Mithras: Der Lichtbringer aus der Sonne

Vor 1‘800 Jahren wurde von Britannien bis zum Balkan, von Spanien bis zum Schwarzen Meer die Sonne verehrt – und Mithras, der ihr Licht den Menschen bringt.

Hätte eine tödliche Krankheit das Christentum in seinem Wachstum aufgehalten, so wäre die Welt mithrasgläubig geworden.„ Der Satz stammt vom bekannten ‚Leben Jesu‘-Forscher Ernest Renan.

Mithras

Wenn Mithras die niedere Stiernatur im Menschen tötet, geht sein Blick zu Helios empor. Rom, Museo Capitolino

Mithras? Dieser Name ist für die meisten nicht mehr als die dunkle Ahnung an einen Kult, dessen Inhalt und Sinn die Zeiten nicht überdauert hat. Oder wußten Sie, daß im Europa des 3. und 4. nachchristlichen Jahrhunderts die Sonne angebetet wurde?
„Herr, sei gegrüßt!/ O überstarke Weltenkraft!/ O urgewaltiger Weltenherr!/ Erhabener unter allen Göttern!/ HELIOS!/ Herr des Himmels/ Und der Erden!/ Der Götter Gott!/ Gewaltig ist Dein Geisteshauch!/ Gewaltig ist Deine Geistesmacht!/ HERR!/ Wenn es Dir gefällig ist,/ So melde mich dem Allerhöchsten,/ Der auch Dich geschaffen und gezeugt,/ Denn ich, ein Sterblicher, ein Erdenmensch,/ Den eine Erdenmutter zeugte/ aus ird’scher Samenbildekraft:/ Von neuem heut’ aus Dir geboren,/ Aus ungezählten Scharen/ Berufen zur Unsterblichkeit:/ In dieser Weihestunde/ Nach Gottes Ratschluß,/ Der da von Güte überströmt,/ Anbeten will ich Dich und preisen/ Aus aller Kraft, die Menschen eigen ist.“

Dieser hymnische Ruf zur Sonne stammt aus einer Mithras-Liturgie, die von Albrecht Dieterich in dem sogenannten Pariser Zauberpapyros entdeckt und übersetzt wurde. Das Ritual stammt vermutlich aus dem 2. nachchristlichen Jahrhundert und dürfte so etwa um das Jahr 300 aufgeschrieben worden sein.

Wie luzide doch dieser Text war! Die Mithras-Anhänger wußten nicht nur um den Namen des Sonnengottes – HELIOS –, sie wußten auch um die Macht seines ‚Geisteshauches‘, der die Planeten erschuf, sie wußten, daß er ‚der Götter Gott‘ ist und doch selbst auch geschaffen wurde vom Allerhöchsten (vergleiche Artikel in ZeitenSchrift 7, S. 22). Und das alles in der ‚dunklen‘ Zeit des frühchristlichen Europas.

Wer war Mithras? Wie hat sich der Kult in Europa verbreitet? Und warum wurden seine Spuren so vollkommen unkenntlich gemacht? Weil das Christentum vorhatte, sein Erbe zu übernehmen, und ihm dies, dank der Unterstützung weltlicher und wachsender kirchlicher Macht, auch gelang. Und auf einmal wurde es ‚heidnisch‘, Helios als Gott zu verehren und die Planetengeister als seine Söhne zu erkennen. Dabei hat das Christentum die meisten seiner Feste und Sakramente aus den Riten des Mithrasdienstes übernommen.
Ausgerechnet in Rom, dem Zentrum heutiger Christenheit, blühte der Mithras-Kult zu Größe auf. Schon früh war das antike Rom zu einer Art Sammelbecken für asiatische und afrikanische Kulte geworden, da es selbst keine eigen gewachsenen Mythologien oder Mysterien kannte. Also importierte man fremde Gottheiten – zum Beispiel seit 204 v. Chr. die Magna mater von Pessinus oder seit dem

