Klangschalentherapie: Pilger zwischen zwei Welten

Marcel Kocaman genas in einem tibetischen Kloster von einem lebensbedrohlichen Leiden, damit er das kostbare Wissen der spirituellen Klangschalentherapie zu den Menschen des Westens tragen kann.

„Die Sterne lauter ganze Noten. Der Himmel die Partitur. Der Mensch das Instrument.“

Christian Morgenstern (1871–1914)

Hoch oben im Gebirgszug des Himalajas liegt gut verborgen, irgendwo an der Grenze zwischen Tibet und dem Königreich Bhutan, eines jener tibetischen Klöster, die dem strengen Blick der chinesischen Besatzer entgangen sind. Es herrscht tiefe Nacht, und um vier Uhr morgens ist es hier auf fünfeinhalbtausend Metern Höhe mehr als nur etwas frisch. Der junge Mann spürt die Kälte jedoch nicht. In warme Decken eingewickelt liegt er mitten in der Versammlungshalle des Klosters am Boden. Die wenigen flackernden Kerzen werfen unstete Schatten und vermögen die Dunkelheit um ihn herum nicht zu erhellen.

Meditative Konzentration: Kocaman bei einer Klangschalen-Therapie mit antiken tibetischen Planeten-Schalen, die er während eines seiner Ausbildungsseminare gibt.

Meditative Konzentration: Kocaman bei einer Klangschalen-Therapie mit antiken tibetischen Planeten-Schalen, die er während eines seiner Ausbildungsseminare gibt.

Wie aus dem Nichts schwillt die heilige Silbe OM aus 270 Männerkehlen an und erfüllt den riesigen Raum mit ihrer Kraft. Es ist eine uralte Tradition, die jeder buddhistischen Gebetszeremonie vorangeht und sie auch beschließt. So singen die Mönche in den frühen Morgenstunden ihren Segen für die Welt hinaus und bitten in ihren Pujas auch für die Heilung von Marcel Kocaman, der mit geschlossenen Augen vor ihnen liegt. „Wenn dich dieser Gebetsgesang als ebenso magische wie tröstliche Gegenwart einhüllt und du spürst, wie jede einzelne deiner Zellen mitschwingt und sich öffnet, dann erlebst du ein Gefühl der Glückseligkeit, das sich nicht beschreiben lässt.“

Jeden Tag zwei Mal, morgens und nachmittags um vier Uhr, lassen ihn die Mönche an ihren Ritualen teilnehmen. Heute früh jedoch wartet eine Erfahrung auf Marcel Kocaman, die den Kurs seines künftigen Lebens bestimmen wird. Als die Mönche wie immer ihre Mantras intonieren, verebben die tiefen Stimmen plötzlich in der Dunkelheit. Da wird die eingekehrte Stille von einem Glockenschlag durchbrochen, der sich sanft und kraftvoll zugleich in der ganzen Halle ausbreitet. Es ist ein Ton, wie ihn Kocaman noch nie in seinem Leben gehört hat. Ein Zusammenspiel von harmonisch schwingenden Obertönen und dennoch nur ein Klang, der gleichsam aus einer anderen Dimension heraus unsere düstere Welt zu erhellen scheint. Er weiß nicht, wie ihm geschieht. Und dann erklingt ein etwas höherer Ton direkt neben seinem Körper. Weitere folgen in einer kosmisch anmutenden Sinfonie und tragen den jungen Mann tief in sein Inneres, wie er das nie zuvor fühlte. Als das schwingende Etwas seinen Körper berührt, durchdringen dessen Vibrationen seinen ganzen Leib. Schließlich legen unsichtbare Hände einen dieser Klangkörper direkt auf sein Herz.

Filmriss.

Irgendwann setzt Kocamans bewusster Verstand wieder ein und er bemerkt erstaunt, dass seine Kleider triefend nass sind. Er muss literweise Wasser geschwitzt haben, fühlt sich matt, aber auch seltsam leicht. Später werden ihm die Mönche erzählen, dass er geschrien und geweint habe und sein Körper im Schüttelfrost zitterte, während der Klang direkt in sein Herz hineindrang: An jenem für ihn so denkwürdigen Morgen vor dreißig Jahren hatten drei Mönche dem jungen Mann mit insgesamt einundzwanzig Klangschalen ein kostbares Heilungsritual geschenkt. Viele weitere sollten in den Wochen danach folgen. Nie zuvor hatte Marcel Kocaman eine dieser Singing Bowls gesehen, und als er am Tag seiner ersten Klangschalenerfahrung nach der Quelle solch sphärischer Harmonien fragte, wunderte er sich, was die Mönche wohl mit „singenden Töpfen“ meinten. Heute lacht er darüber, denn inzwischen ist er einer der bedeutendsten Klangschalen-Lehrer der westlichen Welt geworden. Leicht hätte es auch ganz anders kommen können. Vor allem, wenn Kocaman damals auf seine Ärzte gehört hätte.

