Jesu Einweihung in Ägypten

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen – selbst Jesus nicht. Lange Jahre wurde er in vielen Ländern auf seine Mission vorbereitet. Doch seine größte Einweihung musste er in Ägypten bestehen.

Lesen Sie hier nun die Fortsetzung unseres Artikels in der ZeitenSchrift Nr. 116!1

Jesu Aufrichtigkeit offenbarte sich, als ein Priester ihn zur Flucht überreden sollte, da gegen ihn ein Komplott geplant sei.

Von Griechenland fährt Yeshua-bar-Joseph, den wir Jesus nennen, mit dem Segelschiff Mars nach Ägypten. Da Jesus seine in der Bibel aufgezeichnete Mission im Alter von dreißig Jahren beginnt, dürfte er bei seiner Reise nach Ägypten etwa zwischen 25 und 28 Jahre alt gewesen sein.

Sein erster Weg führt Jesus nach Zoan, wo vor fünfundzwanzig Jahren Elihu und Salome in ihrer heiligen Schule seine Mutter unterwiesen haben. Die Freude ist groß über sein Kommen, denn lange ist es her, dass er als Kind zum letzten Mal die heilige Grotte sah.

Jesus bleibt viele Tage in Zoan und erzählt von seinen Reisen und Erfahrungen. Dann zieht er weiter in die Stadt der Sonne – Heliopolis. Am Tempeltor der Heiligen Bruderschaft bewirbt er sich um Eintritt in den Orden, und der Rat gewährt ihm seine Bitte. Als Jesus vor dem Hierophanten [Hohepriester] steht, ruft dieser erstaunt: „Lehrer aller Lehrer – was führt Euch zu unserm Orden? Eure Weisheit ist die Weisheit aller Götter! Weshalb sucht Ihr diese Weisheit bei den Menschen?“ Jesus antwortet ihm: „Alle Wege dieses Erdenlebens möchte ich betreten. Alle Schulen möchte ich besuchen und in ihren heil’gen Hallen lauschen. Jede Höhe, die ein Mensch erreicht hat, möchte ich erreichen. Was auch immer Menschen leiden müssen – will ich leiden, und verstehen möchte ich die Schmerzen, die Enttäuschungen und Versuchungen der Menschenbrüder, sodass ich alle, die nach Trost verlangen, trösten kann. Ich bitte euch, ihr Brüder, lasst mich in die tiefsten Grüfte steigen, denn ich will die schwersten Prüfungen bestehen.“

Und so schwört Jesus den Eid der heiligen Bruderschaft. Der Hierophant sagt zu ihm: „Die höchste Höhe kann nur der erreichen, der die tiefste Tiefe kennt – so steig denn in diese Tiefe hinab.“

Die erste Prüfung

Der Meister nimmt einen Papyrus von der Wand. Darauf stehen Zahl und Name der Charaktereigenschaften. „Der Kreis“, so sagt er, „ist das Symbol für den vollkommenen, erwachsenen Menschen. Seine Zahl ist Sieben“.

„Der Logos ist vollkommen, ist das Wort, das stets erschafft, erhält und wiederum zerstört. Dieser Meister der Hebräer ist der Logos des Erhabenen, der Kreis der Menschenrassen und die Siebenzahl der Zeit. Und somit wird der Ordensname Jesu – ‚Logos-Kreis-Sieben‘ – in das große Buch des Tempels eingetragen.“

Unter „Logos“ versteht man in diesem Zusammenhang die Vernunft Gottes als Welt- Schöpfungskraft. „Der Kreis der Menschenrassen“ umfasst die sieben Evolutionswogen, auch „Wurzelrassen“ genannt, welche während dem gegenwärtigen Entwicklungszyklus der Erde nacheinander die Erde bevölkern. In unserer Zeit sind die Menschen der 5. Wurzelrasse (die Mehrheit der Erdbevölkerung) am längst überfälligen Punkt, ihren Aufstieg ins Licht zu machen. Seit einigen Jahrzehnten kommt die höher entwickelte 6. Wurzelrasse herein, welche die Brüderlichkeit aller Menschen leben wird. Sie steht erst am Anfang ihres Entwicklungszyklus.

Wieder spricht der Hierophant: „So höre, Logos, was ich sage. Niemand kann ins Licht gelangen, ehe er nicht sich selbst gefunden hat. So gehe und suche, und wenn du deine Seele kennst, dann kehre zu mir zurück.“

Die „Seele“ wird auch „Psyche“ genannt und umfasst den feinstofflichen Emotionalkörper, den Mentalkörper und den Erinnerungs- oder Ätherkörper des Menschen. Am Anfang war die menschliche Seele rein, weil wir in einer vollkommenen Welt, einem wahrhaften Paradies lebten, wo es nichts Böses gab. Erst mit ihrer „Vertreibung aus dem Paradies“2 begann die Menschheit unvollkommen zu denken und zu fühlen und vertrieb sich damit selbst aus dem einstigen Lichtreich, auch „Paradies“ genannt.

Der mit Logos angeredete Jesus wird in ein düsteres, nur spärlich erhelltes Gewölbe geführt, dessen Wände mit Zeichen, Hieroglyphen und heiligen Texten beschrieben sind. Er bleibt für viele Tage ganz allein, liest die Texte und versucht, sie und seine eigene Seele zu begreifen, wie der Hierophant ihm geraten hatte. In einer Offenbarung lernt er seine Seele kennen, findet sich und ist nicht mehr allein. Eines nachts um Mitternacht tritt ein Priester zu ihm, der in ein dunkles Gewand gehüllt ist. Er sagt zu Jesus, er sei das Opfer einer schändlichen Verschwörung. Die Priester des Tempels würden ihm seinen Ruhm neiden, und er sei nun gekommen, um sein – Jesu – Leben zu retten, denn ansonsten würde er niemals mehr diese Tempelhallen verlassen. „Willst du frei sein, Bruder, musst du diese Priester überlisten. Sage ihnen, dass es dir gefallen würde, hier zu bleiben.“ Dann komme er und werde Jesus durch geheime Gänge in die Freiheit führen.

