Oasen der Stille

In der Stille öffnet sich das Tor zum inneren Frieden, ja sogar zur Göttlichkeit. Doch wie finden wir in einer Welt, in der unsere Aufmerksamkeit als kommerzieller Faktor hoch gehandelt wird, den Zugang zu dieser Stille?

Leg das Lieblingsspielzeug beiseite und beruhige deinen Geist!

New York, August 1952, Weltpremiere eines extrem avantgardistischen Klavierkonzerts von John Cage. Kein einziger Ton erklingt während „Vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden Stille“. Das Publikum wundert sich, sinniert im idealen Fall aber auch darüber, wie aus Stille Musik wird oder ob Stille vielleicht sogar selbst Musik darstellen könnte. Der Musiker und Komponist von 4'33" hatte eine Offenbarung, als er an einem Ort der vermeintlich absoluten Stille, in einer schalldichten und echolosen Halle der Universität von Harvard, einen hohen und einen tiefen Ton wahrnahm: sein Nervensystem und seinen Blutkreislauf. Cage erkannte: „An dem Tag wurde mir eindeutig klar, dass jegliche Stille bis zu meinem Tod ausgeschlossen ist.“ Es gibt, so Cage, Geräusche, die man nicht mag und als Lärm empfindet, und andere, die man mag und deshalb als Musik wahrnimmt. Aber es gibt keine Stille, solange es jemanden gibt, der sie hören könnte und dabei selbst Quelle von Geräuschen ist. Das Publikum seines einzigartigen Stücks konnte, wenn es sich von seiner Erwartungshaltung gelöst und wirklich gelauscht hat, eine Symphonie von Atmen, Flüstern, von Bewegung und Umgebung wahrnehmen. Was an das alte Koan1 aus dem Zen-Buddhismus erinnert: Wenn ein Baum im Wald umfällt und niemand ist da, um es zu hören – macht der Baum dann ein Geräusch?

Eine weitere Frage sei erlaubt: Wenn es tatsächlich nichts gäbe, was wir als Stille wahrnehmen könnten – wie kommt es dann, dass wir alle sie kennen und individuell ersehnen oder fürchten?

Stille und Aufmerksamkeit

Ist Stille tatsächlich nur die Abwesenheit von Lärm? Viele Menschen lassen sie in „stillen Momenten“ von Walgesängen, Wasserplätschern oder dem Wind in den Weiden vertreiben. Weil sie sie nicht aushalten – oder weil sie mit diesem „weißen Rauschen“ einfach andere, störende Geräusche übertönen wollen? In diesem Artikel ist mit Stille ein Zustand von Ruhe und Fokus gemeint, von Muße und Nichtstun, von Absichtslosigkeit und Ablenkungsfreiheit. Ein Moment, in dem wir uns unserer Aufmerksamkeit bewusst sind und gezielt entscheiden, worauf wir sie richten und was wir aus ihr entlassen. Im Begriff der Stille vermischen sich sensorische wie auch spirituelle Aspekte, und Gleiches gilt für unseren Umgang damit. Stille stellt nämlich das genaue Gegenteil unseres aktuellen Lebensentwurfs dar, der geprägt ist von Reizüberflutung und permanenter Erreichbarkeit. Wir haben teil, wir nehmen wahr, wir sind vernetzt und jederzeit wie auch überall virtuell präsent – und lenken uns damit permanent von uns selbst und jeder Möglichkeit innerer Ruhe ab. Wenn wir die Stille vollkommen aus unseren Leben verbannen wollten, könnten wir nichts Besseres tun, um dieses Ziel zu erreichen, als so zu leben, wie wir gerade leben.

So verlieren wir den Kontakt zu uns selbst, ganz zu schweigen von unserem Höheren Selbst oder dem wahren Sein, indem wir unsere eigenen Gedanken im permanenten Hintergrundrauschen untergehen lassen. Wir können das, was wir geträumt oder in uns wahrgenommen haben, nicht mehr von dem unterscheiden, was wir im Außen gesehen oder gehört haben. Irgendwann ist es uns dann nicht mehr möglich, das wirklich Wichtige und Essenzielle vom Banalen zu trennen. Auch deswegen lässt sich kaum noch zwischen Information und Unterhaltung unterscheiden.

Unsere Aufmerksamkeit stellt eine sehr begrenzte Ressource dar und ist darum umso kostbarer. Wir können schließlich nur das kaufen und konsumieren, was wir wahrnehmen – weshalb die Stimmen der Marktschreier immer lauter werden, allen voran die virtuellen. Wir sind so vernetzt, dass jeder, der ein Interesse daran hat, zu erfahren, was uns interessiert, wofür wir Geld ausgeben und wo wir uns aufhalten, das ohne Probleme herausfinden und dazu nutzen kann, sein Produkt und seine Agenda zwischen uns und die Wirklichkeit zu schieben.

Aufmerksamkeit ist ökonomisches Kapital und soziale Währung. Sie ist das Medium, über das wir unsere wertvolle Lebenszeit in die Welt fließen lassen – und umgekehrt auch in unvorstellbarer Weise von dieser beeinflusst werden. Wer die Nutzung unserer Zeit kontrolliert, kontrolliert unsere Lebensentwürfe und Gedankenmuster. Erinnert sich noch jemand an die Grauen Herren in Michael Endes Roman Momo?

Quellenangaben

  • 1 Ein Koan ist eine paradoxe Frage.