Transgenerationales Trauma gibt es in den meisten Familien. Unentdeckt belastet es Kinder und Kindeskinder. Wesentlich ist also, sich dazu zu befähigen, es als solches zu erkennen. In diesem Prozess offenbart sich ganz wie von selbst eine nächste Gelegenheit, sich in den Fluss göttlicher Liebe zu stellen.

Traumas sind oft generationenübergreifend und werden an die Nachkommen weitergegeben.
Ich kenne Carla seit bald neun Jahren, wir sind befreundet, teilen die Begeisterung für die Malerei und für Flohmärkte. Sie hat mir erlaubt, hier ihre Geschichte zu erzählen. Zu ihrem Schutz habe ich ihren Vornamen geändert. Carlas Geschichte ist die eines Kindes, das sich nie zu ihrer Familie zugehörig fühlte. Besonders zu ihrem Vater verspürte sie eine große, schwer zu überwindende Distanz, ohne zu wissen, warum. Er habe sie behandelt wie eine Aussätzige, die anderen drei Geschwister immer bevorzugt. Sie habe sich stets gefragt, was an ihr falsch sei. Der Eindruck, abgelehnt zu sein, fraß sich tief in ihre Seele hinein und wurde zu einem grundsätzlichen Gefühl in ihrem Leben.
Kurz nach ihrem 32. Geburtstag machte Carla eine Entdeckung, die ihr Leben verändern sollte. Ihr Großvater war gerade verstorben, in einer alten Kommode fand sie ein Bündel Briefe – und damit die Wahrheit über ihre tatsächliche Herkunft heraus. Es waren ihr Großvater und ihre Mutter, die sich diese Briefe geschrieben hatten, ganz so, als seien sie ein normales Liebespaar. Carla war fassungslos. Was nur hatte das zu bedeuten? Erst stieß sie auf eine beharrliche Mauer des Schweigens, Vater und Mutter verweigerten ihr partout eine Antwort. Schließlich brachte eine Tante Licht ins Dunkel: Carlas Mutter, damals 20 Jahre alt, und ihr eigener Vater hatten sich ineinander verliebt. Aus dieser Beziehung entstand eine Tochter; Carla ist das, was man ein Inzest-Kind nennt.
Sie ist also nicht die Tochter ihres bisher angenommenen Vaters, sondern die ihres Großvaters – insofern ist ihre Mutter auch ihre Halbschwester. Einerseits sei Carla schockiert gewesen, erschüttert bis auf den Grund ihrer Seele. Andererseits hätte sie das Gefühl gehabt, es schon längst gewusst zu haben, irgendwo tief innen drin. Schon bald fühlte sie sich erleichtert, weil ihr nun klar wurde, wie alles zusammenhing. Sie konnte sich endlich erklären, warum ihr Vater sie immer auf Abstand gehalten hatte, warum sie sich immer wie ein Fremdkörper in der Familie gefühlt hatte. Er musste sich wohl, so folgerte sie, von Anfang an entschlossen haben, das „fremde“ Kind zwar mit aufzuziehen, aber keinesfalls zu lieben.
Dass Carla einem großen Familiengeheimnis auf die Spur gekommen war, tat natürlich weh, aber es setzte bei ihr auch lang ersehnte Heilungsprozesse in Gang. Man darf nie vergessen: Ein Geheimnis steht immer zwischen den Betroffenen und kann deren Verhältnis auf Dauer stören, so wie es auch hier gewesen ist, und kann zudem anderweitig enormen, vor allem psychischen Schaden anrichten. Vertrauen und Intimität können unter anderem zerstört, persönliches Wachstum verhindert werden. Familiengeheimnisse sind wie eine Last, die niederdrückt und den Gang durch das Leben erschwert. Nicht selten haben auch Krankheiten wie Depressionen oder Beschwerden wie Schlaflosigkeit dort ihren Ursprung.
Doch niemand steht in einem Verwandtschaftsgeflecht alleine, daher hat das, was Carla enthüllen konnte, auch Auswirkungen auf alle anderen in ihrem familiären Umfeld. Man muss sich das vorstellen wie mit einem Mobile – wird dort etwas verändert, also hinzugefügt oder weggenommen, dann verändert sich das ganze Gefüge. Wird ein Schweigen gebrochen, kommen Dinge aus dem Dunkel ans Licht, ist das nicht nur für den Betroffenen selbst, sondern auch für andere Familienmitglieder eine Erleichterung und kann neue Prozesse anstoßen. Wäre das Familiengeheimnis allerdings weiterhin eines geblieben, dann wäre nichts in Gang gekommen. Mehr noch: Dann hätte Carla die schwere Last des Geheimnisses an ihre Nachkommen vererbt – mit fatalen Folgen. Denn, ja: Erben kann man nicht nur Häuser, Autos und Millionen, sondern eben auch Traumata. Der psychologische Fachbegriff lautet: transgenerationale Traumatisierung oder transgenerationale Traumaweitergabe. Aus spiritueller Sicht ist ein transgenerationales Trauma ein energetisches, ein seelisches Erbe, das über Generationen weitergegeben wird. Es zeigt sich etwa als karmische Verstrickung, Seelenlast oder Blockade im feinstofflichen Energiefeld der Familie.
Haben also Menschen im Laufe ihres Lebens bestimmte belastende Situationen – oft handelt es sich um Traumata – nicht verarbeitet beziehungsweise schweigen darüber, kann sich das auf die Nachkommen mindestens ebenso belastend auswirken. Die Krux ist also: Auch Leiden, über das man keine Kenntnis hat und Traumata, die man selbst überhaupt nicht durchlebt hat, wirken pathogen, also potenziell krankmachend. Betroffene können eine unerklärliche Traurigkeit in sich tragen oder diffuse Ängste. Sie quälen sich mit grundlosen Schuldgefühlen oder erleben ein wiederkehrendes Gefühl von Verlorenheit oder Leere.
Häufig kommt es vor, dass Betroffene sich mit der Regulierung und Einordnung ihrer Emotionen schwertun.
Wer was auf wen überträgt, ist nicht vorhersehbar. Damit gehört dieses ganz besondere Vererbungsprinzip zu den großen Geheimnissen unter uns Menschen. So können sich vom Großvater über den Vater bis hin zu seinem Enkel ähnliche, ursprünglich auf einem Trauma basierende Verhaltensmuster zeigen oder von der Großmutter über die Mutter bis zur Enkelin oder auch „kreuz und quer“, denn das Erbe erfolgt nicht nur auf gleichgeschlechtlicher Linie und kann überdies auch mal eine, zwei oder gar mehrere Generationen überspringen. Je weiter das Trauma in der Ahnenreihe zurückliegt, desto schwieriger ist es natürlich, dem auf die Spur zu kommen. Anzeichen sind oft Verhaltensmuster, die sich andere nicht erklären können. Oder die einen selbst vor ein Rätsel stellen. Nachkommen können unter anderem Schuld und Scham erleben, ohne zu wissen, woher diese Gefühle eigentlich stammen. Es fühlt sich oft an wie ein Fremdkörper und zugleich wie etwas, das ganz wesentlich zu einem gehört.

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