Gehirntraining: Merken statt Löschen

Führt ein digitales Leben tatsächlich zu einem schlechteren Gedächtnis? Wie wir die grauen Zellen kitzeln können, um unabhängiger von externen Datenspeichern zu werden.

Es gibt Mittel und Wege, der schädlichen digitalen Reizüberflutung vorzubeugen.

Nun hab’ ich ja schon immer ein schlechtes Gedächtnis gehabt. Wie oft wurde meine Bankkarte gesperrt, weil ich so davon überzeugt war, die richtige Geheimzahl zu haben, dass ich sie dreimal voll Zuversicht eingegeben habe. (Den richtigen Pin zwar, aber die falsche Karte.) Oder die Passwörter, die für jede Seite anderen Anforderungen genügen müssen – mal kürzer, mal länger, mal mit, mal ohne Sonderzeichen – und die wir uns irgendwie einprägen sollten, wollen wir sie nicht einem digitalen „Passwort-Tresor“ anvertrauen. Die Handynummer meines Ex konnte ich mir seinerzeit nur deshalb merken, weil ich sie so oft genervt gelöscht habe, um sie wenige Wochen später wieder neu einzuspeichern. Termine, die ich nicht aufschreibe, landen im Nirgendwo, und Menschen muss ich dreimal treffen, bevor ich sie mental abspeichere. Dabei kann ich noch heute (wenn ich mich so sehr konzentriere, dass mir Qualm aus den Ohren kommt) Grundschulkinder im Memory schlagen ... was allerdings nicht an meinen kognitiven Fähigkeiten, sondern vielmehr an ihrem kollektiven ADHS liegen könnte.

Nun glaube ich, dass es nicht nur mit meinem, sondern unser aller Gedächtnis schlimmer wird, und vermute, dass das Alter nicht unbedingt als Ausrede dafür herhalten kann. Es gibt Ältere mit besserem Gedächtnis, und diese machen sich meist über die Jüngeren lustig und darüber, wie die sich von Apps das Denken abnehmen lassen. Das digitale Leben lässt das Gehirn verkümmern – so scheint es auf den ersten Blick. Und viele von uns kennen wohl Teenager, die genau diese Behauptung zu beweisen scheinen. Aber stimmt das tatsächlich? Zermürbt das digitale Leben unsere Gedächtnisleistung?

Digitale Überforderung

Gleich vorneweg: Gedächtnis- und Gehirnleistung sind nicht dasselbe. Die Kapazität unseres Gehirns verschlechtert sich nicht, vielmehr verändert sich die Art und Weise, wie wir Informationen verarbeiten und speichern. Unser Gehirn hat sich in den letzten Jahrhunderten rein biologisch kaum verändert. Was sich dagegen massiv verändert hat, sind unsere Umwelt und die Art der Anforderungen, die das moderne Leben an uns stellt. Wir können vielleicht keine Telefonnummern mehr auswendig und tun uns schwer damit, einen Stadtplan zu lesen, aber wir können mehr selektieren und verknüpfen. Wir lernen, wie wir mit hochkomplexen Technologien zurechtkommen, um sie als externen Speicher nutzen zu können. Wir müssen sehr viele kognitive Mikro-Fähigkeiten gleichzeitig beherrschen, um mit unserem Alltag zurechtzukommen: Informationsbewertung, Priorisierung, digitale Kompetenz, soziale Navigation. Dafür müssen wir auf weniger aktives Wissen in unserem internen Gedächtnisspeicher zugreifen, das stimmt. Aber wir müssen lernen, wo und wie wir Zugriff auf das ausgelagerte Wissen bekommen, wenn wir es brauchen. Es ist kein Spaziergang, sich unter all diesen Werkzeugen zurechtzufinden, die uns das Leben – beziehungsweise die Organisation dessen – angeblich leichter machen. Man spricht in diesem Zusammenhang gern von „kognitiver Belastung“, „Information Overload“ oder „digitaler Amnesie“.

Die Theorie der kognitiven Belastung beschreibt die Menge der mentalen Ressourcen, die das Arbeitsgedächtnis zu einem bestimmten Zeitpunkt benötigt, um Informationen zu verarbeiten. Sie misst also die Beanspruchung des Gehirns. Dabei wird zwischen intrinsischer Belastung (wie schwer ist der Stoff?), extrinsischer Belastung (wie lernfreundlich wird er präsentiert?) und lernbezogener Belastung (wie lernen wir?) unterschieden. John Sweller, der diese Theorie entwickelt hat, verfolgte das Ziel, durch Didaktik die extrinsische Belastung zu minimieren, damit das Arbeitsgedächtnis nicht überfordert wird und mehr Ressourcen für das eigentliche Lernen zur Verfügung stehen.

Sonst könnte passieren, was als „Information Overload“ bezeichnet wird: ein Zustand, in dem uns mehr Daten überfluten, als wir aufgrund unserer mentalen Kapazität verarbeiten können. Wenn wir zu viel Informationen gleichzeitig bekommen, sinkt unsere Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und gute Entscheidungen zu treffen. Wenn wir in dieser hohen kognitiven Belastung stecken, empfinden wir die Situation als massiven Stress. Wenn unsere kognitive und emotionale Belastbarkeit anhaltend überstiegen wird, landen wir irgendwann im Burnout.

Digitale Amnesie (der „Google-Effekt“) wiederum bezeichnet ein Verhalten: nämlich die aktuell vorherrschende Tendenz, Informationen mal eben zu „vergessen“, weil wir ja wissen, wie wir sie jederzeit digital abrufen können. Es wird also nicht die Information gespeichert, sondern der Weg zu ihr. Indem wir Wissen weniger tief im Langzeitgedächtnis verankern, entlasten wir das Gehirn. Die Risiken dabei: Wir arbeiten zwar effizienter und können so komplexere Aufgaben bewältigen, schwächen mit dieser Strategie aber langfristig die internen kognitiven Fähigkeiten, da uns die Übung fehlt. Zudem machen wir uns von externen Systemen abhängig – mit fatalen Folgen, die jeder bestätigen kann, der schon einmal sein Handy verloren hat.

Unterm Strich haben wir subjektiv das Gefühl, mehr zu vergessen, obwohl unser Gedächtnis objektiv nur anders organisiert ist. Also Entwarnung? Leider nicht. Ob diese strukturelle Verschiebung kognitive Ressourcen freisetzt, was zu besserem Denken führt, oder langfristig unsere Lernfähigkeit schwächt, ist noch nicht geklärt. Unsere Aufmerksamkeit beim Abspeichern von Informationen, wenn es sich denn nicht vermeiden lässt, ist zudem schlechter geworden, weil wir schlicht mehr Ablenkung haben. Wir tun uns schwerer damit, Informationen in der Tiefe zu verarbeiten, weil wir zu viel gleichzeitig tun wollen oder müssen. Häufige Unterbrechungen, Ablenkungen oder Multitasking (was sich längst als Mythos herausgestellt hat) stressen und belasten uns, denn unsere Verarbeitungskapazität hat Grenzen. Unterm Strich können wir Wissen ohne Hilfsmittel schlechter abrufen, weil wir diese Fähigkeit weniger trainieren.