Tiny Forests: Lasst uns Wälder pflanzen!

Mit Bäumen, Sträuchern und anderen Pflanzen eine Revolution bewirken? Ja, das geht! Weltweit setzen Tausende Freiwillige Miniwälder nach der Miyawaki-Methode um. Das ist ein Akt der Selbstwirksamkeit – und jeder kann dabei sein.

Meine Kindheit war eine Kindheit mit viel Wald. Ich liebte es, mit meinem Vater und meiner Schwester auf die Suche nach Pilzen zu gehen, die bei uns in Bayern „Schwammerl“ heißen. Wer einen Steinpilz fand, war besonders stolz und hielt ihn beglückt in die Höhe. Ich liebte es, auf Moos zu liegen, den Vögeln zuzuhören und in die Baumkronen zu blicken. Ich liebte es, die Rinden zu befühlen und auf dem weichen Boden barfuß zu gehen. Und wie gut doch der dort beheimatete Geruch tat, ich saugte ihn ganz und gar auf und ließ ihn durch meinen Körper strömen. Und das tue ich bis heute. Es erfüllt mich, den Gesprächen zu lauschen, die Bäume untereinander haben, und mich an dem magischen Spiel zwischen Licht und Schatten zu erfreuen. Im Wald fühle ich mich auf eine Weise zu Hause, ich spüre, dass dort etwas von meinem Ursprung liegt, sogar mein Vorname verweist darauf, der so viel bedeutet wie „Weise des Waldes“.

Gehen wir etwa tausend Jahre zurück, und wir stoßen auf einen mittelalterlichen Abt namens Bernhard von Clairvaux, ebenfalls ein Mensch, der gerne im Wald unterwegs war. Von ihm überliefert ist der Gedanke, dass man in den Wäldern mehr finden würde als in den Büchern: „Bäume und Steine werden dich lehren, was du von keinem Lehrmeister hörst.“ Auch Literaturnobelpreisträger Peter Handke streift gerne durch die Wälder, und wenn er das tut, liegt ihm daran, „keinen Baum zu überhören“. Und Peter Wohlleben, der den Bestseller Das geheime Leben der Bäume geschrieben hat, in dem er aufzeigte, wie intensiv Bäume und unsere Pflanzen miteinander kommunizieren, stellte fest: „Der Wald gilt im dicht besiedelten Mitteleuropa als letzte Zuflucht für Menschen, die ihre Seele in unberührter Landschaft baumeln lassen wollen.“ Das weiß man natürlich auch in Asien; längst ist „Shinrin Yoku“, also „Waldbaden“, zu einer anerkannten Stress-Management-Methode avanciert.1

Es gibt zahlreiche Liebeserklärungen an den Wald, und ich gehe davon aus, dass auch Sie, liebe Leser, viele unvergessliche Walderlebnisse im Herzen tragen. Vielleicht gehören Sie sogar zu den Glücklichen, die unmittelbar neben einem Wald wohnen. Die Mehrheit aber dürfte erst mal einiges an Wegstrecke auf sich nehmen, um dorthin zu kommen, um eintauchen zu können in die wohlige und unvergleichliche Atmosphäre, die dem Wald zu eigen ist. Übrigens, laut Berechnungen der Umweltschutzorganisation WWF entfallen umgerechnet auf jeden Menschen auf der Erde in etwa 0,52 Hektar Wald. Doch was, wenn wir nicht nur dahin aufbrechen, sondern selbst dafür sorgen, dass Wälder näher an uns heranrücken? Denn ja, das geht, und zwar, indem wir bei der sogenannten Miniwald-Revolution mitmachen, die bereits weltweit im Gange ist.

Miniwälder sind das, was der Name bereits nahelegt: winzige Wälder, die auf kleinstem Raum entstehen. Zum Beispiel auf Ecken in Hinterhöfen, auf verwaisten Plätzen in der Stadt, im Zentrum eines Kreisverkehrs, auf Spielplätzen, auf Schul-Pausenhöfen, auf verlassenen Parkplätzen. Miniwälder, auch Tiny Forests oder Nanowälder genannt, beginnen bei einer Größe von 60 Quadratmetern und liegen maximal bei um die 500 Quadratmeter, vereinzelt größer. Zur Einordnung: Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN definiert einen Wald als ein Gebiet von über einem halben Hektar (5'000 Quadratmeter) mit über fünf Meter hohen Bäumen und einem Überschirmungsgrad von zehn Prozent – das heißt, Baumkronen decken mindestens zehn Prozent der Oberfläche ab. Die Definition, was ein Wald ist und was nicht, ist jedoch nicht einheitlich geregelt. In Österreich beispielsweise ist erst dann von einem Wald die Rede, wenn es sich um eine mit Holzgewächsen bedeckte Fläche handelt, die mindestens eine Fläche von 1'000 Quadratmetern besitzt und durchschnittlich zehn Meter breit ist.

