Die ewige Sehnsucht nach Schönheit

Der materialistische Mensch sucht nicht nach der inneren Schönheit, sondern trachtet nach der Optimierung seines Körpers. Das wahrhaft Schöne verkümmert immer mehr, dabei brauchen wir es für unser „Seelengefieder“.

„The Mirror of Venus“ von Sir Edward Burne-Jones, via Wikimedia Commons, lizenziert unter CC BY-SA 4.0.

Über das, was schön sei, gab es im Laufe der Menschheitsgeschichte immer schon viel Nachdenken, aber im Grunde keine Übereinstimmung, die für alle gilt. Was sich im Sprichwort widerspiegelt, Schönheit liege im Auge des Betrachters. Oder gibt es doch so etwas wie eine Formel, ein fundamentales Prinzip der Schönheit? Einen Kern, in dem eine Wahrheit liegt, an der niemand vorbeikommt? Wo das Individuelle überwunden wird und das Universelle rein und klar aufleuchtet?

Die griechischen Philosophen hingen unter anderem der Deutung der Dichterin Sappho an, derer zufolge, das schön sei, „was einer liebt“. Auch Maß und Mitte und Harmonie spielten in dieser Epoche eine zentrale Rolle, wenn es darum ging, Schönheit zu bestimmen – vor allem der Goldene Schnitt. Neuzeitliche Denker wie Immanuel Kant schlugen vor, das eigene Hingeneigtsein nicht zu berücksichtigen. Sein Credo war: „Schön ist, was ohne Interesse gefällt.“ Johannes Kepler glaubte, die entscheidende Formel gefunden zu haben, indem er behauptete, geometria est archetypus pulchritudinis mundi – „die Mathematik ist das Urbild der Schönheit der Welt.“

Wann drängt die Frage nach dem, was schön ist, zum ersten Mal ins Leben des Menschen? Ein „Bin ich schön?“ taucht irgendwann auf und ist, je nach Eitelkeitsfaktor, oft gekommen, um zu bleiben. Und kann quälend werden, sogar sehr. Oder sich zu einer Obsession auswachsen. Ein Paradebeispiel ist Schneewittchens böse Stiefmutter, deren größtes Begehr es ist, die „Schönste im ganzen Land“ zu sein. Da aber ist Schneewittchen, ihre Stieftochter, ein „tausendmal schöneres“ Mädchen. Im Grimm’schen Märchen wird sein Aussehen so beschrieben: „Haut so weiß wie Schnee, Lippen so rot wie Blut und das Haar so schwarz wie Ebenholz“. Nein, niemand, keine Einzige darf schöner sein, das ist nicht aushaltbar für die böse Stiefmutter. Daher beauftragt sie einen Jäger, Schneewittchen zu töten. Hätte der kein Erbarmen gehabt, wäre die Geschichte an dieser Stelle zu Ende gewesen. Und die sieben Zwerge hinter den sieben Bergen hatten ihre Freundin nie kennengelernt.

Die ewige Jagd nach der Schönheit. In einer materialistisch orientierten Welt geht der Blick da nicht nach innen, sondern nach außen. Nicht die schone Seele wird mehrheitlich angestrebt, sondern ein perfektioniertes Aussehen. Der Mainstream hat den Korper zum Fetisch gemacht. Das beginnt beim Kauf diverser Kosmetika und Anti-Aging-Produkte, bei Fitness, Krafttraining und Ernährungsoptimierung . und endet immer häufiger auf dem Operationstisch des plastischen Chirurgen. Am eigenen Körper .etwas machen zu lasseng, ist inzwischen kein Tabu mehr. Die Branche boomt: Im Jahr 2024 zahlte die International Society of Aesthetic Plastic Surgery (ISAPS) weltweit rund 38 Millionen Schönheitsoperationen, 2010 waren es noch knapp 14 Millionen. Deutschland ist eines der zehn Länder mit den meisten ästhetischplastischen Eingriffen weltweit, rund 626'200 waren es 2024. Den ersten Platz belegt übrigens Brasilien, gefolgt von den USA. Besonders gefragt sind Lidstraffungen, Botox- Spritzen gegen Falten, Nasenkorrekturen, Brustvergrößerungen und -verkleinerungen und das Fettabsaugen, die sogenannte Liposuktion. Ein neuer, explosionsartiger Trend ist die Po-Vergrößerung. Auch Vaginaleingriffe wie Intimstraffungen nehmen zu.

Auch Männer klopfen immer häufiger beim Schönheitschirurgen an. In Großstädten wie München und Berlin ist jeder Vierte beziehungsweise Dritte, der seinem Aussehen chirurgisch auf die Sprünge helfen will, ein Mann. Bezieht man die Zahlen aus dem gesamten deutschen Bundesgebiet mit ein, kommt man auf gut 16 Prozent.1 Zum Vergleich: 1990 waren es noch knapp fünf Prozent. Studien, unter anderem von der Universität Hamburg, lassen keinen Zweifel daran: Schöne Männer stehen auf der Sonnenseite des Lebens. Sie wirken dynamisch und glaubwürdig, mutiger und intelligenter. Im Job kommen sie auf der Karriereleiter schneller voran und verdienen durchschnittlich bis zu 15 Prozent mehr.

Quellenangaben

  • 1 Quelle: Deutsche Gesellschaft für Ästhetische und Plastische Chirurgie