1. Jahrhundert v. Chr. Isis und Serapis. Die Mithras-Religion, die in ihren Anfängen auf die indischen Veden und die persische Avesta zurückgeht, kannte man zu jener Zeit in Rom noch nicht – obwohl sie vom Indus bis zum Schwarzen Meer Anhänger hatte. Sklaven brachten den Mithras-Glauben ins Abendland. Pompejus besiegte um 67 v. Chr. die cilicischen Seeräuber und verkaufte sie nach Italien. Wie sich der Kult und Glaube, den sie mitbrachten, genau verbreitete, verliert sich in der Geschichte. Doch der römische Dichter Statius bezeugt um das Jahr 80 n. Chr. das Vorhandensein mithräischer Bilder in der Cäsarenstadt. Ende des 2. Jahrhunderts nach Christus finden sich erste archäologische Spuren des Mithrasglaubens in Rom. Kaum 50 Jahre später, mit dem 3. nachchristlichen Jahrhundert, ist der Mi­thrasdienst zur Weltreligion geworden, der von Indien bis Britannien, von Spanien bis ans Schwarze Meer große Verehrerscharen anhängen. Diesen reißenden Siegeszug machte das römische Militär möglich, das dem Mithrasglauben mit Inbrunst huldigte. Besonders dort, wo das römische Reich seine Grenzgarnisonen hatte, verbreitete sich durch das ansäßige Militär der Mithras-Glaube besonders stark: Im heutigen Frankreich, England, Spanien, auf dem Balkan, in den Donauländern etc. Auch in Deutschland wurden viele Mithrasheiligtümer gefunden. Allein in nächster Umgebung von Frankfurt am Main grub man über 40 Mithräen aus.

Da im alten Persien die Könige von einer Gloriole umgeben waren, die Mithras-Helios spendete, griffen die römischen Cäsaren diese Auszeichnung dankbar auf. Nero trug eine Strahlenkrone wie der Sonnengott und sprach von sich als einem Bruder von Helios, der den Beinamen ‚sol invictus‘ (unbesiegbare Sonne) trug. Plinius zufolge war Nero ein Eingeweihter der Mithras-Mysterien.

Mitte des 3. nachchristlichen Jahrhunderts schien dem Mithras-Glauben die Welt zu ge­hören.

Dann kam der Fall. Kaiser Konstantin und Licinius gaben 311 das erste Toleranzedikt zugunsten des Christentums heraus. Ein Jahr später fand der Sieg Konstantins unter dem Zeichen des Kreuzes statt (den er in einer Vision vorausgesehen hatte). Nach einem weiteren Toleranzedikt folgten Gesetze über die Befreiung der christlichen Priester von den Steuern (im Jahre 315), die Befugnis der Rechtsprechung durch den Bischof, das Erbschaftsrecht der Kirche, die Sonntagsruhe und den Bau christlicher Kirchen auf Staatskosten. So wurden langsam die ‚heidnischen‘ Kulte zurückgedrängt. Der Mithrasdienst war nur noch geduldet. 341 verbot Constantius die meisten heidnischen Kulte, 356 wurden ihre Tempel geschlossen und die Ausübung des Kultes unter Todesstrafe verboten. Der Reaktionsversuch durch Julian (361–363) scheiterte, und die Verfolgung und Ausrottung der heidnischen Mysterien ging weiter: 371 wurden zahlreiche chaldäische Astrologen und Magier hingerichtet; 377 die Mithrasheiligtümer in Rom zerstört. Der Pöbel plünderte die Tempel. Im Laufe weniger Jahrzehnte war der Mithraskult, ebenso schnell, wie er sich verbreitet hatte, zerschlagen worden.

Die römische Kirche ging daran, sein Erbe zu übernehmen – und seine wahren Inhalte gleichzeitig aus dem Bewußtsein der Christen zu verbannen.

