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Der sagenhafte Reichtum Saunières scheint zum Teil tatsächlich aus einem Schatzfund zu stammen, was sich insofern belegen lässt, als der Pfarrer einige seiner Amtsbrüder aus der Umgebung reich mit Antiquitäten beschenkte. So erhielt der Priester Grassaud einen sehr alten, außerordentlich kostbar verzierten Abendmahlskelch. Dem Abbé Courtaulay aus Couiza verehrte Saunière eine beträchtliche Menge Münzen, die aus dem 6. und 7. Jahrhundert n. Chr. stammten. Doch zeitgenössische Quellen sprudelten ebenso für Saunière. Er erhielt großzügige Zahlungen von den Adelshäusern Chambord und Habsburg. Auch Saunières Amtsbruder Henri Boudet aus dem Nachbarort Rennes-les-Bains überwies an den Pfarrer von Rennes-le-Château und sogar an seinen vorgesetzten Bischof Billard in Carcassonne Summen in Millionenhöhe. Saunière empfing in seinem Refugium so bedeutende Gäste wie den Cousin des österreichischen Kaisers, Johann Salvator von Habsburg, den französischen Kultusminister und die berühmte Operndiva Emma Calvé, die auch seine Geliebte gewesen sein soll.
Auch nachdem 1914 sein väterlicher Freund und Berater Boudet aus dem Leben geschieden war, nahm Saunière nicht Abstand von seinen immer umfangreicher werdenden Projekten. Während in Europa der 1. Weltkrieg tobte, plante Saunière, Rennes-le-Château mit einem mehrere Meter hohen Wall zu umgeben und das gesamte Dorf mit einem auf neun Säulen ruhenden, mehr als fünfzig Meter hohen Tempel zu überdachen. Das gigantische Bauwerk sollte 8 Millionen Franc in Gold kosten (etwa 120 Millionen Euro), wie einem ersten Kostenvoranschlag von Elias Both, Saunières Architekten, zu entnehmen ist. Doch am 17. Januar 1917 erlitt der Priester überraschend einen Schlaganfall, an dessen Folgen er fünf Tage später verstarb.
Der Schatz der Westgoten?
WILL NOT BE SHOWN IN THE FINAL DESIGN
Der Titusbogen in Rom zeigt noch heute, wie der Tempelschatz mit der großen Menorah – einem siebenarmigen Leuchter aus purem Gold – dem Bogen des Bundes und den Smaragdtafeln des alttestamentarischen Gesetzes einst im Triumphzug des Titus mitgeführt wurde. Genau dies ist der Schatz, von dem Prokopius berichtet, daß er von den Westgoten geraubt und ihrer aus vielen Kriegen stammenden Beute einverleibt wurde. Denn die Westgoten besaßen einen Staatsschatz, über den andere Völker nur staunen konnten: „Die Wisigoten standen in dem Ruf, den reichsten Goldschatz zu besitzen, und ihre Gotteshäuser hatten kostbarere Kultgefäße als andere Kirchen.“ Zu diesem Schatz gehörten zwei ganz besondere Kunstgegenstände – das Missorium und der Smaragdtisch. Das Missorium war ein Gefäß aus massivem Gold, das zusätzlich mit Edelsteinen geschmückt war. Der Smaragdtisch, obwohl er wahrscheinlich nicht aus jenem Edelstein gefertigt worden war, beeindruckte die Menschen derart, dass er in vielen Erzählungen wieder auftaucht. Beide Stücke sind heute verschollen.
Die glanzvolle Zeit der Westgoten ging im Jahr 507 n. Chr. zu Ende, als sie von den Merowingern unter König Chlodwig in der Schlacht von Vouillé vernichtend geschlagen wurden. Alarich II. verlor Schlacht, Reich und Leben; die Westgoten mussten ihre Hauptstadt Toulouse aufgeben. Die Stadt wurde von den nachdrängenden merowingischen Heeren erobert und geplündert. Erst vor den Mauern des gut verteidigten Carcassonne kam der merowingische Vormarsch zum Erliegen. Chlodwig versuchte zwar, Carcassonne zu erobern, um in den Besitz des „heiligen“ Schatzes der Westgoten zu gelangen, zu dem auch das Missorium und der Smaragdtisch gehörten. Nach den Worten des Historikers Prokopius von Cesarea begann Chlodwig mit der Belagerung Carcassonnes, „da er genau wußte, daß der Heilige Schatz dort aufbewahrt wurde. Der Schatz, den Alarich der Ältere zu früheren Zeiten erbeutete, als ihm Rom in die Hände fiel.“ Doch die Westgoten hielten das stark befestigte Carcassonne. Chlodwig musste schließlich die Belagerung abbrechen und sich zurückziehen.