Buddhistische Mönche bei einer „Puja”-Gebetszeremonie in einem nepalesischen Kloster.

Buddhistische Mönche bei einer „Puja”-Gebetszeremonie in einem nepalesischen Kloster.

Wir schreiben das Jahr 1989. Marcel Kocaman ist 26 Jahre alt und hat in Zürich gerade sein Studium der Rechtswissenschaften abgeschlossen. Er träumt von einer erfolgreichen Zukunft als Anwalt und weiß noch nicht, dass er diesen Beruf nie ausüben wird. Während eines Skiurlaubs im Schweizerischen Graubünden landet er nämlich wie vom Blitz gefällt im Schnee der Piste. Vorsorglich durchleuchtet man sein Gehirn und stellt Beunruhigendes fest: Eine Vernarbung in seinem Kopf, von der niemand weiß, wie sie entstanden ist, könnte beim Anschwellen epileptische Anfälle auslösen. Sollten deswegen Blutgefäße platzen, wäre das sein sofortiger Tod. Die Spezialisten rechnen damit, dass es früher oder später dazu kommen wird. Deshalb raten sie dringend zu einer Operation.

Kocaman ist einverstanden. Am Abend vor dem chirurgischen Eingriff klopft es leise an der Tür seines Krankenzimmers und ein Geistlicher tritt ein. Er beginnt mit dem Patienten über die Endlichkeit des irdischen Lebens und das Jenseits zu reden und fragt ihn, ob er an Gott glaube. – Ja klar, schon. Marcel ist armenisch-kurdischer Herkunft und hat von seiner Mutter eine einfache, aber tiefe christliche Religiosität vorgelebt bekommen. Er glaubt zwar an eine diffuse höhere Macht, ist aber auch intellektueller Kopfmensch – und mit der Situation völlig überfordert. Der Seelsorger spürt das. Da ergreift er plötzlich Marcels Hände und schaut ihm ernst in die Augen. „Junger Mann, sind Sie sich wirklich bewusst, dass Sie morgen um diese Zeit tot sein können?“

Schweigen. „Nach dieser Frage sackte die ganze Tragweite endlich in mein Bewusstsein und ich erkannte, dass ich meine Angst vor dem Tod die ganze Zeit als etwas irreales, das mich gar nicht betrifft, verdrängt hatte.“ Das Risiko, bei der anstehenden Operation zu sterben, war nämlich ebenso groß wie die Chance zu überleben. Und selbst dann wäre Marcel laut Ärzten mit bis zu 90 Prozent Wahrscheinlichkeit für den Rest des Lebens mehr oder weniger stark gelähmt.

Vielleicht hatte er den Priester an jenem Abend gar etwas brüsk gebeten, sein Zimmer zu verlassen. Doch Marcel Kocaman ist ihm bis heute für seine ehrlichen Worte dankbar. „Sobald ich allein war, packte ich meine wenigen Habseligkeiten in den Koffer und erklärte der verdutzten Stationsschwester, dass ich die Uniklinik Zürich auf der Stelle verlassen würde.“ Das provozierte natürlich einen Riesenwirbel. Der junge Mann flüchtet trotzdem in die triste Novembernacht hinaus.

Im Land seiner Sehnsucht

Was jetzt? Für eine Anwaltskarriere stehen die Sterne denkbar schlecht, für ein langes Leben sowieso. Jetzt, da plötzlich alles auf dem Spiel steht, hat Marcel Kocaman nichts mehr zu verlieren. Und so will er sich einen lang gehegten Traum erfüllen: Einmal im Leben mit eigenen Augen den Himalaja sehen! Er kauft ein Flugticket nach Kathmandu (mit offenem Rückreisedatum), kratzt all sein Geld zusammen (wenige Hundert Dollar) und verabschiedet sich von seinen Angehörigen, als würde er sie nie mehr wiedersehen. Über Delhi fliegt er dann in die Hauptstadt Nepals, wo er einen kleinen Kulturschock erleidet: Von Sauberkeit und Ordnung ist dort wenig zu sehen. Und reich sind die Menschen in Nepal erst recht nicht. Das zumindest trifft auch auf ihn zu.

Das berühmte Kloster Taktshang – Tigernest – im Königreich von Buthan. In einem geheimen Kloster, diesem ähnlich, wurde Kocamans Leben durch intensive Klangschalentherapien gerettet.

