Dauernd müde? Chronische Schmerzen? Ursache unbekannt?

Die essenzielle Bedeutung der Mitochondrien als Energiequelle für unsere Körperzellen ist den meisten bekannt. Die neueste Forschung zeigt jedoch, dass diese Zellkraftwerke darüber hinaus die Abwehrreaktionen unseres Immunsystem steuern und jener bislang unbekannte zentrale Baustein sind, der sämtliche Heilungsprozesse in unserem Körper überhaupt erst ermöglicht – oder aber verunmöglicht, falls zu viele Mitochondrien geschwächt sind.

Wer kennt das nicht: Da schnappt man einen Infekt auf und zusätzlich zum Halsweh und den Gliederschmerzen ist auch alle Energie dahin. Dass wir uns aufgrund von Energiemangel förmlich durch den Tag schleppen, kann aber auch passieren, wenn wir kräftig gefeiert und dabei vielleicht ein bisschen zu viel Alkohol getrunken haben. Der Grund für den plötzlichen Energiemangel ist beide Male derselbe: Die Mitochondrien in unserem Körper – unsere Zellkraftwerke – haben die Energieproduktion abgeschaltet. Beim Infekt wurde dieses Abschalten durch Entzündungsstoffe ausgelöst, im Falle der feuchtfröhlichen Feier durch das Zellgift Alkohol. Der Forscher Dr. Robert Naviaux von der University of California in San Diego beschrieb als Erster diese Abschaltreaktion unserer Mitochondrien. Er verwendete dafür den Begriff „Cell Danger Response“ (CDR), also in etwa die Antwort der Zelle bei drohender Gefahr. Diese Antwort besteht darin, dass bei einer Belastung durch Entzündungsstoffe oder Gifte die Aktivität der Mitochondrien so weit heruntergefahren wird, dass uns viel weniger Energie in Form von ATP – Adenosintriphosphat, der „Energiekraftstoff“, den unsere Mitochondrien produzieren – zur Verfügung steht. Der Energiemangel durch einen Infekt oder Kater ist zwar unangenehm, aber vorübergehend. Anders ist das beim ständigen Energiemangel und Krankheitsgefühl, welche chronische Erkrankungen begleiten.

Die „Blackbox“ der Heilung verstehen

Wir haben enorme Entwicklungen in der modernen Medizin erlebt und es gibt wohl kaum jemanden, der in einem akuten Erkrankungsfall nicht gerne auf diese Errungenschaften zurückgreifen möchte. Die medizinische Versorgung akuter Krankheiten ist meist auf die Entfernung des krankheitsauslösenden Faktors ausgerichtet (Erreger, Toxin, Verletzung). Dies hat zur Folge, dass das Krankheitsbild und die Behandlung einen mechanistisch angehauchten Aspekt haben. Die Erfolge gaben dieser Betrachtungsweise recht und so konnte sich eine komplexere Sichtweise, welche für die Behandlung chronischer Krankheiten nötig wäre, kaum durchsetzen.

Eines müssen wir uns jedoch klarmachen. Die Erfolge der Akutmedizin beruhen immer darauf, dass nach der Entfernung des Auslösers der Organismus selbst die Heilungsarbeit leistet. Dies wird als gegeben angesehen im Sinne von: „Der Arzt kuriert, die Natur heilt.“ Naviaux nennt diesen Heilmechanismus die „Blackbox“, weil seine Funktion unbekannt geblieben ist. Bei akuten Krankheiten können wir uns in der Regel auf die Mitarbeit dieser Blackbox verlassen. Doch neue Erkenntnisse zeigen: Bei chronischen Erkrankungen ist die Blackbox Teil des „Problems“.

Kern der Blackbox, also der Heilung, ist die oben erwähnte „Cell Danger Response“, die Antwort der Zelle auf verschiedenste Belastungen. Wie sich herausstellt, sind es die Mitochondrien, die in diesem uralten genetisch fixierten Prozess die Rolle des Dirigenten innehaben. Um den Krankheitsprozess abzuschließen und zur gesunden Ausgangslage zurückzukehren, müssen drei Phasen mit drei unterschiedlichen Mitochondrien-Funktionen in exakter Weise und Reihenfolge ablaufen. Diese Phasen werden als Entzündung (M0), Proliferation/Wachstum (M1) und Differenzierung mit maximaler Energieausbeute (M2, der Normalzustand, anti-entzündlich) bezeichnet. Wenn dieser dreiphasige Prozess irgendwo hängen bleibt, kommt es zu chronischen Erkrankungen.

