Der Innere Helfer

Wie wir Gott in unserem Innern finden.

Heute, wo innere Leere die Seelen verödet, Zerrissenheit sie aus dem Gleichgewicht bringt und Trauer sie zerfrißt, wird uns ständig suggeriert, die Erlösung aus solch innerer Drangsal liege im Äußeren – einem Wellness-Wochenende, einer Psychoanalyse, einer Diät oder in einem ausschweifenden, schmerzbetäubenden Leben. Du ahnst schon: Dem ist nicht so, ganz im Gegenteil! Denn in uns gibt es etwas Höheres, etwas, das der deutsche Esoteriker K. O. Schmidt in Ermangelung eines besseren Wortes den „Inneren Helfer“ nannte. Dieser „Innere Helfer“ ist immer da, wartet nur darauf, daß wir uns auf ihn besinnen und in ihm unsere innere Kraft finden. „Das ist das erste, was Du erkennen mußt, wenn Du wirklich frei werden willst: Alle Kraft ist in mir! ‚Die Wahrheit’, sagt der englische Dichter Browning, ‚ist in uns, nie kommt sie von außen, sei dein Glaube, wie er will. In jedem von uns ist ein Zentrum der Kraft, wo die Fülle der Liebe und Wahrheit wohnt.’“

Der innere HelferAuch Ralph Waldo Emerson, amerikanischer Dichter mit tiefen Einsichten, hatte erkannt: Vollkommenen Frieden kann nur jener erlangen, dem das eigene innere Selbst Freund und Berater ist. „Wer zu viele Freunde hat, verliert sich selbst. Darum wende dich an deinen inneren Führer und besprich mit ihm die Sorgen, die dich bedrücken und die Pläne, die du ausführen möchtest.“

„Wenn du es tust, wirst du schrittweise aus einem lebensunsicheren Schwächling zu einem Riesen an Kraft“, schreibt Schmidt. Weise aller Zeitalter haben es verkündet, und manch ein Mensch ist durch die Verwirklichung dieser Worte über sich hinausgewachsen in ein großartiges Leben hinein:

  • Du kannst aus jeder Not und Gefahr siegreich hervorgehen!
  • Du kannst ungeahnte Energien in dir entfesseln und mit ihrer Hilfe dein Schicksal meistern!
  • In dir schlummern alle Kräfte und Möglichkeiten, um glücklich, gesund und erfolgreich zu sein.
  • In dir ist das strahlende Zentrum des Lebens – in dir ist der Himmel, den du ersehnst – Du mußt ihn nur erkennen und in die Welt hinausstrahlen!
  • Besinne dich auf diese innere Kraft, Deinen inneren Helfer, durch den Du eins bist mit den Kräften des Alls!

Immer noch gilt, was vor Jahrtausenden der indische Weise Manu lehrte:
‚Wer in seinem innersten Selbst den unsichtbaren Gesetzgeber aller Dinge erkannt hat und ihm allein vertraut, der hat die Seligkeit erlangt.’

Dieser „innere Helfer“ ist nicht zu verwechseln mit einem tibetischen Mönch, einem verstorbenen Indianer, russischen Popen oder wen immer jemand als seinen „Geistführer“ halten mag. Vor solchen zweifelhaften Gestalten können wir nur warnen. Sie sind nicht, was sie vorgeben zu sein, und sie entspringen nicht unserem eigenen Sein. Damit sind sie nichts weiter als eine Krücke, so, wie es andere Krücken gibt – Wahrsage- oder Tarotkarten, Pendel und dergleichen mehr, die manchmal die Stimme unseres eigenen „Inneren Helfers“ wiedergeben mögen, meist aber den uneingestandenen Wunsch unseres niederen Selbst oder eines anderen unguten Einflusses.

Ein Mensch, der frei und stark durchs Leben gehen will, wird sich kaum auf Krücken stützen wollen. Alles was er tun muß, ist, sich in ruhigen Stunden diesem inneren Helfer zuzuwenden. „Es gibt kein größeres Glück für den nach Halt und Kraft, Frieden und Sicherheit suchenden Menschen als dieses Erleben des Inneren Helfers und des Geborgenseins in seiner Hut“, betont Schmidt. „Nichts ist erstrebenswerter als die Gewißheit, daß seine starke Hand uns hält und schützt, so daß uns kein Leid geschehen kann. Und nichts wirkt erlösender, als wenn wir in der Stille die tröstende Stimme des Inneren Helfers vernehmen:

‚Fürchte dich nicht! Ich bin bei dir und helfe dir! Meine Kraft ist deine Kraft! Mein Leben ist dein Leben! Vertraue mir – und dir wird nichts mangeln!’“

