Willkommen im Influencer-Wolkenkuckucksheim!

Es gibt nicht nur die „künstliche Intelligenz“, sondern immer mehr auch die „künstliche Existenz“: Das Dasein als Darsteller des eigenen Selbst, das man aber längst verloren hat. „Influencer“ ist der meistgenannte Berufswunsch junger Teenies. Sie ahnen nicht, was sie sich damit antun wollen. Ein Blick hinter die Kulissen – und darauf, was das Leben in Wirklichkeit von uns will.

„Ich sitze auf der Wolke und ich werd‘ geliebt …“ – in Wolkenkuckucksheim, dem Wohnort vieler Social-Media-Süchtiger. Der Begriff bedeutet übrigens „absolut realitätsferne Fantasiewelt“.

Wenn Sie Ihr Leben betrachten: Würden Sie sagen, es war ein einziger endloser, beglückender Spaziergang im Sonnenschein? Wo ein Hoch aufs andere folgte? Waren Sie der Star Ihrer Familie, der oder die Vielbewunderte an der Arbeitsstelle und kannten nichts als Lob und Freude? Konnten Sie nur Ihren Lieblingsbeschäftigungen nachgehen und trotzdem strömte mehr Geld auf Ihr Konto, als sie sich jemals träumen ließen?

Sollten Sie all diese Fragen mit Ja beantworten, dann sind Sie vermutlich noch nicht sehr alt und als Influencer oder „Content Creator“ tätig. Und das, was Sie erleben, ist eine große Lüge – die oft böse enden kann. Eine, die Sie sich selbst und anderen vorgaukeln. Denn das Leben ist nicht dazu da, ein kitschiger Film zu sein, mit uns als Hauptdarstellern. Das Leben gleicht eher einer oft schmerzhaften Kletterpartie in den Bergen mit überraschenden Wetterwechseln, Fehltritten, Verletzungen, Verschnaufpausen, Gipfelglück und gefährlichem Wiederabstieg ins manchmal düstere Tal.

Während der „Barbie“-Film den Menschen zeigt, dass Leben als schöne Puppe in einer rosaroten Welt nicht das wahre Leben eines echten Menschen ist, scheinen sich immer mehr junge Frauen (und wohl auch Männer) im Traum zu verlieren, die immer schöneren, unendlich fitten, gnadenlos gutgelaunten Darsteller ihres Lebens zu sein, auf dessen Drehbuch und Verlauf sie zu hundert Prozent Einfluss haben. Es scheint, als würde das Zeitalter der Digitalisierung gar nicht auf menschliche Halb-Roboter hinarbeiten müssen: Die Gläubigen des schönen Scheins spüren gar nicht, dass sie immer mehr zur bloßen Hülle werden, ohne Verbindung zum Wesenskern, der auf dem Altar der totalen Veräußerung geopfert worden ist.

Die meisten jungen Menschen wünschen sich laut Umfragen, ihr Leben als Influencer zu verbringen. Als Werbefläche für alles, was man früher an Plakatwände klebte oder in der Presse auf Anzeigenseiten feilbot. Dass alles Erstrebenswerte Anstrengung braucht – wie altmodisch ist das denn? Wo man doch endlos Urlaub und Abenteuer geschenkt bekommen kann, für die man sogar noch bezahlt wird und die einen zum Social-Media-Star machen, mit Millionen Followern? Worauf es noch mehr Geld regnet für alles, was man empfiehlt? Wer clever ist, hat vor dreißig seine erste(n) Million(en), ohne sich je die Hände schmutzig gemacht zu haben. Dass statt der Hände die Seele davon schmutzig wird, ignorieren sie tapfer. Zu verlockend ist das leichte Leben im Überfluss, als dass man es hinter sich lassen will, selbst wenn die ständige Selbstdarstellung zwecks Vermarktung einer Klamotte, einer Tasche oder eines Turnschuhs einen irgendwann ankotzt. Das postet man natürlich auf keinen Fall.

Schule statt Selbstdarstellungsbühne

Gehen wir nun auf eine Reise in die unbekannte Wirklichkeit: Stellen Sie sich vor, dass jeder Mensch, bevor er geboren wird, noch im Jenseits seinen Lebensplan gezeigt bekommt und „Ja“ sagt dazu. In diesem Plan sind die wichtigsten Eckpunkte des kommenden Lebens vermerkt: Welche Eltern, wie viele Geschwister, Milieu, Beruf, Ehe ja oder nein und mit wem (wer also der/ die „Richtige“ ist), Kinder ja oder nein und wie viele. Und dazu noch, welche Prüfungen man wird bestehen müssen. Wobei es da zwei Wege zum Lernen gibt: Erstens: jenen der Lernwilligkeit. Hierbei lernt man ganz freiwillig etwas aus jeder Erfahrung und integriert dieses ins Gerüst des weiteren Daseins. Zweitens, die Lernunwilligkeit. Hier liebt man den Status Quo und möchte, dass man sich nicht im Geringsten verändern muss. Erfahrungen weicht man aus, Entscheidungen vermeidet man wider die innere Stimme, die einem eigentlich sagt, was zu tun ist. In diesem Fall kehrt die Erfahrung, die nun zur Prüfung geworden ist, nach etwa sieben Jahren zurück. Diesmal mit spürbar stärkerer Dringlichkeit. Weicht man weiter aus und schiebt jede Veränderung auf die lange Bank, kommt sie erneut nach sieben Jahren; diesmal erheblich verschärft und mit Schicksalhaftem garniert: einer Kündigung, einer Scheidung, einer Krankheit, einem Verlust oder was es da noch an Schwierigkeiten gibt. Macht man die notwendigen inneren Entwicklungsschritte wieder nicht und verweigert sich den längst dringlichen Entscheidungen weiterhin, dann können wir mit dem „Erlkönig“ aus Goethes Gedicht sprechen: „Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.“ Irgendwann geht es dann ans Lebendige oder zumindest an die Gesundheit.

