Die Philosophie des Liebens und Seins

Menschheit am Scheideweg: Der Philosoph Erich Fromm (1900–1980) erkannte schon vor Jahrzehnten, wohin der Weg führen muss, damit unser Leben Sinn und Erfüllung finden kann.

Erwähne ich den Namen Erich Fromm, dann antworten viele Menschen mit einem Leuchten in den Augen. Ja, sagen sie, ich habe ein Buch von ihm gelesen. Meist nennen sie Die Kunst des Liebens. Kein Wunder, das im Jahr 1956 veröffentlichte Werk trägt tiefe Wahrheiten in sich, mit denen viele, gerade auch spirituelle Menschen stark in Resonanz gehen. Nicht ohne Grund zählt es daher zu den erfolgreichsten Sachbüchern aller Zeiten – es wurde in 50 Sprachen übersetzt und weltweit mehr als 25 Millionen Mal verkauft. Eine der zentralen Thesen lautet: „Liebe ist eine Aktivität und kein passiver Affekt. Sie ist etwas, das man in sich selbst entwickelt, nicht etwas, dem man verfällt.“ Zudem heißt es darin: „Wenn ich einen Menschen wahrhaft liebe, so liebe ich alle Menschen, so liebe ich die Welt, so liebe ich das Leben.“

So ist das übrigens immer mit Erich Fromm, dem legendären Psychoanalytiker und Sozialwissenschaftler. Er wählt kristallklare Worte, die eine enorme Wucht entfalten. Ich gehöre zu denen, die nicht nur eines, sondern sämtliche seiner Bücher gelesen haben. Und ich werde nicht müde, mich wieder und wieder darin zu vertiefen. Manchen Exemplaren sieht man das regelrecht an – so abgegriffen sie auch sind, so viel geliebt sind sie. Übrigens, man kann ihn sich auch zu Gehör bringen: Fromms Vorträgen beizuwohnen, die unter anderem auf YouTube abgerufen werden können, ist ebenfalls sehr bereichernd. Auch hier fällt sogleich die enorme Wachheit seines Geistes auf, die besonnene, wohlformulierte Sprache, die besondere Seelenqualität, die sich in der konsequenten Zuneigung zum Menschen und zum Leben zeigt. Ein Humanist durch und durch.

Dass sein unerschütterlicher Glaube an die Kraft der Liebe in all seinem Wirken gegenwärtig ist, hat seinen Ursprung gewiss in dem tiefen Glauben seiner Eltern, die beide aus bekannten Rabbiner-Familien stammten – der eine Gott, Jahwe, war immer präsent. Geboren am 23. März 1900 in Frankfurt am Main, wuchs Erich Fromm also in einem Umfeld auf, das sich strikt am orthodoxen Judentum und dessen Ritualen orientierte; Talmud-Unterricht war obligat, er setzte ihn auch während seiner Studienzeit fort. In einem von Rainer Otte gestalteten Filmporträt erinnert sich Erich Fromm wie folgt an seine Herkunft und die frühen Jahre: „Ich wurde geboren als einziges Kind, was schon ganz schlimm ist, von zwei sehr neurotischen Eltern, überängstlichen Eltern, aus einer sehr orthodox jüdischen Familie, auf beiden Seiten mit Traditionen von Rabbinern, und die Welt, in der ich lebte, das war die Welt des traditionellen Judentums, das war im Grunde genommen eine mittelalterliche Welt. Das war noch nicht die bürgerliche Welt. Und von dieser mittelalterlichen Welt, von der bezog ich meine Tradition und meine Bewunderung und meine Vorbilder.“ Das Neurotische und Mittelalterliche sei ihm allerdings erst später bewusst geworden, er habe durchaus Geborgenheit erlebt.

Obwohl ihm zunächst eine Laufbahn als Rabbiner vorschwebte, ließ er schließlich davon ab und entschied sich für ein Studium in Rechtswissenschaften, dem sich weitere Studien anschlossen, in Soziologie und Psychologie. In Berlin begann er Ende der 1920er-Jahre eine Ausbildung zum Psychoanalytiker. Zuvor hatte er sich selbst in psychoanalytische Behandlung begeben, zunächst bei Frieda Reichmann in Dresden. Zwischen der elf Jahre älteren Psychoanalytikerin und ihm entwickelte sich eine Liebesbeziehung, die Heirat erfolgte 1926; zwei weitere Ehen sollten noch folgen, eigene Kinder gingen daraus nicht hervor. Ab demselben Jahr 1926 wird er sich selbst auch als „konfessionslos“ bezeichnen.