Die Erfahrung der lebendigen Gegenwart dieses Inneren Helfers steht im Mittelpunkt aller bedeutenden Philosophien und Religionen – vom alten Indien bis in unsere Zeit. Man hat ihm die unterschiedlichsten Namen gegeben: Er ist das „Brahma“ der altindischen Philosophen, der „Purusha“ der Upanishaden, der „Guru“ der Yogapraktiker, der „Fylgjur“ der alten Germanen, der „unsichtbare Freund und Gefährte“, das „Daimonion“ des Sokrates, die innere Stimme, die ihn zeitlebens beriet. Er ist das „transzendentale Subjekt“ der Spiritualisten, der „geistige Führer“ oder „sechste Sinn“ der Okkultisten, das „Es“ der Psychoanalytiker, die „schöpferische Kraft in uns“, das „Über-Ich“ der modernen Philosophie, das als der unsichtbare Partner des Ich diesem erst die Möglichkeit gibt, das Leben zu meistern. Er ist die „irrationale Potenz“, die der Ratio, dem rechnenden Verstand, als urtümliche Kraft der Intuition, der unmittelbaren Wahrheitsschau und als der „innere Steuermann und Schicksalslenker“ gegenübersteht.

Er ist der „Genius“ der Dichter und Künstler, der „Engel“ der Seher, der sie zur Erkenntnis des Wesens und der Wahrheit des Lebens befähigte. Er ist das „Höhere Selbst“ oder „Überselbst“ der Esoteriker aller Richtungen, das „Fünklein“ der Mystiker, der „überschattende Genius“ der Theosophen, der große Baumeister unseres Leibes und unseres Lebens. Er ist das „innere Licht“, der Quäker, der „Gottfunke“ der Stillen im Lande, der „Schutzengel“ der verschiedenen christlichen Bekenntnisse, dessen Wirkungsbereich unbegrenzt ist, weil er jenseits steht von Raum und Zeit.

Sokrates erlebte, daß, wenn man einmal in Verbindung mit seinem Inneren Selbst gekommen ist, dieses immer zur rechten Zeit eingreift – sei es durch einen befreienden „Einfall“ (!), eine beglückende Inspiration, durch eine Warnung in Gefahr, durch einen Rat, durch eine Welle der Kraft und Glückseligkeit oder durch den unmittelbaren Eingriff in das äußere Geschehen, das Unwissende so gerne als „Wunder“ titulieren.

Ralph Waldo Emerson vertraute völlig auf seine „Überseele“. Sosehr, daß er in den Zustand kam, „so völlig darauf zu vertrauen, daß alles Gott ist, was tief in unserem Inneren lebt“, daß er stets vor aller Augen tat, was die innere Stimme ihm riet.

Lange vor ihm lehrte schon der römische Philosoph Seneca: „Der unendliche Geist wohnt in unserer Seele“. Und dreitausend Jahre früher Lao-Tse: „In allen Herzen wohnt der strahlende Eine, so wußten die Weisen von Urbeginn an. – Sein Name ist: Gott im Menschen.“ Selbst in der Psychotherapie gibt es einen prominenten Vertreter, der zu dieser höchsten Instanz im Menschen vorgedrungen war und sie den „inneren Gott“ nannte: C. G. Jung!

Dieser „innere Helfer“ wacht in jedem Augenblick über uns. Jederzeit steht er uns zur Verfügung. Unaufhörlich mahnt und rät uns seine Stimme… doch nur allzu selten vernehmen wir sie im Getöse der Welt. Doch wenn wir, von Sorgen und Leid niedergedrückt, in einer stillen Stunde in uns hineinlauschen, werden wir wach für die Stimme des Innern.

In dem Maße, als wir uns, wie der amerikanische Esoteriker Ralph Waldo Trine schrieb, „dem Willen unseres Höheren Selbst und der Erkenntnis unserer Einheit mit dem Geist des Lebens öffnen, wächst die Klarheit, mit der die Stimme des Innern zu uns spricht. Je williger wir ihr lauschen und ihrem Rate folgen, desto deutlicher spricht sie zu uns, bis allmählich die Zeit kommt, in der ihre Leitung unfehlbar wird.“ Dann wird uns bewußt, wieviel Nöte und Leiden wir hätten vermeiden können, hätten wir uns mehr in die Stille und nach innen begeben, statt uns in der Hektik, dem Streß und Lärm der äußeren Welt zu verlieren.

K. O. Schmidt warnt uns: „Die Gegenwart des Inneren Helfers bedeutet aber nicht, daß du nun einfach alles ihm überlassen und selbst die Hände in den Schoß legen kannst. Die Erfahrung lehrt, daß der Innere Helfer dir nur soweit beisteht, als du dir selbst zu helfen entschlossen bist. Du mußt tun, was du zu tun vermagst und zugleich dem Inneren Helfer vertrauen; dann tut er das Seine, um dein Wohl aufs beste zu fördern.

Eben dieses Bewußtsein ist es, das den Menschen stark und mutig, aktiv und erfolgreich macht: die Gewißheit, daß er nicht allein steht, sondern mit dem Innern Helfer verbündet ist, der stärker ist als alle äußeren Mächte, die sich gegen ihn stellen können.“