Mögen uns die Zeiten auch in eine Ohnmacht drängen – sie ist keine Option. Entdecken wir unsere Größe, zeigen wir unser Licht. Wie uns das Ausrichten nach einer Utopie dabei helfen kann.

Ich habe ein Buch über Anarchie geschrieben. Und ich habe es vor allem deshalb getan, weil ich uns alle daran erinnern will, dass wir viel mehr Potenzial haben, als uns bewusst ist. Denn in einem anarchistischen Organismus ist jeder gefragt; man nimmt die Geschicke selbst und beherzt in die Hand. Selbstorganisation, Selbstwirksamkeit und Selbstverantwortlichkeit sind elementar. Also all das, was in der derzeitigen Gesellschaft überhaupt nicht gefragt ist. Weil sie ganz und gar von Unterdrückungsmechanismen durchwirkt ist. Allein: Wir sind nicht geboren, um uns knechten zu lassen. Schon gar nicht von Politik und Parteien. Denn dadurch wird ein System am Laufen gehalten, das auf Zwang, Täuschung, Propaganda und Gewalt aufgebaut ist. In ihm sollen wir uns mit hängenden Schultern und in gebückter Haltung bewegen – am besten auf den Knien herumrutschend. Wenn man durch und durch verstaatlicht ist, also indoktriniert, kontrolliert, überwacht, verdächtigt, ausgebeutet, reguliert, bürokratisiert, schabloniert, verwaltet, vermessen und versklavt, dann fällt es tatsächlich schwer, aufrecht zu stehen.
Man könnte an dieser Stelle viel über Machtstrukturen schreiben. Doch ich will mich damit begnügen, darauf zu verweisen, dass es einen Unterschied gibt zwischen naturgegebenen Hierarchien und solchen, die künstlich herbeigeführt werden, etwa durch Wahlen, selbsternannte Mächtige oder die Behauptung, jemand hätte „blaues Blut“. Sobald andere Menschen unterdrückt und ausgebeutet werden, sobald Angst und Tyrannei regieren, sobald das Lebensprinzip verneint wird und der Todeskult herrscht, muss klar sein: Hier richtet sich Hierarchie gegen uns. Dort können wir nicht blühen und uns gemäß unserer Möglichkeiten entfalten. Und weil die destruktiven Kräfte der sogenannten Elite und ihrer Schattentruppen diese Form der Hierarchie weiter und weiter ausbauen, braucht es umso dringender diejenigen – und ich nehme an, Sie gehören dazu –, die dem entgegenwirken wollen.
Aktuell sind in der Gesellschaft zahlreiche Suchbewegungen vorhanden. Man will etwas verändern, man spürt, man muss etwas umkrempeln, anders gestalten, weiß aber nicht wie. Düstere Dystopien drängen weiter heran. Sie existieren also nicht nur in George- Orwell-Romanen. Und auch nicht nur in Nordkorea. Aufgrund des sich immer weiter ausbreitenden Techno- Totalitarismus werden sie nach und nach auch hierzulande Realität. Der Potentatenwahn schnürt uns immer mehr die Luft ab, der KI-Knast wartet schon. Die Menschheit steht an einem Scheideweg. Nur das Visionäre, das darauf wartet, von uns umgesetzt zu werden, nur das, was erst mal utopisch klingen mag, kann sich den dystopischen Entwicklungen entgegenstellen. Wir haben es in der Hand. Ohnmacht ist keine Option. Seien wir uns bewusst, wie wirkmächtig wir sein können.
Kopf hoch. Schauen wir nach oben. Hin zu den Sternen. Es hat schließlich einen guten Grund, warum es in einem Sprichwort heißt: „Wer seine Träume nicht an den Sternen festmacht, wird nicht einmal einen Kirchturm erklimmen.“ Und aus dem alten Rom tönt es: „Per aspera ad astra“ – „Über raue Pfade gelangt man zu den Sternen“. Die Wendung geht auf Seneca den Jüngeren zurück, der in seiner Tragödie Der Rasende Herkules schrieb: „Non est ad astra mollis e terris via“ – „Es ist kein bequemer Weg von der Erde zu den Sternen“. Nun sind hier freilich keine Raumschiff-Fantasien angesprochen, schon gar nicht geht es darum, mit Elon Musk Richtung Mars abzuheben – dahin kann der Herr Multimilliardär gerne alleine aufbrechen beziehungsweise Bill Gates und dessen misanthropische Konsorten bitteschön mitnehmen. Die Sterne, die uns zugedacht sind, sind anderer Art. Sie verweisen sinnbildlich auf das, was uns zum Leuchten bringt. Aber sie liegen erst mal nicht nah, man kann sich nicht eben bücken und sie wie einen Stein vom Boden aufheben. Man ist aufgerufen, sich zu ihnen hinzustrecken, und das geht nur, wenn wir über uns selbst hinauswachsen. Es erfordert, das bequeme Ich zu verlassen. Also auch Mühen auf sich zu nehmen.
Eine Vision beispielsweise kann wie ein Stern sein, nach dem wir uns ausstrecken. Für die meisten Visionen, die uns vor Augen stehen und unser Herz erfüllen, brauchen wir einen langen Atem, für einige andere einen noch längeren. Geht es um Anarchie, dann könnte es sein, dass wir in 25 Jahren so weit sind, vielleicht aber erst in 80 Jahren oder gar in 300. Kein Grund, sich entmutigen zu lassen. In der Vision liegt eine magische, von höheren Ebenen unterstützte Kraft, die trägt. Erscheint sie auch bisweilen wie ein Traum, wie ein Fantasma, so setzt sie eine beeindruckende Dynamik frei. Sie bündelt Energie, gibt einen Fokus, regt unsere Neugierde an, schafft Motivation und aktiviert den schöpferischen Geist in uns.
Eine Vision stellt einen größeren Zusammenhang her, wenn sie auf ein Kollektiv ausgerichtet ist, wie sich das am Beispiel einer anarchistischen Gesellschaft zeigt. Aber sie kann sich auch auf das Individuum beziehen, auf die ganz persönliche Zukunft. Manche Menschen wissen schon als Kind, wohin der berufliche Weg geht. Wie beispielsweise der deutsche Ex-Nationaltorhüter Oliver Kahn. Am Anfang seiner Karriere stand eine Vision, wie er im Jahr 2010 in einem Interview erzählte: „Meine Vision, und sie stand schon sehr früh für mich fest, war folgende: Ich wollte der beste Torhüter der Welt werden. Der beste Torhüter der Welt! Der beste! Eine gewaltige Vision, gewaltig weit weg damals, ein Über-Über-Ziel. Irgendwie gar nicht nebulös, sondern sehr konkret. Ein gewaltiger Anspruch an mich selbst, den ich mir mit dieser Vision auflud.“ Wieder tönt die Anstrengung durch, die mit einer Vision untrennbar verbunden scheint. Und zugleich lässt sich „aufladen“ auch in seiner anderen Wortbedeutung verstehen: Man wird von der Vision ganz und gar energetisch durchdrungen, man lädt sozusagen seinen inneren Akku dadurch auf.

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