Großisrael: Vom Nil bis zum Euphrat?

Wie es kam, dass aus der Heimstatt für ein verfolgtes Volk ein Staat wurde, der Nichtjuden benachteiligt und Gewalt gegen Araber toleriert.

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Ursprünglich ging es beim politisch motivierten Zionismus in erster Linie darum, eine sichere Heimstatt für die Juden zu schaffen. Darin sollten eigentlich auch Nichtjuden Platz finden, und zwar auf Augenhöhe. Umso mehr, seit die Zweistaatenlösung durch die expansive Siedlungspolitik Israels der letzten Jahre faktisch unmöglich geworden ist. Dass Ministerpräsident Benjamin Netanjahu 2018 mit Gesinnungsgenossen im Parlament das Nationalstaatsgesetz durchboxen konnte, macht diese Vision einer gleichberechtigten und folglich auch friedlichen Koexistenz endgültig zur Makulatur. Das Gesetz legt nicht nur Jerusalem als Hauptstadt fest (entgegen internationalem Recht), sondern definiert Israel ausdrücklich als „Nationalstaat des jüdischen Volkes“. Die arabischen Knesset-Abgeordneten nennen es ein Apartheid- Gesetz, das ein Fünftel der Bevölkerung diskriminiere. Arabisch ist keine offizielle Landessprache mehr und der Staat wird beispielsweise dazu angehalten, rein jüdische Gemeinden zu fördern. Im Klartext: Wenn eine jüdische Gemeinde nur jüdische Mitglieder will, dann ist das ihr Recht und im Sinne der Gründung Israels als Staat des jüdischen Volkes. – Man stelle sich vor, in Deutschland würde eine Gemeinde der nichtdeutschen Bevölkerung Wohnraum verweigern.

Das Nationalstaatsgesetz soll den jüdischen Charakter Israels auch in Zukunft garantieren. Ohne Rücksicht auf andere. Denn die ursprüngliche Version des Gesetzes wäre noch viel weiter gegangen, wenn da nicht die massive Kritik aus dem Ausland gewesen wäre. Deshalb wurden im letzten Moment besonders heikle Klauseln fallen gelassen, die etwa Gerichte beauftragt hätten, bei Präzedenzfällen nach jüdischem Ritualgesetz zu entscheiden. – Wo liegt da der Unterschied zu einem muslimischen Gottesstaat, der auf die religiöse Scharia pocht? Der Unterschied liegt natürlich darin, dass Israel „die einzige echte Demokratie im Nahen Osten“ sei, wie Spitzenpolitiker und Leitmedien auch hierzulande unermüdlich betonen.

Der politische Zionismus war jedoch nicht immer so extrem, wie es heute viele seiner Vertreter sind. Dass es so weit kam, ist zum einen religiösen Eiferern zu verdanken, die ein angeblich biblisch verheißenes und streng jüdisches Großisrael predigen. Und zum anderen einem Mann, der unter Nichtjuden kaum bekannt ist. Wladimir Ze’ev Jabotinsky (1880–1940) war ein russischer Zionist und Faschistenführer, der als einer der Ersten dafür plädierte, die Palästinenser mit Gewalt zu vertreiben. Die von ihm 1923 verwendete Metapher einer „eisernen Mauer aus jüdischen Bajonetten“, die zwischen Arabern und Juden errichtet werden müsse, charakterisiert nach Meinung der sogenannten Neuen Historiker (eine Gruppe israelischer Geschichtsforscher) immer noch Elemente der Politik Israels gegenüber der palästinensischen Bevölkerung.

Jabotinsky gründete im ersten Weltkrieg die Jüdische Legion und im Jahr 1923 die rechtsextreme zionistische Jugendorganisation Betar, eben die erwähnte „eiserne Mauer aus jüdischen Bajonetten“. Der Name geht auf die letzte jüdische Festung zurück, die im Bar- Kochba-Aufstand (132–136 n. Chr.) gegen die römische Besatzungsmacht gefallen war, nachdem die Römer im Jahre 70 „die Stadt des Friedens“1, Jerusalem, dem Erdboden gleichgemacht hatten. Betar gilt als politischer Vorläufer der späteren Likud-Partei, die heute von Benjamin Netanjahu angeführt wird.

Von Betar über Irgun zum Likud – und zu Kushner?

Folglich wurde Jabotinsky mit seinem Revisionistischen Zionismus zum Vordenker eines extremen und nationalistischen Zionismus – Jabotinsky forderte etwa einen rein jüdischen Staat „zu beiden Seiten des Jordan“. Darüber hinaus schuf der jüdische Faschist 1934 im italienischen Civitavecchia die Betar-Marineakademie, wo Zionisten im Seekampf ausgebildet wurden. Italiens faschistischer Diktator Benito Mussolini hielt große Stücke auf Jabotinsky. Dieser seinerseits war mindestens so begeistert von einem vielversprechenden Zionisten namens Menachem Begin. Der 1913 in Brest (das damals Teil des russischen Zarenreichs war; heute in Belarus liegt) geborene Begin gehörte in den 1930er- Jahren zu den Anführern von Betar in Polen. Bei mehrfachen Treffen der beiden erkannte Jabotinsky das politische Talent des jungen Mannes und förderte ihn, wo er konnte. Begin musste vor den deutschen Besatzern in die Sowjetunion fliehen, deren kommunistische Führung noch immer stark von jüdischen Funktionären geprägt war. Bald darauf gelangte er in das britische Mandatsgebiet Palästina, wo Begin 1943 zum Kommandeur der zionistischen Terrorgruppe Irgun aufstieg – ebenfalls eine Schöpfung Jabotinskys.

Die Irgun verübte zuerst Anschläge auf die arabische Bevölkerung und später auch gegen die britische Mandatsmacht. Die beiden schlimmsten Terrorakte sind in die Geschichte eingegangen: Der Bombenanschlag auf das britische Hauptquartier im King David Hotel forderte 1946 über 90 Menschenleben, die Teilnahme am Massaker von Deir Yasin schlug 1948 mit über 100 Opfern zu Buche. Nach der Gründung von Israel gut einen Monat später integrierte man die Irgun-Kämpfer in die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte IDF.