Israeliten: Siebenmal am Bund mit Gott gescheitert

Sind die Juden von heute noch immer das „Auserwählte Volk“ und haben deshalb einen biblischen Anspruch auf weite Teile des Nahen Ostens? Da dieser Glaube die Weltpolitik beeinflusst wie nie zuvor, lohnt sich ein Blick in die Bibel. Denn Gottes Bund mit den Kindern Israels war stets an Bedingungen geknüpft.

Moses steigt mit den Zehn Geboten vom Berg Sinai herab und findet die Israeliten bei der Verehrung des Goldenen Kalbs vor (ca. 1450 v. Chr.).

Kurz vor dem Angriff auf den Iran am 28. Februar 2026 wurde der US-Botschafter in Jerusalem, Mike Huckabee, vom Journalisten Tucker Carlson während eines Interviews gefragt, ob die Israelis den ganzen Nahen Osten „vom Nil bis zum Euphrat“ von Gott erhalten hätten. Der ausgebildete Baptistenprediger und ehemalige Gouverneur von Arkansas antwortete wie aus der Pistole geschossen: „Es wäre in Ordnung, wenn sie sich alles nähmen.“

Das freut Israels Premierminister. Benjamin Netanjahu hatte nämlich ein diesbezüglich aufschlussreiches Interview gegeben. Allerdings auf Hebräisch, weshalb die Welt kaum Notiz davon nahm. Besagtes Gespräch wurde von dem in Tel Aviv ansässigen internationalen TV-Nachrichtensender i24news im August 2025 ausgestrahlt. Darin sagte Netanjahu, er fühle sich „sehr stark“ mit der Vision von Großisrael (Erez Israel) verbunden und glaube, dass er persönlich nicht bloß eine historische, sondern auch eine spirituelle Mission habe. Wenige Monate zuvor hatte das israelische Außenministerium eine angeblich tausende von Jahren alte Karte veröffentlicht, worauf ein jüdisches Königreich zu sehen ist. Es umfasst neben Israel, dem Westjordanland und dem Gazastreifen auch Teile Ägyptens, Syriens, des Libanon und Jordaniens.

Das ist Wasser auf die Mühlen der israelischen Rechten. Ob diese Vorstellung von Erez Israel tatsächlich stimmt, ist allerdings eine andere Frage. Seine größte Ausdehnung erreichte das historische Reich der Israeliten vor dreitausend Jahren unter König David und seinem Sohn Salomo. Darüber, wie groß dieses Reich tatsächlich war, streiten sich Historiker bis heute. Jedenfalls war es viel kleiner als die biblisch verbrämten Großmachtfantasien eines Erez Israel. Israel Finkelstein von der Universität Tel Aviv schätzt König Davids Herrschaftsgebiet auf rund 1'600 Quadratkilometer, ungefähr die Größe Berlins. Laut der israelischen Bibelarchäologin Einat Mazar waren es immerhin 15'000 Quadratkilometer, also fast das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein – oder die damalige, noch deutlich kleinere Fläche Israels bei seiner Gründung 1948. Netanjahu ist aber gewieft genug, seine territoriale Vorstellung von Großisrael nicht in konkrete Worte zu fassen. Das erledigen andere für ihn. Zum Beispiel der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich. Der nationalreligiöse Zionist und Vorsitzende der Partei Jüdisches Heim ist zuständig für den in letzter Zeit massiv vorangetriebenen Siedlungsausbau im Westjordanland. Dass dies gegen internationales Recht verstößt, kümmert Israel nicht.

Die Erklärung für diese Haltung lieferte bereits Abraham Kook, der von 1921 bis 1935 aschkenasischer Großrabbiner für Palästina war. Sein Sohn, Rabbi Zwi Jehuda Kook, machte dessen Lehre einer messianischen Siedlerbewegung unter den Israelis populär, was 1974 in der Gründung von Gush Emunim, dem „Block der Treuen/Gläubigen“, gipfelte: Fortan strömten junge Religiöse in die besetzten Gebiete und stampften Siedlungen aus dem Boden, die kein Völkerrecht sanktionierte – bis heute. Warum? Weil die Rabbis Kook (wie viele andere jüdische Gelehrte) verkündeten, dass die Besiedlung des Landes die Ankunft des Messias beschleunige. Jeder Hektar Boden wäre ein Schritt auf Gott zu und jeder aus Palästinenserhand entrissene Quadratmeter gleichsam ein Stück erlöster Erde.

