Stehen wir mit unserem Körper auf Kriegsfuß – oder können wir seine Intelligenz nutzen, um gesünder zu leben und mehr gesundheitliche Selbstbestimmung zu bekommen?

Traumata auflösen, damit wir mit unserem Körper zur Harmonie finden.
Mit dem Körper ist es so eine Sache. Wir alle haben einen. Ohne ihn hätten wir keinen Zugang zu unseren Gefühlen; keine Möglichkeit, am Leben teilzunehmen und keine Nutzung der Sinne, die uns erlauben, die Welt in ihrer Gesamtheit zu spüren, sie im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Doch verglichen mit dem, was er uns zur Verfügung stellt, ist unser Verhältnis zu ihm mehr als fragwürdig. Wenn wir ihn und seine Bedürfnisse nicht ignorieren, dann kritisieren wir ihn oder versuchen, ihn mit Gewalt unseren Wünschen anzupassen – die wiederum nicht weiter von unseren Bedürfnissen entfernt sein könnten, als sie es aktuell sind. Unser Körper soll einfach funktionieren, egal, was wir ihm zumuten oder gar antun.
Dabei ist er keine Maschine, keine bloße Hülle für das ach so überlegene Gehirn. Wenn wir das Glück haben, in einem gesunden Körper zu leben, gehen Körper und Geist vielmehr Hand in Hand. Wir tun nicht nur unserem Körper Unrecht, wenn wir ihn unterschätzen, wir schaden uns selbst damit. Denn anderes als bei einem Auto, das man früher oder später verschrotten kann, wäre es doch wünschenswert, wenn uns unser Körper, solange wir Von Martina Pahr ihn benötigen, zuverlässig seine Dienste anbietet. Ebenfalls anders als ein Auto kann er uns eine Rückmeldung geben, was er braucht und was ihn belastet. Sogar psychische Anliegen manifestieren sich im Körper, weshalb er ebenfalls helfen kann, sie über seine Physis anzugehen. Wenn wir unserem Körper vertrauen und ihm Wertschätzung entgegenbringen, schenkt er uns nicht nur Kraft und Lebensenergie, sondern auch Freude, Intuition und Unterstützung. Leicht gesagt – doch für viele von uns eine echte Herausforderung.
Dr. Monika Leitner1 ist eine der Vordenkerinnen auf dem Gebiet der Körperkompetenz. Sie hat den Begriff dem Wort Gesundheitskompetenz entlehnt. Laut Definition der WHO ist ein Mensch dann gesundheitskompetent, wenn er Gesundheitsinformationen finden, verstehen, bewerten und anwenden kann. Für die Therapeutin enthält diese Definition aber zu wenig Freiheit: „Zwischen den Zeilen gelesen geht es eigentlich darum, dass eine Person fachliche Anweisung zu einem krankheitsbezogenen Thema befolgt.“ Sie kennt den wechselseitigen Einfluss von Geist, Psyche, Körper und Verhalten auf unsere Gesundheit von Grund auf, der als „Mind-Body-Medicine“ immer mehr Beachtung erhält. Aufgrund ihrer Erfahrungen hat sie drei Gründe identifiziert, die einer heilsamen Beziehung zu unserem Körper im Weg stehen.
Zum einen „die technologische Entwicklung Richtung Technokratie, die ganz klar vom Körper wegführt“. Zum anderen die Traumatisierung unserer Gesellschaft durch größere und kleinere Traumata, die aufzulösen die individuelle Aufgabe jedes einzelnen Menschen ist. „In einer Traumasituation werde ich immer versuchen, aus dem Körper zu flüchten. Der Körper wiederum kann mit Muskelspannung und der sogenannten Muskelpanzerung helfen, die eigenen Emotionen zu blockieren.“ Das dritte Hemmnis besteht in blindem Aktionismus und massiver Reizüberflutung: Diese Faktoren überschwemmen uns derart, dass wir nicht dazu kommen, in unseren Körper hineinzuspüren.
„Unterm Strich leben wir permanent mit unserem eigenen Körper auf Kriegsfuß. Durch die Reizüberflutung durch die sozialen Medien wenden wir absolut unrealistische Vergleichsmaßstäbe an“, so Leitner. „Deshalb fühle ich mich mit meinem Buch auch als Friedensforscherin. Wie kann ich als Therapeutin positive Selbstregulationsprozesse und Gesundheit anregen, wenn der Mensch in seinem eigenen Leib in absolutem Unfrieden ist?“ Sie möchte die Menschen dazu ermutigen, sich der eigenen körperlichen Intelligenz bewusst zu werden und die Verbindung zwischen Körper und Geist zu stärken.
Das lässt aufhorchen: Wie kann ein Mensch, der mit dem eigenen Körper im Unfrieden lebt, mit seinen Mitmenschen in Frieden leben? Wären wir alle bessere Menschen, wenn wir eine innigere Körperbeziehung entwickeln könnten? Es wäre zumindest ein sehr notwendiger Anfang. „Eine liebevolle Beziehung zum eigenen Körper heißt nicht, dass ich mich nicht manchmal über die Macken des Körpers ärgere oder mit ihm durch Prozesse gehe“, erklärt Leitner. Es ist normal, dass man den – zeitweisen oder vielleicht sogar unwiederbringlichen – Verlust einer körperlichen Funktion samt den damit verbundenen Einschränkungen betrauert. „Das sind alles Prozesse. Aber auf diese dynamischen Prozesse kann ich eine positive Antwort haben. Und Antwort bedeutet auch Verantwortung, die dann entsteht, wenn ich dieses wunderbare Geschenk des Körpers entdecke.“

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