Jesus entgegnet: „Mein Bruder, bist du hergekommen, um mich Hinterlist zu lehren, und bin ich in diesen heiligen Hallen, um Betrug und Falschheit auszuüben? Nimmer! Gott verabscheut Falschheit und Betrug, und ich bin hier, um seinen Willen auszuführen.“ Solange die Sonne scheine, werde er seinen heiligen Eid nicht brechen, sagt Jesus bestimmt.

Der Verführer geht und nach geraumer Zeit betritt ein zweiter, weiß gekleideter Priester den Raum. Er beglückwünscht Jesus zum Bestehen der ersten Prüfung, denn in diesem Raum werde die EHRLICHKEIT geprüft. Jesus wird vor den Richterstuhl gebracht. Die Brüder stehen im Kreis. Der Hierophant legt seine Hand auf Jesu Haupt und gibt ihm einen Papyrus in die Hand, auf welchem nur das eine Wort geschrieben steht: AUFRICHTIGKEIT. Alle schweigen.

Die zweite Prüfung

Das nächste Gemach, in das Jesus geführt wird, ist finster wie die Nacht. In tiefer Einsamkeit verbringt er dort viele Tage. Als er schläft, öffnet sich eine Tür und zwei priesterlich gekleidete Männer treten ein, mit flackernden Laternen in den Händen. Der eine umschmeichelt Jesus und stellt ihm in Aussicht, ihn in die Freiheit zu führen, denn tatsächlich seien die Priester dieses Tempels allesamt Verbrecher, in Falschheit und Korruption geübt. „Sie brüsten sich mit ihren Opferriten“, sagt der eine zu Jesus. „Ihren Göttern bringen sie lebendige Geschöpfe dar, nicht nur Tiere, sondern auch Menschen! Nun haben sie dich gefangen, um dich zu vorbestimmter Stunde ihrem Gott zu opfern. Fliehe mit uns, Bruder! Die Freiheit winkt!“

Doch Jesus lässt sich nicht täuschen. „Wer Verrat übt, ist ein Feind“, antwortet er den Männern. „Wer andere verraten hat, dem kann man nicht mehr trauen. Wer den Verrat nicht überwunden hat, liebt die Falschheit und wird seinen besten Freund verraten, wenn es seinen Plänen dient.“ Und noch etwas hält Jesus den Männern entgegen: „Wie könnte ich an mir und jenen Priestern zum Verräter werden und ein Urteil fällen – nur auf eure leeren Worte hin?“

„In mir herrscht mein Gewissen, hören will ich, was die Brüder mir zu sagen haben. Die Entscheidung fäll’ ich erst, wenn die Beweise da sind. Ihr könnt mich nicht richten – ich nicht euch. So geht, ihr Männer, geht, und überlasst mich einem Licht, das heller strahlt. Wenn hier auch keine Sonne scheint – so ist in meiner Seele doch ein Licht, das heller leuchtet als die Sonne und der Mond.“ Die Männer gehen, nicht ohne eine Drohung gegen Jesus auszusprechen, ihn zu Fall zu bringen.

Nach einer kleinen Weile kommt der Weißgekleidete und führt den Logos wiederum zum Hierophanten. Alle schweigen. Der Meister legt einen Papyrus in die Hände Jesu mit dem einen Wort: GERECHTIGKEIT. Die Hirngespinste von Verrat und Vorurteil sind überwunden.

Die dritte Prüfung

Nach sieben Tagen führt der Tempeldiener Jesus in die Ruhmeshalle, die mit meisterlichen Gemälden und Statuen reich geschmückt ist und durch Gold- und Silberlampen erhellt wird. Eines Tages, als Jesus am Studieren ist, kommt ein Priester auf ihn zu. „Fürwahr, ein herrlich schöner Raum“, sagt er. „Mein Bruder, du bist reich gesegnet. Wenige Menschen auf der Erde, die so jung sind, haben solchen Ruhm erreicht. Wenn du dein Leben nicht vergeuden willst mit eitler Suche nach geheimen Dingen, die der Mensch doch nie begreifen wird, dann kannst du der Begründer einer Lebensschule werden, welche deinen Ruhm verbürgt. Deine Weisheit ist viel tiefer als jene Platos. Deine Lehre überzeugt weit mehr als die des weisen Sokrates. Gehe in die Welt, geselle dich den Menschen zu, und sie werden dich verehren. Außerdem“, flüstert der Priester ihm zu, „wer weiß, vielleicht sind diese Einweihungen nichts als Mythos und die Hoffnung, der Messias Israels zu werden, nichts als Illusion. So rate ich, den ungewissen Dingen abzuschwören. Wähle doch die breite Straße, die mit Sicherheit zu Ruhm und Ehre führt.“

Quellenangaben

  • 1 Fortsetzung des Artikels „Das wahre Leben Jesu“ in der ZS 116. Quelle: Das Wassermann-Evangelium von Jesus, dem Christus (vergriffen, erstmals 1908  veröffentlicht).
  • 2 Lesen Sie dazu den faszinierenden Artikel „Geheimnisse der Erdgeschichte“ in der ZeitenSchrift-Druckausgabe Nr. 16.