Altern ist Kopfsache!

Der körperliche und geistige Abbau im Alter gilt als unaufhaltsam – doch das ist ein Trugschluss. Denn fast jeder Zweite wird im Alter biologisch und geistig fitter. Ausschlaggebend dafür ist die eigene Lebenseinstellung.

Das Alter ist tatsächlich nur eine Zahl. Wer die Freude am Leben nicht verliert, bleibt auch im Alter noch fit und glücklich.

Fragt man Deutsche, Österreicher und Schweizer, ob sie dem Älterwerden positiv entgegenblicken, so haben alle drei Länder gemein: Über zwei Drittel fürchten sich vor dem Altern und ganz konkret dem Verlust kognitiver Fähigkeiten, also an Demenz zu erkranken. Etwas weniger stark verbreitet ist die Angst vor Altersarmut und davor, pflegebedürftig zu werden und der Familie zur Last zu fallen. Doch der Respekt vor dem Altern stellt sich nicht etwa erst mit fortgeschrittenem Alter ein, sondern betrifft auch schon die Altersgruppe der 18- bis 35-Jährigen. Eigentlich schade, dass man schon in jungen Jahren seinen letzten Lebensabschnitt als Damoklesschwert über sich schweben sieht. Und das auch noch gänzlich unbegründet, wie eine neue Studie nun belegt!

In einer im März 2026 veröffentlichten Arbeit wertete die Forscherin Becca R. Levy (Yale University) Daten der US-amerikanischen Health and Retirement Study (Gesundheits- und Rentenstudie) über einen Zeitraum von 12 Jahren aus. Dabei zeigte sich auf den ersten Blick, dass im Durchschnitt die kognitiven Werte [Denkfähigkeit] und auch die Gehgeschwindigkeit aller 11'000 teilnehmenden Amerikaner abnahmen. Erst als die Wissenschaftler die individuellen Verläufe untersuchten, offenbarte sich ein ganz anderes Bild: „Rund 45 Prozent der älteren Menschen in unserer Studie verbesserten sich über zwölf Jahre hinweg kognitiv oder körperlich“, so Studienleiterin Levy. Zählt man diejenigen hinzu, deren kognitive Werte über den langen Zeitraum stabil blieben, widerlegte mit rund 51 Prozent sogar mehr als die Hälfte der Teilnehmer das Klischee vom unvermeidlichen geistigen Abbau im Alter. Bemerkenswert ist, dass sich diese positiven Effekte nicht auf Menschen beschränkten, die schon bei mäßiger Gesundheit starteten – selbst Teilnehmer mit anfangs völlig normalen kognitiven und körperlichen Funktionen zeigten im Laufe der Zeit messbare Verbesserungen.

Und die noch bessere Nachricht: Weder die genetische Veranlagung noch ein außergewöhnlich gesunder Lebensstil waren ausschlaggebend für diese positive Entwicklung. Es war vielmehr die Einstellung zum Altern selbst. Wer dem Älterwerden positiv entgegenblickte, zeigte signifikant häufiger Verbesserungen sowohl bei der kognitiven Leistungsfähigkeit als auch der Gehgeschwindigkeit. Denn wenn Menschen sich als „gut alternd“ betrachten, bleiben sie aktiv und engagiert; zudem sind sie eher bereit, neue Gewohnheiten anzunehmen, welche die Gesundheit von Körper und Gehirn unterstützen. Dadurch verbessern sich dann zum Beispiel Prozesse wie die Durchblutung, die Muskelkraft oder neuronale Verbindungen. All dies sind Faktoren, welche die Resilienz gegenüber Stressoren, Krankheiten oder Verletzungen stärken und gleichzeitig chronischen sowie oxidativen Stress im Zusammenhang mit dem Altern reduzieren. Wer hingegen das Altern als Verfall betrachtet, schränkt sich möglicherweise vorzeitig zu sehr ein – selbst wenn der Körper noch zu mehr imstande wäre. Daher ist Anpassung statt Vermeidung immer die bessere Wahl.

Levy sorgte schon 2002 mit einer anderen Studie für Furore: Damals konnte sie nachweisen, dass Menschen mit einer positiven Einstellung zum Altern im Schnitt 7,5 Jahre länger leben als Menschen mit negativen Altersbildern. Ein weiterer Grund also, falsche Altersstereotype aus Medien, Kultur und Alltag nicht ungefiltert zu übernehmen. Hinzu kommt, dass sich auch die Weisheit des Alters nicht einfach nur an klinischen Tests zur kognitiven Leistungsfähigkeit oder Gehgeschwindigkeit festmachen lässt. Ältere Menschen haben durch ihre Lebenserfahrung eine deutlich tiefere Sicht auf das Leben als junge Menschen. Im Allgemeinen sind sie glücklicher als junge Erwachsene, und selbst wenn sie unglücklich sind, erholen sie sich meist schneller wieder. Denn eine positive Einstellung zum Altern stärkt die psychologische, biologische und soziale Ebene – Bereiche, die wiederum ein solides Fundament für die körperlichen und kognitiven Fähigkeiten bilden. Daher ist es wichtig, dass sowohl man selbst als auch das persönliche Umfeld optimistische Erwartungen an die Gesundheit und das Altwerden haben. Dies betrifft insbesondere auch Ärzte: Wenn diese ihre Prognosen und Erwartungen gegenüber den Patienten individuell angemessen zuversichtlich und ermutigend formulieren, verbessern dies deren Engagement und Behandlungsergebnisse spürbar.