Prokopius berichtet weiter, dass der westgotische General Ibbas nach der Beendigung der Belagerung „alle die Schätze, die in der Stadt Carcassonne lagen, sammelte und eilig nach Ravenna zurückmarschierte.“ Nach Prokopius soll zumindest ein Teil der in Carcassonne eingelagerten Schätze auch nach Rhedae gebracht worden sein, das viel besser als das nunmehr zur Grenzstadt gewordene Carcassonne verteidigt werden konnte.
Doch unter den Angriffen seiner zahlreichen Gegner, insbesondere der Franken, schrumpfte das westgotische Reich in den folgenden Jahrhunderten allmählich zu einem winzigen Gebiet, das heute als das Razès bekannt ist.
Die neue Hauptstadt Rhedae blieb von den Eroberungszügen der Franken offensichtlich unbehelligt. In einem Bericht des Bischofs Theodulf, den Karl der Große zur Zählung der wichtigsten Städte in den Süden entsandte, wurde Rhedae mit Städten wie Carcassonne oder Narbonne gleichgestellt.
In der Endzeit des westgotischen Reiches soll der alte und heilige Schatz in zwölf einzelnen Depots in der Umgebung von Rhedae, dem heutigen Rennes-le-Château verborgen worden sein. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls die französische Historikerin Tatjana Kletzky-Pradere bei ihren Forschungen. Sie stützt sich dabei vor allem auf die merkwürdigen Aufzeichnungen des Abbé Henri Boudet, jenes Geistlichen aus Rennes-les-Bains, mit dem Bérenger Saunière eine enge Freundschaft verband.
Der unauffällige und stets ein wenig kränkliche Abbé Boudet ist mit Sicherheit eine Schlüsselfigur des Rätsels um Rennes-le-Château. Seit 1872 wirkte er als Pfarrer in dem damals recht wohlhabenden Kurort Rennes-les-Bains. Obwohl er aus einfachen Verhältnissen stammte, besaß Boudet eine hervorragende Bildung und ein umfangreiches Wissen auf den Gebieten der alten Sprachen und der Archäologie. Während seiner Jugend und der Ausbildung in Carcassonne gehörte zu Henri Boudets Lehrern auch der Pfarrer Emile-François Cayron, der zu den Eingeweihten des Geheimnisses um Rennes-le-Château zählte. Durch ihn wurde auch Boudet mit der Familientradition der Grafen von Hautpoul und Blanchefort vertraut. Diesem Geheimnis widmete er seine Studien in den Bergen und Tälern um Rennes-les-Bains, durch die ihn immer wieder ausgedehnte Wanderungen führten. Mit Sicherheit ist Henri Boudet der wahre „Wiederentdecker“ der Schätze von Rennes-le-Château gewesen. Im Jahr 1886 veröffentlichte er ein Buch mit dem seltsamen Namen La vraie Langue Celtique et le Cromleck de Rennes-le-Bains, das in einer Auflage von 800 Exemplaren erschien. Der Titel bedeutet zu deutsch „Die wahre Sprache der Kelten und der Steinkreis von Rennes-les-Bains“. Bereits kurz nach seinem Erscheinen erntete das Buch in der Fachwelt eine vernichtende Kritik. Wissenschaftler bezeichneten es als eine „unseriöse und urkomische Schrift“. Rezensenten warfen dem schriftstellernden Priester darüber hinaus vor, in diesem Werk „ganz überwiegend andere Schriftsteller zitiert zu haben“ – Henri Boudet hatte bei vielen anderen Autoren einfach abgeschrieben.