Netanjahus Kabinettsmitglied Smotrich erklärte 2022 öffentlich, dass die Grenzen Israels Gebiete aus Syrien, dem Libanon, Jordanien, Ägypten, dem Irak und Saudi-Arabien umfassen sollten – eben vom „Bach Ägyptens“ (auf Hebräisch Nachal Mitzrayim, der Nil) bis zum „großen Strom“ (der Euphrat im heutigen Irak), wie es Theodor Herzl, der Begründer des politischen Zionismus, kurz vor seinem Tod 1904 geschrieben hatte. Wobei diese Formulierung wortwörtlich dem Alten Testament entnommen ist. Das, so sagt man, sei die wahre Bedeutung der zwei blauen Querbalken, die den Davidstern in der israelischen Nationalflagge umgeben. Offiziell sollen sie zwar bloß das Mittelmeer und den Fluss Jordan symbolisieren, also die ursprünglichen Grenzen, als der Staat Israel gegründet wurde.

Einen Weltuntergang wert?

Die umliegenden arabischen Staaten lassen sich davon aber nicht täuschen. Vor allem, weil führende israelische Politiker gerade in den letzten Jahren immer wieder „Großisrael“ im Mund führen. Dass die Nachbarländer von einer solchen Vorstellung nicht eben begeistert sind, liegt auf der Hand. Tatsächlich haben deren Regierungen in jüngster Zeit wiederholt erklärt, das Hinarbeiten auf ein Großisrael könnte einen großflächigen Krieg auslösen. Einen Vorgeschmack darauf hat die Welt mit dem jüngsten Irankrieg erhalten. Und selbst wenn dieser von Israel begonnene Krieg in naher Zukunft beigelegt werden sollte, so spüren wir die negativen Auswirkungen auf eine globalisierte Wirtschaft bereits schmerzhaft in unserem Geldbeutel. Doch der Nahe Osten ist seit Jahrzehnten ein Pulverfass und mittendrin sitzt die nicht mehr ganz so heimliche Atommacht Israel.

Religiöse Zionisten – gleich ob Juden oder Christen – begründen den israelischen Herrschaftsanspruch mit der Bibel und jahrtausendealten Versprechen, die Gott gegenüber den Kindern Israels gemacht haben soll. Sie sind der Grund, warum einflussreiche Kreise nicht davor zurückschrecken, einen dritten Weltkrieg zu entfesseln – ja, ihn geradezu ersehnen und herbeibeten.1

Auch strenggläubige Juden kennen die Vorstellung von einem Armageddon als Vorbedingung für die Ankunft des Messias, obwohl sie den Weltuntergang nicht so nennen. Im letzten Buch des Alten Testaments warnt der Prophet Maleachi die Juden nämlich, dass Gott ihnen zürnt, weil sie von Seinen Geboten abgewichen und zu Verrätern geworden sind (Mal 2,8 &11). Laut dem Propheten Sacharja, einem Zeitgenossen von Maleachi, werden zwei Drittel von ihnen verbrennen und das letzte Drittel im Feuer geläutert (Sach 13,8–9), auf dass der „Engel des Bundes“ (Mal 3,1) ihnen eine letzte Gelegenheit bieten möge, sich auf Gottes Bund zu besinnen „vor dem großen und schrecklichen Tag des Herrn“ (Mal 4,5).

Damit endet das Alte Testament und also auch die biblische Geschichte, wie sie die Juden anerkennen. Nicht gerade ein ermutigender Ausblick.

Im ersten Kapitel des Neuen Testaments wird dann die Geburt Jesu gut 400 Jahre später beschrieben, welcher der Menschheit am Beginn des neuen Fische-Zeitalters einen achten und neuen Bund zwischen Gott und dem „Menschensohn“ – dem Christus – brachte. Nicht länger an ein spezielles Volk oder eine Rasse gebunden, ist es nun eine Frage des individuellen Herzenslichts im Menschen. War Jesus also tatsächlich der prophezeite „Engel des Bundes“ gewesen, zuerst gesandt zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“, wie er selbst sagte (Mat 15,24)? Quasi als ultimative Chance für ein laut Maleachi „treuloses Volk“, bevor der neue Bund nun auf die ganze Welt ausgeweitet wird (Joh 10,16)?