Mithras – der Mittler zwischen Sonnengott und Erdenmenschheit

Mithras-Heiligtümer wurden überall in Europa gefunden. Sie sind immer überraschend klein, und ihre Decken sind mit Sternen auf blauem Grund bemalt oder weisen kleine Öffnungen auf, durch die Lichter schienen und so den Einruck eines leuchtenden Firmaments hervorriefen. Wenn möglich wurden sie in Naturgrotten eingerichtet. Und es gibt ein klassisches, rätselvolles ‚Mithras-Urbild‘, das überall auftaucht und vermutlich von einem Bildhauer aus der Schule von Pergamon zuerst geschaffen wurde. Es zeigt einen schönen Jüngling, der einen Stier tötet, umgeben von zwei Fackelträgern und zahlreichen weiteren Symbolen. (Siehe Abbildungen).

In den manichäischen Fragmenten von Turfan heißt es: „Mithras, großer Götterbote, Vermittler der Religion der Auserwählten.“ Der Legende nach ist Mithras – der aber eindeutig auf keine historische Person zurückgeht, sondern prophetischen Charakter hatte – in einer Felsengrotte geboren. In der Nähe wird die Ankunft des Lichtträgers der Welt von Hirten beobachtet. Seine Ankunft feierten die Mithras-Gläubigen im Feste ‚Mithrakana‘ zur Zeit der Wintersonnenwende am 25. Dezember. Er kommt, um das Sonnenfeuer auf die Erde zu bringen, wie es eine alte Zarathustra-Prophezeiung vorausgesagt hat. Die Fackel des Geistes soll herabgetragen werden, um das Sonnenfeuer im Herzen der Menschen zu entfachen. Die eiserne Waffe, die Mithras trägt, versinnbildlicht den eisernen Willen, mit dem Mithras die niedere Stiernatur im Menschen besiegt, denn nur, wenn diese überwunden ist, kann der Sonnengeist empfangen werden. Während er mit dem Stiere ringt, blickt Mithras zur Sonne, zu Helios hinauf.

Die beiden Fackelträger, Cautes und Cautopates, fallen dadurch auf, daß des einen Fackel nach unten, des anderen Fackel nach oben schaut. Sie zeigen den inneren Weg vom ‚Tod‘ zum wahren Leben auf. Der Weg führt von der gesenkten Fackel – dem triebhaften, ungeistlichen, also ‚toten‘ Leben zum wahren, göttlich sonnenhaft durchdrungenen Leben der nach oben gerichteten Fackel – doch dazwischen liegt die Stiertötung, die Überwindung all dessen, was am Menschen tierähnlich, also ungeistig ist. Mithras bewirkt diese Wandlung.

Es gibt ein Feuer im Menschen, das erdwärts gerichtet ist und nach unten zieht. Es lebt in seinen Gliedern, im Stoffwechsel und waltet in seinen Trieben, Leidenschaften, seinem (tierischen) Willen. Der Mensch, der den Tod überwinden will, muß jene Kraft suchen, die dieses niedere Feuer bändigt und vergeistigt. Er findet sie im Aufblick zu dem Gotte, dessen Licht er in seinem Herzen spürt – er verleiht ihm die Kraft, das Erdenfeuer in das Himmelsfeuer der Begeisterung für das Wahre und Gute zu verwandeln.

Mithras, Cautes und Cautopates stellen darum die Dreiheit dar, die im Menschen zu finden ist: Das Wollen, Denken und Fühlen. Erst ist da der Wille (Cautes), das Niedere zu überwinden, dann kommt die Weisheit, es zu tun (Mithras, der den Stier tötet), und schließlich Cautopates, der durch diese Tat der Weisheit die Liebe Helios‘ in der nach oben gerichteten Fackel empfängt.

Welche Wandlung vollzieht sich mit der Tötung des Stieres: Aus dem Schwanz des Stiers wächst Weizen (Brot), aus dessen Blut der Weinstock (Wein). Im Brot und Wein des Altars teilt sich den Gläubigen die Mithraskraft mit, die den Leib heiligt, aber als Seelennahrung zugleich den Geist befeuert. Die Legende erzählt auch, daß aus dem Körper des Stiers alle Heilkräuter entstanden seien: Das Niedere und Kranke, das Giftige und Todbringende sollte also nicht vernichtet, sondern in heilende Arznei umgewandelt werden.