Über 99 Prozent der Akuterkrankungen werden durch die Entfernung des Auslösers und einer funktionierenden Blackbox zur Heilung gebracht. Diesen Verlauf kennen wir zum Beispiel von einer schweren Lungenentzündung, die nach einer Antibiotikagabe und Ruhephase vollständig ausgeheilt ist. Die Entfernung des Erregers der Lungenentzündung reichte komplett aus, um diesen Prozess zu ermöglichen. Bei einem durch übermäßige Sonneneinstrahlung ausgelösten Hautkrebs würde jedoch niemand erwarten, dass das Meiden von UV-Strahlen ausreicht, um eine Heilung einzuleiten. Bei chronischen Entzündungen und dauerhaft belastenden Umwelteinflüssen ist die Lage ähnlich wie beim Hautkrebs. Die meisten Patienten, die mich im Laufe meiner über 20-jährigen Tätigkeit als Arzt aufsuchten, litten wohl an einer chronisch blockierten Blackbox. Sie fühlten sich krank, waren müde, hatten Konzentrationsstörungen, Schmerzen, Muskelverspannungen, Blähungen, Verdauungsstörungen oder Allergien.

Was ist eine Entzündung?

Gemeinhin wird darunter meist eine Erkrankung verstanden, die durch einen Erreger (Virus, Bakterium etc.) ausgelöst wird. Die Entzündungsreaktion ist jedoch eine allgemeine Reaktion, die auch ohne Erreger auftritt wie beispielsweise bei entzündeten Sehnen oder Gelenken. Oft lassen sich diese Entzündungen durch Kalkablagerungen im Röntgenbild erkennen. Eine gereizte oder entzündete Zelle wird von Kalk (Kalzium) überschwemmt, weil dieser vermehrt in die Zelle einströmt und nicht genügend Energie in Form von ATP vorhanden ist, um das Kalzium wieder hinauszupumpen. Eine Entzündungsreaktion ist oft von vermehrter Durchblutung mit Rötung, Wärme und Schwellung gekennzeichnet. Schmerzen sind ebenfalls typisch. Der Körper mobilisiert auch ohne Erreger Abwehrzellen, um am Ort des Geschehens aufzuräumen. Der Schmerz sorgt für Schonung, und bei einer gesunden Ausgangslage kommt es auch ohne Behandlung zu einer spontanen Ausheilung.

Bei einer chronischen Entzündung ist dieser Prozess jedoch gestört. Die Störung sitzt dabei in einzelnen Zellen eines Gewebes fest. Sie können sich die Zellen wie ein Mosaik aus gesunden und gestörten Zellen vorstellen. Die Symptome treten daher unklarer auf. Schmerzen kommen und gehen, und die anderen Entzündungszeichen wie Schwellung, Wärme und Rötung fehlen manchmal sogar ganz. Dies macht die Diagnose einer chronischen Entzündung schwierig.

Wenn Sie unter „springenden“ Schmerzen, Mattigkeit und Verdauungsbeschwerden leiden, könnte das ein Hinweis für eine anhaltend blockierte Heilreaktion sein. Ihr Ziel muss es dann sein, immer mehr betroffene Zellen aus dem Entzündungszustand herauszuführen, bis sich das Mosaik auflöst und das betroffene Gewebe wieder normal funktioniert.

Weil sich ihre Laborwerte jedoch meistens trotzdem im Normbereich befanden, wurden diese bedauernswerten Menschen von ihren Hausärzten mit den Worten „Sie sind gesund“ nach Hause geschickt oder an einen Psychologen überwiesen. Heute weiß ich, dass meine Patienten nicht Hypochonder, eingebildete Kranke, sondern Mitochonder waren. Die teilweise Abschaltung der Energieproduktion in den Mitochondrien aufgrund eines blockierten Heilprozesses bescherte diesen Patienten einen permanenten Energiemangel, mit dem manche über Jahrzehnte zurechtkommen mussten. Wenn man selbst nicht betroffen ist, fällt es einem manchmal schwer, das Leiden der Mitochonder zu verstehen. Stellen Sie sich einfach einen monatelangen Kater mit Mattigkeit und übersteigerter Empfindlichkeit gegen Lärm und helles Licht vor, dann wissen Sie ungefähr, wie sich ein Betroffener fühlt. Auch Hitze und Menschenmengen vertragen Mitochonder schlecht, und ich wette, dass sie lieber in nördliche Gefilde reisen und dort die Natur als Erholungsquelle genießen.

Doch die verringerte Energieausbeute war nur eine Seite des Problems. Hing der Heilungsprozess (CDR) bei einem Patienten in der entzündlichen Phase fest, dann wurden schon bei kleinsten Reizungen immer wieder neue Entzündungsprozesse losgetreten, die durch ihre sprunghaft wechselnden Beschwerden den Verdacht einer psychischen Ursache zu erhärten schienen. War die CDR aber in der Wachstumsphase stecken geblieben, so waren Tumorerkrankungen eine mögliche Folge.