Für den Judaismus ist ein solcher Gedanke reine Blasphemie. Bereits die Pharisäer seiner Zeit hatten Jesus zum Gotteslästerer erklärt, woraufhin das aufgewiegelte jüdische Volk von der römischen Besatzungsmacht lautstark verlangt hatte, ihn ans Kreuz zu schlagen, auf dass „sein Blut über uns und unsere Kinder komme“ (Mat 25,27).

Also erwarten strenggläubige Juden bis auf den heutigen Tag die Ankunft ihres Messias. Er soll dann das (1541 von den Moslems zugemauerte) Goldene Tor in der Ostmauer der Jerusalemer Altstadt durchschreiten und zum Tempelberg hinaufsteigen. Doch ist dieses jahrtausendelange Warten überhaupt gerechtfertigt? Alles steht und fällt mit dem Bund zwischen Gott und den Nachfahren Abrahams. Wie jeder Vertrag beruht auch dieser Bund auf Gegenseitigkeit: Er ist in den Augen Gottes nur gültig, wenn der Mensch seinen Teil einhält. Da uralte Bibeltexte als Rechtfertigung für das aktuell wieder brandgefährliche Zündeln in Nahost herangezogen werden, wollen wir im Folgenden betrachten, ob der religiös motivierte Zionismus überhaupt durch die Heilige Schrift abgesegnet ist. Ein viertausend Jahre altes Versprechen Abraham, einer der alttestamentarischen Patriarchen, gilt als Stammvater der Israeliten und soll vor viertausend Jahren gelebt haben (2166–1991 v. Chr.). Damals begann das Zeitalter des Widders, welches zweitausend Jahre später mit der Geburt von Jesus vom wiederum zweitausend Jahre dauernden Fische- Zeitalter abgelöst wurde. Doch auch der dominante Einfluss des traditionellen Christentums ist nun vorüber, da die Welt in das gerade erst angebrochene Wassermann-Zeitalter hineinschreitet und das menschliche Bewusstsein nun endlich bereit ist, die wahre Natur Gottes anzuerkennen – wovon wir selbst ein essenzieller Teil sind (siehe Seite 22).

Zur biblischen Zeit war indes der Judaismus noch die prägende Religion für die Ära des Widders gewesen, weshalb zum Beispiel das Schofar, ein Widderhorn, jenes rituelle Instrument ist, das noch heute in jeder Synagoge für liturgische Zwecke geblasen wird. So war es tatsächlich der göttliche Plan gewesen, aus dem Sauerteig des jüdischen Volks, das sich damals noch Israeliten nannte, ein gottgefälliges Bewusstsein herauszubilden, welches der Menschheit künftiger Generationen als geistiges Fundament zur individuellen Entfaltung dienen sollte: ein Auserwähltes Volk.

Der erste Mensch auf diesem Weg war Abraham. Und also versprach Gott dem 99-jährigen Abraham einen Bund mit dessen Nachkommen. Die späteren Israeliten gehen auf Abrahams Enkel Jakob zurück, der auch Israel („Gottesstreiter“) genannt wird, weil er siegreich mit einem Engel rang. Die Nachkommen von Jakobs zwölf Söhnen wurden zu den zwölf Stämmen, welche das biblische Volk Israel bildeten. Ihnen wird in der Genesis, dem ersten Buch der Bibel, die folgende Verheißung an Abraham zuteil: „Deinen Nachkommen will ich dieses Land geben, vom Fluss Ägyptens bis zum großen Strom Euphrat“ (1 Mo 15,18). Erez Israel – in diesem einen Bibelvers liegt also die tiefste und älteste Wurzel des Nahostkonflikts und nährt eine religiöse Heilserwartung, die Jahrtausende überdauert hat und nun Panzer bewegt: eine uralte Prophezeiung, die von der israelischen Rechten zur Staatsräson erhoben wurde, unterstützt vom Fanatismus vieler Millionen evangelikaler Christen.

Quellenangaben