Mithras, so die Legende, sei dann zum Helfer der Menschen auf Erden geworden gegen die Angriffe Ahrimans, der die Felder verwüstete und Dürre schickte. Mit einem Pfeil schießt er Wasser aus einem Felsen. Dies erinnert an Mose, der mit seinem Stabe Wasser aus dem Felsen schlägt. Paulus sah in diesem Felsen den Christus (1. Kor. 10,4). Könnte nicht das Felswunder des Mithras im paulinischen Sinne gedeutet werden als ein wirkliches Öffnen der ‚Himmelsschleusen‘ durch die Kraft des menschlich-göttlichen Geistes? Im übrigen ist nicht unwahrscheinlich, daß Paulus eine gewisse Kenntnis der Mithras-Mysterien hatte. Ging doch die Verbreitung der Mithrasreligion im römischen Abendland von Zilizien aus, der Heimatprovinz Paulus‘, und zwar rund hundert Jahre vor Paulus‘ Lebzeiten. Zudem war Paulus römischer Staatsbürger. Seine Schilderung des Gottesstreiters, der mit dem Panzer der Gerechtigkeit bekleidet ist, mit dem Helm des Heils bedeckt und mit dem Schwert des Geistes bewaffnet, um gegen die geistigen Dunkelmächte zu kämpfen, entspricht in etwa dem dritten Einweihungsgrad der Mithras-Mysterien – dem der ‚miles‘, der Krieger.

Der Kirchenvater Hieronymus erzählt, das mithräische Einweihungswesen habe sieben Weihegrade gekannt:

  1. Der Rabe. Der Beginn eines göttlichen Lebens und einer neuen Berufung. Strenge Übungen des Leibes und Geistes in Abgeschiedenheit, verbunden mit Schweigen.
  2. Der Okkulte/Der Verborgene. Er legt eine Art Treuegelöbnis ab, das ihn unauflösbar mit seinem Gott verbindet.
  3. Der Streiter. Er setzt sich als Verkünder und Verteidiger der Mithrasreligion in der Welt der Andersgläubigen ein. Er kämpft mit dem Schwert des Geistwortes als ‚miles‘ für die Ausbreitung der persischen Lichtlehre. Die Höheren Grade erreichte nur ein kleinerer Kreis von Eingeweihten.
  4. Der Löwe. Er soll das Sonnenfeuer in sich manifestieren lernen. Seine Taten und Worte sollen durchströmt sein von Sonnenfeuer und Sonnenlicht. Mithras-Helios, der Geist der Sonne, soll in seinen Worten und Taten wirken.
  5. Der Perser. Er übernimmt Verantwortung und Aufgaben, die das ganze Volk umspannen, dem er angehört. Er wird zum geistigen Behüter seines Volkes.
  6. Der Sonnenläufer, der Sonnenheld. Er repräsentiert das Wesen der ganzen Menschheit und hat sich aus den Banden von Sippe, Volk und Familie gelöst und wird eine Art ‚Gottessohn‘, wie das Neue Testament Melchisedek erwähnt (Hebr. 7,3): er ist „ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlecht…, er ist verglichen dem Sohne Gottes und bleibt Priester in Ewigkeit.„ Er hat die mystische ‚Schwarze Sonne‘ um Mitternacht geschaut: Ist Träger des geistigen Lichts der Sonne.
  7. Der Vater. Diese Stufe ist den großen Eingeweihten vorbehalten, die ganze Zukunftsimpulse für die Menschheit geben und zu den eigentlichen Führern der Menschheit zählen.