Das berühmte Kloster Taktshang – Tigernest – im Königreich von Buthan. In einem geheimen Kloster, diesem ähnlich, wurde Kocamans Leben durch intensive Klangschalentherapien gerettet.

Deshalb fragt er den jungen Taxifahrer, ob er vielleicht einen Ort in der Stadt kenne, wo man sehr günstig übernachten könne. Der Mann hinter dem Steuer schaut seinem Gast prüfend ins Gesicht, lächelt und nickt. Er fährt zu einem buddhistischen Kloster mitten in Kathmandu, das ein Gästehaus betreibt, wo vor allem Pilger absteigen. Marcel wird freundlich aufgenommen und eingeladen, den nachmittäglichen Pujas der Mönche beizuwohnen. Nach der Gebetszeremonie nähert sich ihm ein junger Mönch, der ein wenig Englisch spricht. „Er ist jeden Nachmittag zu mir gekommen und wir haben uns mit der Zeit angefreundet“, erinnert sich Marcel. „Eines Tages habe ich ihm dann von meinem Problem im Gehirn erzählt.“ Ob er nach Nepal gekommen sei, weil er Heilung suche, fragt ihn der Mönch. Doch warum er eigentlich hier ist, weiß er selbst nicht so genau. Sein neuer Freund meint, vielleicht könne ihm geholfen werden, er müsse aber zuerst seinen Lehrer, einen alten Lama, um Erlaubnis fragen.

Die Tage plätschern gemächlich dahin, während Marcel regelmäßig an den Pujas teilnimmt und die Gesänge der Mönche genießt. Dann, eines Nachts, klopft jemand leise an die Tür der kargen Schlafkammer. Es ist der junge Mönch, der dem verschlafenen Europäer begeistert erzählt, der Lama habe nun sein Einverständnis gegeben. Er dürfe ihn nun an einen Ort führen, wo ein großer Meister lebe. Das hoch im Himalaja verborgene Kloster liege jedoch auf tibetischem Boden. Weil der Grenzübertritt offiziell verboten sei, raunt der Mönch verschwörerisch, müssten sie die Berge auf engen Gebirgspfaden und Schleichwegen durchqueren, denn niemand dürfe sie bemerken. Deshalb sei auch ein sofortiger Aufbruch im Schutze der Dunkelheit unvermeidlich!

Ohne lange zu überlegen, macht sich Kocaman für das Abenteuer bereit, obwohl der fast drei Wochen lange Fußmarsch, welcher vor den beiden Freunden liegt, sich am Ende als vergebliche Anstrengung herausstellen könnte. „Bis anhin hatte noch nie ein Westler dieses Kloster betreten. Die Mönche nahmen nur Menschen aus der Umgebung auf, die das Geheimnis um die Existenz des Klosters bewahrten. Vielleicht würde mich der verantwortliche Lama also nach dieser langen und beschwerlichen Reise gleich wieder nach Kathmandu zurückschicken.“ Es liegt auf der Hand: Wäre dies tatsächlich eingetreten, dann würden Sie jetzt diesen Artikel nicht lesen. Der junge Schweizer darf nicht nur bleiben, sondern findet dort auch seinen persönlichen (Lehr-) Meister.

Ein neuer Mensch

Drei Monate, nachdem er zum ersten Mal einen Fuß auf nepalesischen Boden gesetzt hat, wird Marcel Kocaman in der Zürcher Uniklinik erneut in die Röhre geschoben. Die Ärzte können es kaum glauben: Die Narbe bedroht sein Gehirn nicht länger. Marcel hat im Himalaja sein Leben zurückerhalten. Nur, was soll er damit anfangen? Sein materialistisches Weltbild ist bis in die Grundfesten erschüttert worden. Er hat am eigenen Leib erfahren, dass es höhere Realitäten des Daseins gibt, die sich nicht rational erklären lassen. Eine Anwaltslaufbahn einzuschlagen ist für ihn nun undenkbar geworden. Stattdessen gründet Marcel Kocaman eine Firma, welche heute ätherische Öle von bester Qualität herstellt und die Menschen in Aromatherapie ausbildet (doch das ist wieder eine andere Geschichte).

Im Lauf der Jahre zog es ihn immer wieder an den Ort zurück, wo sein Lehrer lebte. Dieser hohe Rinpoche Lama trug damals die Verantwortung für über 260 Klöster im ganzen Himalajagebiet. Keines davon ist für die Öffentlichkeit zugänglich. „Dort gibt es auch keine goldenen Statuen und teuren Bilder“, erklärt Marcel. „Alles ist ganz einfach und ursprünglich. Hier wird nur Buddhismus praktiziert.“ Deshalb spielt der Name seines geistigen Mentors ebenso wenig eine Rolle wie die Lokalität des Klosters.