Dreitausend Miniwälder in achtzehn Ländern

Entwickelt wurde das Konzept der Miniwälder von dem japanischen Botaniker und Forstexperten Akira Miyawaki, weshalb man auch von der Miyawaki-Methode spricht. Im Jahr 1928 geboren, wuchs er in einem Bauerndorf nördlich von Hiroshima auf und studierte später unter anderem Unkrautökologie. Bereits in den 1970er-Jahren begann er mit der Aufforstung kleiner Flächen mit Bäumen und Sträuchern. Es war seine Antwort auf die industrielle und wirtschaftliche Entwicklung Japans und der damit verbundenen steigenden Umweltverschmutzung und zunehmenden Abholzung der Wälder. Die üblichen Grünflächen, gerade in Städten, könnten, wie er herausfand, nur einen Bruchteil dessen leisten, was Wälder bewirken, die über fünf- bis dreißigmal mehr Grünflächen verfügen und daher, so Miyawaki, „wesentlich effektiver bei der Erfüllung ökologischer Aufgaben“ seien.

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte wurde das Miniwald-Konzept an knapp dreitausend Orten in achtzehn Ländern umgesetzt. In Europa erst in jüngster Zeit, etwa ab den späteren 2010er-Jahren, unter anderem in Städten in den Niederlanden, in Großbritannien, in Österreich und Deutschland. In der Schweiz hat sich Architekt Thomas Schreiber in Richterswil an eine Umsetzung gemacht. Seit 2022 wächst dort in einer Siedlung, „Im Chrummbächli“, der erste Miyawaki-Wald des Landes heran, mit einer Gesamtfläche von 350 Quadratmetern. Man hat um die 50 Gehölzarten angepflanzt, unter anderem Mispeln, Weiden, Linden, Johannisbeeren, Schneeball, Holunder und Kornelkirschen. In Wien wurden bereits mehrere Tiny-Wälder geschaffen, die dort „Wiener Wäldchen“ heißen, für jeden Bezirk ist mindestens eines vorgesehen – der erste „Mini-Wald“ wurde 2022 im 5. Bezirk im Stefan-Weber-Park gepflanzt, der kleinste befindet sich in einem Gemeindebau im 4. Wiener Bezirk und umfasst 135 Quadratmeter. In Deutschland ist der erste Miniwald 2019 im schleswig-holsteinischen Bönningstedt entstanden, auf einer Fläche von 210 Quadratmetern.

Charakteristisch für das Miniwald-Konzept sind standortheimische Pflanzen und eine höhere Pflanzenanzahl als üblich; drei bis vier Stück pro Quadratmeter sind empfohlen. Der Grund: Durch die enge Bepflanzung konkurrieren die Pflanzen stärker miteinander und wachsen dadurch viel schneller nach oben, hin zum Licht. Ein günstiges Mikroklima, das durch den engen Verband entsteht, fördert das Wachstum zusätzlich. Die Pflanzen werden nur in den ersten zwei bis drei Jahren gemulcht und gegossen und sind dann weitgehend sich selbst überlassen. Im Vergleich zu einem gewachsenen Wald, der sich über Jahrzehnte schichtweise entwickelt, werden bei der Aufforstung nach der Miyawaki-Methode mehrere Schritte übersprungen – Tiny Forests gedeihen bis zu zehnmal schneller als herkömmliche Wälder. Das heißt: Sie erreichen in nur 10 Jahren das Wachstum, für das ein normaler Wald 100 Jahre benötigt! Bereits nach knapp drei Jahren bildet sich ein dichtes Laubdach und es entsteht ein autarker Naturraum. Zwei Jahrzehnte später weist der Miniwald laut Miyawakis Forschungen denselben ökologischen Wert auf wie ein zweihundertjähriger Urwald, der nie von Menschen gestört worden ist.

Quellenangaben