Wir machen uns heute keinen Begriff davon, wie eine antike Einweihung vor sich ging. Der Mensch, noch viel weniger mit seiner Physis verhaftet als heute, begab sich wirklich aus seinem Körper hinaus in himmlische, rein geistige Sphären, und brachte diese einzigartigen Erfahrungen in sein Tagesbewußtsein mit. Hellsichtigkeit war in der Antike weit verbreitet und schwand erst zur Zeitenwende; bei Anbruch des Fische-Zeitalters. Da es immer schwieriger wurde, die alten Mysterienerfahrungen dem sich ‚verdichtenden‘ Menschen zukommen zu lassen, nahmen die Riten immer drastischere Formen an. Zu den Aspekten des Mithras-Kultes, die zu seiner ‚Verteufelung‘ führten, gehört die Stiertötung. Sie wurde in den Kultstätten tatsächlich ausgeführt, und der Einzuweihende begab sich in eine Grube, um sich mit dem tropfenden Stierblute besudeln zu lassen und so in einer sehr eindrucksvollen Zeremonie das Tierische in ihm selbst zu transzendieren. Die Reinwaschung durch das Blut wurde später vom Christentum übernommen: Durch das Blutvergießen Jesu wurden wir (angeblich) von unseren Sünden erlöst, und heute noch wird jeden Sonntag in den christlichen Kirchen symbolisch das Blut Christi getrunken, das uns vergeistigen soll. Der Petersdom in Rom erhebt sich übrigens an just jener Stelle, wo damals die Taurobolien (Stieropfer) des Mithras-Kults gefeiert wurden.

Betrachtet man die Kulte und Festlichkeiten des Mithras-Dienstes, fällt auf, wie sehr sie jenen unseres Christentums gleichen. So ging die Kirche im 4. Jahrhundert dazu über, das Weihnachtsfest auf den 25. Dezember, den Tag des Mithrakana, zu verlegen, wo die Alten die Geburt des ‚Sol invictus‘ (der unbesiegbaren Sonne), bzw. ihres Sohnes Mithras, des Lichtbringers, gefeiert hatten. Auch die Mitternachtsmesse an Weihnachten dürfte auf mithräische Einflüsse zurückgehen, denn die größte Einweihung war dort die Schau der Sonne im Norden – der unsichtbaren Sonne um Mitternacht und der Empfang ihres rein geistigen Lichts. Zur Zeit des Frühlingsanfangs wurden Weihen vorgenommen, die den Mysterienkandidaten galten.

Der Mithras-Kult kannte eine Art Taufe und eine Art Konfirmation – diese wurden ‚Sakramente‘ genannt. Der Sonntag war der Feiertag der Woche, und am Sonntag wurde ein heiliges Mahl zelebriert, das auf vielen Kultbildern dargestellt ist: Priester reichen Brotscheiben, die mit dem Kreuzeszeichen versehen sind und die im heiligen Mahl zu konsekrierenden Hostien darstellen. Es war ganz und gar üblich, in den Mithrastempeln Brot und Wasser zu verwenden, über die der Priester bestimmte Formeln sprach. In späteren Zeiten wurde anstelle des Wassers Wein verwendet.

Ähnlichkeiten mit der christlichen Kommunion sind unübersehbar – und auch in den christlichen Kirchen findet sich ein Hinweis auf die Herkunft der Kommunion: Die Hostien werden im Tabernakel aufbewahrt, und dieser stellt fast immer eine goldene Sonne, eine ‚Sol invictus‘ dar...

Dreimal täglich, nämlich morgens, mittags und abends richtete ein Priester Gebete an die Sonne – eine Handlung, die auch die frühen Christen ausübten. Manche Christen verneigten sich am Morgen und Abend vor der Sonne, mit den Worten: „Kyrie eleison“ – „Kyrios, erbarme dich unser.“ Papst Leo I. (440–461), der den Primat des römischen Bischofs für die gesamte Kirche in Anspruch nahm, lästerte gegen diese ‚gottlose Sitte‘. Er sagte: „Dies tun auch einige Christen und glauben dabei noch eine fromme Übung zu verrichten. Bevor sie nämlich die Basilika des heiligen Apostels Petrus, die dem einen lebendigen und wahren Gott geweiht ist, betreten, steigen sie die Stufen hinan, die zur Anhöhe des oberen Vorplatzes führen, wenden dort ihren Körper nach der aufgehenden Sonne, und mit gesenktem Nacken verbeugen sie sich zur Ehre der glänzenden Scheibe. Wir bedauern es mit tiefem Schmerz, daß dies teils aus dem Übel der Unwissenheit, teils aus dem Geiste des Heidentums geschieht.“

Erinnern wir uns: Der Mithras-Kult war von Konstantin verfolgt worden und schließlich ausgerottet. Zeitweise wagten es die ehemaligen Sonnenanbeter nicht einmal, zur Sonne und den Sternen emporzublicken; selbst die Bauern und Schiffer vermieden es, um nicht in den Verdacht chaldäischer Astrologie zu kommen – und die Todesstrafe zu riskieren.