Dass sich aus einem Zustand der körperlichen und geistigen Gesundheit eine chronische Erkrankung entwickelt, liegt oft an einer Bündelung von verschiedenen Störfaktoren wie Infekten, elektromagnetischer Strahlung, Umweltgiften, Ernährungsfehlern und seelischen Belastungen sowie bestehenden genetischen Veranlagungen. Der Versuch, einzelne dieser Störfaktoren zu identifizieren und zu eliminieren, ist zwar ehrbar und auch notwendig, reicht jedoch meist nicht aus, um die Heilungsblockade zu überwinden. Dr. Naviaux sagt: „Bisher haben wir nur das erste Buch der Medizin zur Verfügung gehabt. Das zweite Buch wird erst geschrieben, wenn wir die „Blackbox“, also den Heilungsprozess, vollständig verstehen und so steuern können.“ Er nennt diesen Prozess die Salutogenese und stellt diese der Pathogenese, also der Erforschung der Krankheitsentwicklung, entgegen.

Der zentrale Baustein

Doch lassen Sie uns zunächst die Mitochondrien genauer unter die Lupe nehmen. So wie die Gesundheit der Bienen den Zustand unseres Ökosystems aufzeigt, so zeigen die Mitochondrien den Gesundheitsgrad unseres Körpers. Die Mitochondrien messen andauernd die Zusammenstellung aller chemischen Bestandteile der Zelle, den Sauerstoffgehalt, die Temperatur, den pH-Wert, den Nährstoffgehalt und die Energielage unseres inneren Ökosystems. Aufgrund ihrer „Messungen“ senden sie laufend Signale an den Zellkern, weitere Zellbestandteile sowie andere Mitochondrien und passen so den Stoffwechsel der Zellen an die herrschenden Bedingungen an.

Nun stellen Sie sich vor, die Wissenschaft würde eine Biene isoliert im Labor untersuchen. Wäre es möglich, am Beispiel dieser einen gefangenen Biene die Rolle zu verstehen, welche die Bienen in der Natur einnehmen? – Über Generationen hinweg studierten Wissenschaftler die Mitochondrien, indem sie diese aus ihrem Umfeld entnahmen und einzeln analysierten. Sie entdeckten so zwar immerhin schon über fünfhundert verschiedene Mitochondrien-Funktionen. Aber solange wir die Mitochondrien nicht in ihrem Funktionsgefüge studieren, können wir ihre Bedeutung nicht voll verstehen. Die allgemein bekannte Funktion der Energieerzeugung mit Sauerstoffverbrauch und ATP-Produktion ist denn tatsächlich auch nur ein kleiner Teil der Aufgaben der Mitochondrien. Als vor ein bis zwei Milliarden Jahren ein kleines Proteobakterium, das Sauerstoff zur Energiegewinnung nutzen konnte, von einem größeren Archaebakterium geschluckt – aber nicht verdaut – wurde, war der Grundstein für alles Leben auf unserem Planeten gelegt. Millionen Jahre später entstanden in der sogenannten kambrischen Explosion der Arten aus dem Pakt dieser beiden Bakterien die Vorväter aller Tiere und Pflanzen, die wir heute kennen. Mehrzellige Organismen wurden erst durch die effektive Energieproduktion der aus diesen Proteobakterien entstandenen Mitochondrien möglich. Während vieler Millionen Jahre war der evolutionäre Vorteil der mit Mitochondrien bestückten Ur-Bakterien jedoch nicht etwa die Fähigkeit zur Energieproduktion. Ihren Energiebedarf hätten diese Einzeller auch problemlos über die evolutionär ältere Glykolyse, den Abbau von Zucker mittels Enzymen, decken können (vorausgesetzt, es gab genügend Nährstoffe). Es war vielmehr die zweite Hauptfunktion unserer Mitochondrien, welche sich in dieser Zeit entwickelte und zum Überleben unserer Zellvorfahren beitrug, nämlich ihre Abwehrfunktion.

Wandelbare Mitochondrien

Die Fähigkeit, sich selbst zu verteidigen, ist die existenzielle Basis einer jeden Lebensform. Unsere Vorfahren mussten Hungersnöte, harte Winter, Verletzungen, Infekte und Seuchen überleben; die Strategien dazu haben sie mit den Erbinformationen an uns weitergegeben. Unser Körper ist heute aber mit Belastungsfaktoren und Giften wie Lösungsmitteln, Schwermetallen, elektromagnetischer Strahlung, aber auch Alkohol oder „leeren“ Nahrungsmitteln mit schnell verfügbaren Kohlenhydraten und viel Zucker konfrontiert, denen unsere Vorfahren so nie ausgesetzt waren. Unsere Gene müssen also mit Umweltfaktoren zurechtkommen, für die unsere Vorfahren keine Strategie entworfen hatten. In der Folge haben Erkrankungen, die früher nur selten beobachtet wurden, zugenommen und ganz neue Erkrankungen tauchen auf.