Stellen wir uns also vor, das Leben würde so funktionieren (unter uns gesagt: Es funktioniert tatsächlich so!). Und dann wird man Influencer. Ob dieser „Beruf“ im „Himmel“ überhaupt vorgesehen ist? Dieser vermeintliche Fluchtweg aus des Lebens Anstrengungen hinein in ein ewiges, warmes, perlendes Schaumbad? „Guten Tag. Ich möchte gerne Influencerin, pardon Content Creator (Inhaltsgestalter) werden. Bitte gebt mir eine sagenhafte Figur, ein bildschönes Gesicht, Haare bis zum Popo und das verführerischste Lächeln der Welt, damit ich nie wirklich arbeiten muss, mein ganzes Leben lang!“ Hm. Vielleicht würde man gefragt: „Und wozu soll das gut sein?“ – „Es würde mich glücklich machen bis ans Ende meiner Tage, und man lebt doch, um sein Glück zu finden!“ Und worin liegt dieses Glück? „Schön, reich und berühmt zu sein.“ Welch tragischer Irrtum!

Harte Landung in der Wirklichkeit

Nadine Breaty ist schön, reich und berühmt. Sie ist eine der reichweitenstärksten deutschen Influencerinnen. Die 25-jährige Rostockerin hat laut Wikipedia um die 12 Millionen Follower auf der Plattform TikTok, 4,6 Millionen auf Youtube und 1,1 Millionen Follower auf Instagram.

Nadine leidet an Piebaldismus, einer vererblichen Pigmentstörung, die eine graue Stirnlocke verursacht und weißliche Flecken auf der Haut, ähnlich dem Vitiligo-Syndrom. Dafür wurde sie in der Schule arg gemobbt, was bei ihr eine Borderline-Störung auslöste. Eigentlich würde sie einen geregelten Alltag mit wenig Veränderungen benötigen, um ihre Gefühlsanfälle im Zaum zu halten, doch „the Show must go on“. Ist man erst mal erfolgreich auf Social Media, muss man das Publikum praktisch nonstop füttern mit wenige Sekunden kurzen Filmclips und Bildern aus dem eigenen inszenierten Leben. Macht man mal drei Tage Pause, hat man leicht schon ein paar Zehntausend Follower verloren, wie ein Instagram-Star klagt.

Nadine Breaty rafft sich auch Tag für Tag auf, obwohl ihr Alltag höllische Komponenten hat: „Stell dir das schlimmste Gefühl vor, das du je gehabt hast, und dann das siebenmal pro Tag bei Alltagssituationen.“ Das ist die tägliche Borderline-Realität dieser jungen Frau, die acht Monate im Jahr auf Ibiza verbringt und täglich etwa fünfzig Videos postet.1 Manche dieser Clips sind etwas verstörend bis gruselig. Nadine sagt: „Es ist wie so ein kleiner Dämon, der dann aus mir rauskommt, an den ich mich dann wirklich auch verliere und der dann wirklich auch nicht mehr ich selbst bin, und ich dann Dinge tue, die nicht mehr ich selbst bin.“2 Ihre Krankheit Borderline ist geprägt von Impulsivität, raschen Stimmungswechseln, instabilen Beziehungen und einem schwankenden Selbstbild aufgrund gestörter Selbstwahrnehmung. Hinzu kommen auch selbstschädigendes Verhalten, Gefühle innerer Leere, Dissoziationserlebnisse und starke Angst vor dem Verlassenwerden. Die BPS tritt häufig gemeinsam mit weiteren psychischen Störungsbildern auf. Dazu zählen u. a. Depressionen, die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), Essstörungen, andere Persönlichkeitsstörungen und Substanzmissbrauch.

Doch nicht nur Nadine, auch viele andere junge Influencer leiden unter dem Druck. „Man ist nicht mehr sich selbst, man sieht sich als eine andere Person, die halt Views kreieren muss. Man denkt es sich nicht, aber fast jeder Creator geht zur Therapie“, gibt TikTokerin Laura auf RTL preis. Und TikToker Adil Sbai sagt: „Abschalten ist ein schwieriges Thema; das führt so weit, dass wir inzwischen Psychologen angestellt haben, die sich um uns kümmern und mit Techniken arbeiten, wie wir das Berufliche besser händeln können und diesen Druck auch besser verarbeiten.“

Quellenangaben