Mithras und Christus: Dieselbe Figur?

Dies ist umso tragischer, als der Mithras-Kult als eine der vielen ‚Adventsbewegungen‘ angesehen werden darf, die in der Antike auf die Ankunft ‚des Einen‘ hinwiesen. Mithras war keine geschichtliche Figur, sondern Versinnbildlichung eines Wesens oder Prinzips, das erst auf die Erde kommen und die Vermählung der Menschheit mit dem Sonnengeist herbeiführen sollte. Und war es nicht genau das, was Jesus tat, als er der Menschheit das Christus-Prinzip brachte? Da sollte ja einer kommen, in einer Felsenhöhle geboren, von Hirten angebetet werden, das Niedere im Menschen überwinden und ihm Unsterblichkeit verleihen. Wer sonst hätte da schon gemeint sein sollen, wenn nicht Jesus?! Alle sogenannt heidnischen Mysterienreligionen kündeten von einem Gottessohn, Heiland oder Messias, der auf die Erde herabkommen werde. Makrobius lehrte, alle Gottheiten würden auf Helios, den Sonnengott zurückgehen. Paulus sagte: In Christus lebt die Fülle der Gottheit leibhaftig. Augustinus gestand, daß es schon vor Christus ‚Christen‘ gegeben habe – Menschen nämlich, die als Philosophen den Logos teilweise erkannt hatten oder wie Sokrates und Heraklit ‚dem Logos gemäß‘ gelebt hatten. In dem Jesus Christus sei dann der Logos in seiner Totalität erschienen (Justin der Märtyrer), während er vordem bruchstückhaft als der ‚Logos spermatikos‘ samenartig in einzelnen Menschen gelebt habe. Christus war der eigentliche Inhalt der alten Sonnenmysterien – der Lichtträger des einen Gottes, der dieses Licht in den sterblichen Menschen einpflanzt und ihm so die Unsterblichkeit verleiht (siehe Dreifältige Flamme: Der Funke, der uns unsterblich macht). Im Mithras-Kult hieß dieser Eine nicht Jesus und nicht Christus, sondern eben Mithras. Dennoch war er jener, der sich in Jesus verkörperte. Dank ihm können Helios und ‚Mithras‘ immer mehr eins werden.

Sagte Jesus nicht: „Ich bin das Licht der Welt„? Gibt es denn noch ein anderes Licht als jenes physische und geistige, das unser Vater-Mutter-Gott, die Sonne zu uns strahlt?

Die Vertreibung aus der Geistigkeit

Auf einmal erscheint das Christentum nicht als völlig losgelöste, neu erscheinende Idee oder Religion, sondern als die Weiterführung und Erfüllung der alten Sonnenreligionen und -mysterien. Dennoch stellen sich zwei Fragen: Warum verbreitete sich der Mithras-Kult in Europa erst in den nachchristlichen Jahrhunderten? Und warum wurde er schließlich vom Christentum einem Erzfeinde gleich zerschlagen?

