Das Geschenk der Freiheit

Die USA feiern dieses Jahr 250 Jahre Unabhängigkeit. Auf ihrem Weg haben sie leider viele Freiheiten wieder verspielt. Es ist Zeit für eine Erneuerung, auch hier in Europa.

Vor 250 Jahren, am 4. Juli 1776, setzten 56 Abgeordnete des Kontinentalkongresses in Philadelphia ihre Unterschrift auf die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika. Federstriche, die viel Mut erforderten. Denn mit diesem Dokument sagten sich die 13 Gründerkolonien vom britischen Imperium los. Wer mit seinem Namen dazu stand, wäre von den Briten wegen Hochverrats hingerichtet worden, hätte General George Washington letztlich nicht doch noch im Feld den Sieg errungen. Die junge Republik hält in ihrem Staatswesen eine Vision fest, die in ihrer Form bis heute einzigartig ist: ein Volk aller Völker und ein Ort, wo jeder Mensch das Recht auf „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ haben soll.

„Unsere Verlässlichkeit liegt in der Liebe zur Freiheit, welche Gott in unsere Brust gepflanzt hat. Unsere Verteidigung liegt in der Erhaltung des Geistes, welcher die Freiheit als Erbe aller Menschen würdigt, in allen Ländern, überall. Zerstört diesen Geist, und ihr habt die Saat der Tyrannei vor eurer eigenen Haustür gepflanzt.“

Abraham Lincoln

Doch leider ist der Lack ab: Amerika ist eine hochverschuldete Nation, ein verarmendes und gespaltenes Volk unter einem polarisierenden Präsidenten. Doch Trump ist nicht der Grund für die vielen Probleme. Zu verantworten hat dies in erster Linie eine politische Klasse, die sich seit Jahrzehnten immer mehr von den Menschen entfremdet und stattdessen anderen Interessen dient. Zu viele Politiker streben persönlichen Status und Einfluss an sowie die notwendigen Wahlkampfspenden – Privilegien, die sie nicht wieder abgeben wollen. Dass beispielsweise eine Kampagne für die US-Präsidentenwahl heutzutage mehr als eine Milliarde Dollar kostet, zeigt, wie volksfern die amerikanische Demokratie geworden ist.

Mit seinen 250 Jahren steht das im Vergleich zu Europa noch junge Land mitten in der Pubertät – vielleicht einer der Gründe, weshalb die USA in einer tiefen Identitätskrise stecken. So attestiert eine zur 250-Jahr-Feier gemachte repräsentative Umfrage dem Land einen dramatisch sinkenden Nationalstolz. Religiöse Bande verkümmern und ebenso die Hoffnung auf eine erfolgreiche Karriere, gerade unter jungen Menschen. Der Verlust von Gemeinsamkeiten bedrohe den Zusammenhalt und letztlich die amerikanische Demokratie, warnen die für die Umfrage verantwortlichen Demoskopen des Public Religion Research Institute. Stattdessen würden Ideologie und Feindbilder den politischen Diskurs mit Andersdenkenden verdrängen: Republikaner und Demokraten stehen sich immer öfter unversöhnlich gegenüber. Gerade für Letztere sind der Glaube an Gott oder gar das Christentum keine amerikanischen Werte mehr. So betrachten nur noch 29 Prozent der Demokraten das Christliche als wesentlich für Amerika.

Und bloß die Hälfte der Amerikaner sind stolz auf ihr Land. 2013 lag dieser Wert noch bei 82 Prozent. Das uneingeschränkte Vertrauen in die Demokratie ist mittlerweile sogar bei vier von fünf Amerikanern (82 %) erschüttert. Entsprechend flügellahm zeigt sich auch der einst so stolze Adler, das Wappentier der USA: Den einst so lebensbejahenden und sprühenden Optimismus der Amerikaner, die nur den Himmel als Grenze anerkannten, sucht man vielerorts vergeblich. Weniger als die Hälfte der Nation glaubt noch an den amerikanischen Traum – dass man durch harte Arbeit vorankommt. Bei den 18- bis 29-Jährigen ist dieser Wert gar rasant von 50 Prozent im Jahr 2024 auf heute 36 Prozent gesunken.

Stellen Sie sich vor, Sie kommen von Ihrem Vollzeitjob nach Hause, um mit Ihrer Familie zu Abend zu essen, vielleicht eine Gutenachtgeschichte vorzulesen und Ihre Kinder ins Bett zu bringen. Doch anstatt sich danach auf dem Sofa zu entspannen, beginnen Sie Ihren zweiten Arbeitstag. Das ist der Alltag von Millionen von Amerikanern, für die ein Job nicht mehr ausreicht, um die Miete zu bezahlen, Essen auf den Tisch zu bringen und andere Ausgaben zu decken. Laut Statistik des USArbeitsministeriums mussten Ende 2025 gut 9 Millionen Amerikaner zwei oder mehr Arbeitsstellen gleichzeitig annehmen, um finanziell über die Runden zu kommen. Das sind knapp 6 Prozent der Erwerbstätigen, Tendenz steigend. Die meisten von ihnen halten sich neben der Vollzeitarbeit mit Teilzeitjobs über Wasser, doch manche müssen pro Tag sogar zwei volle Stellen bewältigen.

Die USA haben für alle Welt sichtbar viel von ihrem einstigen Glanz verloren. Und ihre Bürger fühlen sich heute so unfrei wie noch nie seit längst vergangenen Kolonialzeiten. Zwar wohnt der Geist der Freiheit noch immer oben auf dem Capitol Hill im eigentlichen „Haus des Volkes“, dem Kapitol in Washington. Doch leider wurde er in Ketten gelegt von einer Schattenelite, welche über die alteingesessene Hochfinanz und die neue Macht von Finanzdienstleistern wie BlackRock oder Vanguard mittlerweile nicht bloß die USA beherrscht, sondern auch den Rest der Welt.

Die Vereinigten Staaten sind trotz allem das Land der Zukunft mit einer Vision und einem Auftrag für die ganze Menschheit, die tatsächlich gottgegeben sind: ein Leuchtturm, an dem sich dereinst die ganze Welt orientieren soll. Bis dahin liegt zwar noch ein steiniger Weg vor den Amerikanern, wohl wahr. Denn wo viel Licht ist, gibt es auch Schatten; und Licht zieht bekanntlich das Ungeziefer an.

Trotzdem können auch wir Europäer das vollkommene Bild für die amerikanische Nation und das amerikanische Volk hochhalten. Es liegt nämlich kein Widerspruch darin, das Unvollkommene zu sehen und zu benennen, aber dennoch unbeirrbar an der Vision festzuhalten, was die USA sein können und wozu sie seit Langem bestimmt sind.1 Unterstützen wir die Neue Welt also darin, dass der Geist der Freiheit, dessen Enthusiasmus keine Grenzen für das Gute und Machbare kennt, sich erneut wie ein Phönix aus der Asche in die Lüfte schwingt – zumal das Fabelwesen des Phönix, aus dem man einen Adler machte, laut esoterischen Quellen das eigentliche Symbol der Vereinigten Staaten von Amerika darstellt.2

Allerdings hatte die Freiheit – innere wie äußere – schon immer ihren Preis. Obwohl ein göttliches Geburtsrecht, fällt sie einem nicht in den Schoß. Die englische Sprache hilft uns, das Wesen der Freiheit besser zu verstehen. Im Englischen gibt es nämlich zwei unterschiedliche Freiheitsbegriffe – Liberty und Freedom –, die auch bei der Gründung der amerikanischen Republik eine entscheidende Rolle spielten.

Quellenangaben