Die 1930er-Jahre waren besonders bewegte Jahre für Fromm, da sie ihn nach und nach in die Öffentlichkeit brachten, aber auch in große Gefahr. In Fachkreisen erregte er mit diversen Artikeln großes Interesse, unter anderem auch bei Max Horkheimer, Vertreter der Frankfurter Schule und Direktor des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main, wo ihm schon bald ein Lehrstuhl angeboten wurde. Fromm gelang es in dieser Zeit, ein Konzept zu entwickeln, mit dem er den Marxismus um die Psychoanalyse erweiterte. Damit vollzog er den Schritt, sie nicht nur nach der Lehre Sigmund Freuds auf das Individuum anzuwenden, sondern auch in einen soziologischen, einen gesellschaftlichen Kontext zu stellen.

Doch seine Zeit am Institut nahm ein jähes Ende, da es 1933 von den Nationalsozialisten geschlossen und enteignet wurde. Weil Fromm als Jude und Kritiker des NS-Regimes in Deutschland nicht mehr sicher war, floh er zunächst nach Genf und emigrierte im Mai 1934 wie viele seiner Kollegen in die USA. Dort lehrte er fortan an der Columbia University in New York; 1940 erhielt er die US-Staatsbürgerschaft. Immer wieder musste er seine berufliche Tätigkeit unterbrechen, da er an Tuberkulose erkrankte und zum Kuraufenthalt nach Davos fahren musste – so blieb er dort 1938 für etwa sechs Monate.

Zwischen 1950 und 1974 lebte Fromm in Mexiko; die Vereinigten Staaten blieben aber der Schwerpunkt seines humanistischen und psychoanalytischen Wirkens, auch in Europa hielt er regelmäßig Vorträge an verschiedenen Universitäten.

Er war eine Zeit lang in der amerikanischen Friedensbewegung aktiv und engagierte sich gegen atomare Aufrüstung. Zudem vertiefte er sein bereits gewachsenes Interesse am Zen-Buddhismus, der in seine Lehre Einzug fand, ebenso wie die Schriften von Kant, Spinoza und Meister Eckhart. Seine letzten Jahre verbrachte er im schweizerischen Muralto bei Locarno, wo er am 18. März 1980 an akutem Herzversagen starb. Es hatte also ausgerechnet sein Herz getroffen, das so sehr für die Menschheit geschlagen hatte, das aber besonders anfällig gewesen war – bereits in den Jahren 1966, 1977 und 1978 hatte er schwere Herzinfarkte erlitten.

Freiheit als Überforderung – warum eigentlich?

Sein erstes Buch Die Furcht vor der Freiheit machte Fromm 1941 schlagartig einem größeren Publikum bekannt. Es handelt sich um eine historisch-geisteswissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Faschismus, wobei er die Grundzüge des autoritären Charakters und seiner sadomasochistischen Struktur aufzeigt. Der Titel verweist auf ein ewiges Dilemma des Menschen, das in dem 255 Seiten umfassenden Werk ebenfalls zum psychologischen Untersuchungsgegenstand wurde: Wieso ist Freiheit für die meisten eine Überforderung? Warum fliehen Menschen vor der Freiheit? Warum setzen sie nicht alles dran, um sie zu verteidigen und zu nutzen? Fragen, die wir uns alle immer wieder stellen. Und die im Grunde zeitlos, aber in diesen Zeiten aktueller denn je sind.

Für Fromm ist Freiheit nicht einfach ein Zustand, der erreicht werden kann oder nicht, sondern eine elementare Aufgabe des Menschseins. Geschaffen durch ein Klima aus Liebe, Schöpfergeist und Verantwortungsbewusstsein. Demgegenüber stehen „Fluchtwege aus der Freiheit“, die er wie folgt beschreibt: die Anpassung an die Gesellschaft, um nicht als Individuum stattfinden zu müssen; das Bedürfnis, sich einer Autorität zu unterwerfen oder selbst Macht auszuüben; oder sich per Destruktivität gegen eine bedrohlich erscheinende Welt zur Wehr zu setzen.