Stieropfer in Bologna

Klassische Darstellung der Stiertötung. Links Cautes mit der Fackel nach unten, rechts Cautopates mit der Fackel, die zum Himmel gerichtet ist. Aus dem Schweif des Stiers wächst eine Ähre, sein Blut wird zu Weintrauben. Links oben am Rand des Reliefs das Strahlenhaupt von Helios. Stieropfer, Bologna

Die frühen Christen verehrten die Sonne. In den Katakomben der Urchristen fand man Darstellungen von Helios in seinem Sonnenwagen. Jahrhundertelang wurden Kirchen so gebaut, daß ihr Altar im Osten, bei der aufgehenden Sonne lag. Jahrhundertelang wurde die Messe nur in den Stunden um Sonnenaufgang gefeiert. Verehrt wurde von den frühen Christen nicht nur die physische Sonne, sondern die dahinter wirkende Geistessonne – ebenso wie Mond und Sterne, die man als Sitz geistiger Wesen sah. Aufschlußreich ist auch, wie sich aus der Sonne das Monogramm Christi entwickelte: Immer schon war der Kreis das Symbol der Sonne. Mit einem rechtwinkligen Kreuz zeigte er den Durchgang der Sonne durch die vier Jahreszeiten. Mit sechs Abschnitten (siehe Abbildung) wurde sie zum Sonnenrad. Wenn nun der senkrechte Strich mit einem Bogen versehen ist, also wie ein ‚P‘ aussieht, wirkt das Zeichen wie ein X und P (Chi und Rho im griechischen Alphabet) – die Initialen Christi. Dies ist jedoch die exoterische Deutung des Symbols. Esoterisch soll der Bogen nicht den Strich zum ‚P‘ machen, sondern die Mondsichel darstellen. Christus ist jener, der das Sonnen- und das Mondmysterium in sich zusammenfaßt. Das Sonnenmysterium meint den nach außen gerichteten Weg zu Helios, das Mondmysterium den nach innen gerichteten Weg zum Mithras-Christus. Jener, der von außen, von der Sonne kam, und das Licht im Innern manifestierte, stellt die Vereinigung dieser beiden Wege dar – die Vereinigung des niederen, mondhaften Menschen mit der göttlichen Sonne.

Die nachchristlichen Anhänger des Mithras-Kultes scheinen nicht erkannt zu haben, daß jener, den sie prophetisch verehrten, längst auf Erden gekommen war. Damit stehen sie nicht allein – auch heute gibt es Religionen, die auf einen Erlöser warten, der längst gekommen ist. Einige geschichtliche Zeugnisse lassen darauf schließen, daß sich anfänglich Mithras-Kult und Christentum gut miteinander vertrugen und einige Dinge voneinander übernahmen. In beiden ‚Lagern‘ muß es Eingeweihte gegeben haben, die sich bewußt waren, wie verwandt beide Religionen waren. So berichtet Augustinus vom Ausspruch eines Serapis-Priesters: „Et ipse Pileatus christianus est“ – „Der Gott mit der phrygischen Mütze ist auch ein Christ“. Der ‚Gott mit der phrygischen Mütze‘ meint natürlich Mithras.

Daß schließlich Feindschaft zwischen beiden Kulten ausbrach, ist vor allem den römischen Cäsaren zuzuschreiben. Machtbesessen, wie sie waren, erzwangen sie die Einweihung in die Mysterien. Ohne die geistigen Voraussetzungen zum richtigen Umgang mit dem Erfahrenen zu besitzen, kamen sie nun in Kontakt mit übersinnlichen Wesen und Kräften. Die Folge ihrer fehlenden moralischen Zucht war meist, daß sie zum Spielball dämonischer Kräfte wurden. Durch ihre Einweihung hatten die römischen Cäsaren indes Einblick in die wirkliche Bedeutung des Christus-Impulses bekommen. Sie erkannten die ihm innewohnende Macht und daher ‚Gefahr‘ und versuchten, Christus als einen Gott von vielen in den römischen Pantheon zu integrieren. Tiberius versuchte dies und Hadrian, aber auch andere. Der römische Senat vereitelte das Ansinnen der Cäsaren immer wieder aus Unwissenheit um deren wirkliche Beweggründe.

