen Inhalt zu erstellen, generieren heute KIAlgorithmen praktisch aus dem Nichts eine unvorstellbare Schwemme von Bildund Filminhalten – zu einem Bruchteil der Produktionskosten. Die Folge: Internetkanäle können auf diese Weise riesige Mengen an Kurzvideos generieren, was deren Veröffentlichungsrate entsprechend erhöht. Damit werden sie von den Algorithmen der Social-Media-Plattformen bevorzugt und können Empfehlungsfeeds allein durch die Menge überschwemmen – unabhängig von der Qualität ihrer Inhalte. Bei solchem „KI-Schrott“ (AI Slop) geht es nur darum, maximale Aufmerksamkeit zu erlangen.

Was für die Tech-Konzerne enormen Profit abwirft, treibt die Nutzer in die geistige Erschöpfung. Ihre Wahrnehmung wird fragmentiert, ihre Konzentrationsfähigkeit pulverisiert. Und damit verabschieden sich auch Denkleistung und Lernfähigkeit. Dafür verstärken die Dark Patterns kurzfristige Belohnungsmechanismen, basierend auf dem Hunger nach Neuem, welche die emotionale Selbstkontrolle und damit auch die Stressresilienz untergraben. Das lässt sich mit EEG-Messungen und MRI-Gehirnscans beweisen, weil unser Oberstübchen nämlich gleichsam neu verdrahtet wird.

Eine im September 2025 veröffentlichte Metastudie hat 71 verschiedene Studien mit insgesamt fast 100'000 Teilnehmern analysiert, die sich mit der Wirkung von unterhaltenden Kurzvideos auf unsere kognitive und geistige Gesundheit auseinandersetzen. Es ist egal, welche Plattform und ob jung oder alt (wobei die ab 1995 geborene Generation Z natürlich am stärksten davon betroffen ist), die Auswirkungen treten überall dort auf, wo endlose, schnell scrollbare Videoformate die täglichen Bildschirmgewohnheiten dominieren. Vor allem, wenn man diesen mehr als zwei Stunden pro Tag frönt. Die Folgen sind alarmierend.