Nach der Meinung zahlreicher Schatzsucher, aber auch renommierter Historiker, enthält Boudets Buch den codierten Schlüssel zum mysteriösen Geheimnis der Familie de Hautpoul de Blanchefort. So kündigte Abbé Boudet bereits im Vorwort den Zweck der Publikation wie folgt an: „Durch die Interpretation eines in einer fremden Sprache gebildeten Namens in das Geheimnis einer lokalen Geschichte eindringen...“
Dies bedeutet nach Kletzky-Praderes Auffassung den Hinweis auf einen kryptischen Schlüssel, ohne den der Inhalt des Buches ebenso konfus wie unverständlich bleibt. Auf Seite 126 seines Buches verkündete Boudet stolz, dass er für Außenstehende in einem gewissen Jargon sprechen würde und auf Seite 11 machte er einige hochinteressante Andeutungen bezüglich der möglichen Schlüssel. Viele Forscher haben in den letzten Jahren La vraie Lange Celtique immer wieder studiert, um hinter das Geheimnis des Werkes zu kommen. Sie waren der Auffassung, Boudet hätte dort die Koordinaten von insgesamt zwölf Schatzverstecken niedergeschrieben, die sich in der Umgebung von Rennes-les-Bains und Rennes-le-Château befinden sollen. Bei diesen an zwölf verschiedenen Stellen verborgenen Schätzen soll es sich um die Hinterlassenschaften der Westgoten handeln.
Spurensuche
Wenn man die an sich unwahrscheinliche Möglichkeit ausschließt, dass diese Münzen in moderner Zeit an den Fundort verbracht worden sind, dann ergibt sich eine brisante Indizienkette. Die hebräische Münze deutet darauf hin, dass sie tatsächlich Teil des salomonischen Tempelschatzes war, den Titus im Jahr 70 nach der Eroberung Jerusalems in seine Heimatstadt Rom brachte. Die römische Kupfermünze und das westgotische Bleisiegel weisen darauf hin, dass es sich bei den am Sebairous verborgenen Kostbarkeiten zumindest um einen Teil des sagenhaften Schatzes der Westgoten handelt, der nicht nur materielle Werte, sondern möglicherweise auch brisante Dokumente enthielt.
Mit diesen Indizien wird Tatjana Kletzky-Praderes Hypothese von den insgesamt zwölf Schatzverstecken in der Gegend um Rennes-le-Château auf eindrucksvolle Weise bestätigt. Da Bérenger Saunière zu seiner Zeit wohl nur einen Teil dieser Verstecke gefunden und geplündert hat, besteht die ernstzunehmende Möglichkeit, dass sich sowohl das Missorium und der Smaragdtisch in einem der Depots bei Rennes-le-Château befinden. Solche einzigartigen Schätze könnten erklären, warum Bérenger Saunière großzügig durch die Habsburger und den Vatikan finanziert wurde.
Im September 2008 und März 2009 fanden ausgedehnte geophysische Untersuchungen des Gebietes um Rennes-le-Château unter der Mitwirkung von Wissenschaftlern der Universität Göttingen statt. Mittels sieben verschiedener Meßmethoden konnten in unmittelbarer Nähe des Dorfes, aber auch nahe der Quelle des Flusses Sals, unterirdische Anlagen geortet werden, die eindeutig künstlich geschaffen worden sind. Die Koordinaten dieser Plätze sind durch GPS erfasst und jederzeit reproduzierbar. Möglicherweise handelt es sich hierbei um weitere Depots des sagenhaften Westgotenschatzes.
Nun muss aber das Wissen des Abbé Saunière nicht zwangsläufig nur mit dem Dorf etwas zu tun haben, zumal die Überlieferungen von Zeitzeugen besagen, dass Saunière zeitweise Rennes-le-Château verlassen hat. Dem französischen Forscher André Douzet gelang inzwischen der Nachweis, dass Abbé Saunière sich zeitweise in Lyon aufgehalten hat. Er fand sogar die damalige Adresse des Pfarrers in der Rue des Maccabées, der Makkabäerstraße im ehemaligen Judenviertel. Sie war auch bekannt als die Straße der Goldschmiede. Diese für einen katholischen Priester merkwürdige Umgebung sollte nachdenklich stimmen. Bérenger Saunière führte offenbar ein Doppelleben. Doch André Douzet entdeckte noch mehr. Saunière pflegte in Lyon Kontakte zum Orden der Martinisten, einer esoterischen Vereinigung jüdischen Ursprungs, der solche charismatischen Persönlichkeiten wie Dr. Gerard Encausse, genannt Papus, und dessen Mentor, der spirituelle Meister und Heiler Philipp de Lyon, angehörten. Papus und Philipp unterhielten enge Verbindungen zum russischen Zarenhof. Sie galten als Vertraute der Romanows und erklärte Widersacher des russischen Wanderpredigers Rasputin.
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