Schließlich schaffte es der nicht mehr eingeweihte Konstantin, das Christentum zur Staatsreligion zu erheben – mit fatalen Folgen. Die christliche Kirche wurde ‚romanisiert‘, die Massen in Unmündigkeit gehalten, der einst hoch spirituelle Inhalt des Christentums mehr und mehr einem veräußerlichen Zeremoniell geopfert. Die tiefen Wahrheiten über den Christus, der als Prinzip schon immer existiert hatte – wenn auch nicht im irdischen Menschen – über seine Verwandtschaft mit der Sonne wurden zur Ketzerei erklärt und verfolgt. Durch Rom wurde die Kirche exoterisch, machthungrig, und stellte sich dem Mithras-Kult, der die alten Mysterien pflegte, feindlich gegenüber. In seinem ‚Sieg‘ verlor das Christentum den Zugang zu seiner mystischen Seite, die in der Sonnenverehrung verankert ist. Im Konzil zu Konstantinopel anno 869 wurde die Austreibung des wahren Geistes aus der christlichen Kirche noch vollendet. Der Mensch wurde als bloß dualistisches Wesen propagiert: Nur aus Leib und Seele bestehend. Das göttliche im Menschen, sein Geist, wurde verleugnet – mit Konsequenzen, die sich bis heute fortsetzen. Sie brachte das Schisma zwischen Ost- und Westkirche, und anstelle des wirklichen Verständnisses dessen, was der Christus ist, trat ein bloßes Nacherzählen der äußerlichen Begebenheiten des Lebens Jesu und die juristische Festsetzung dogmatischer Sätze aufgrund von Mehrheitsbeschlüssen in den Konzilien.

Was hätte aus der christlichen Kultur werden können, hätte sie sich friedlich mit dem Mithras-Kult vereinigt! Die ganze Weltgeschichte hätte einen anderen Verlauf genommen, denn man hätte den Wahrheitsgehalt der heidnischen Religionen erkannt und diese nicht überall blutig ausgerottet. Wir lebten seit Jahrhunderten mit dem Wissen um unsere Herkunft von der Sonne und der Dreifaltigkeit unseres Wesens… Wir wüßten, daß wir die Stiernatur in uns überwinden können und damit zum Christus werden, und Gott wäre ein gütiger und kein zorniger, unnahbarer.

Die Sonnenfeindlichkeit war auch Teil des Judentums. So hatte Hesekiel folgende Szene mit besonderem Greuel geschildert (Hes. 8,16): „Und er führte mich in den inneren Hof am Hause des Herrn; und siehe, vor der Tür am Tempel des Herrn, zwischen der Halle und dem Altar, da waren fünfundzwanzig Männer, die ihren Rücken gegen den Tempel des Herrn und ihr Angesicht gegen Osten gekehrt hatten und beteten gegen der Sonne Aufgang.“

Das streng-orthodoxe Judentum faßte Naturfrömmigkeit und Sonnenverehrung als ein Greuel auf. Es wandte sich immer mehr einer bildlosen, innerlich-seelischen Moralfrömmigkeit zu. Diese naturabgewandte, um nicht zu sagen naturfeindliche Stimmung hat sich mit Hilfe der Päpste allmählich auf das Christentum übertragen, das in seinem ursprünglichen Wesen von einer Natur-Innigkeit durchdrungen gewesen war. Wie anders sähe die Welt wohl auch in dieser Hinsicht aus, hätten die Christen die Sonne und die Natur 2000 Jahre lang verehrt statt verachtet!

Doch wer kennt schon die vorgezeichneten Pfade des Menschengeschlechts? Vielleicht war es ja richtig, daß der Mensch erst ganz in die Materie und in die Kühle rationalen Denkens absteigen mußte, um sich seiner Individualität bewußt zu werden, um dann in dieser errungenen Bewußtheit sich zurückzusehnen zur Einheit mit der Quelle – dem Himmelsgestirn. Das Christentum mag seinen Weg zur Weltreligion gemacht haben – an der Zeitenwende, an der wir heute stehen, wartet es auf die Auferstehung zur universalen Sonnenreligion.

Quellenangaben

  • Quelle: Alfred Schütze, „Mithras-Mysterien und Urchristentum“, Verlag Urachhaus Stuttgart, 1937 (vergriffen).