Wladimir Putin: "Viel Feind, viel Ehr?"

Russlands Präsident Wladimir Putin polarisiert wie keine andere Person auf der politischen Bühne. Könnte es auch sein, dass der Kreml-Chef der richtige Mann zur richtigen Zeit ist? Fragt sich nur, weshalb er dann vom Westen so sehr dämonisiert wird.

Durchgeknallter Typ. Autist. Brandstifter. Ein Gangster wie Al Capone. Der oberste Pate eines Mafiastaats. Diktator. Kriegsverbrecher. Größte Gefahr für den Weltfrieden. Das sind nur einige der Bezeichnungen westlicher Spitzenpolitiker und Leitmedien, wenn es in den vergangenen Monaten um die laut Wirtschaftsmagazin Forbes „mächtigste Person der Welt“ ging. Wladimir Wladimirowitsch Putin, der „neue Zar“ im Kreml, wird von jenen verteufelt, die Freiheit und Demokratie auffällig oft im Mund führen. Zwei Schlagworte, mit denen man in jüngster Zeit Regionen wie die Ukraine oder den Nahen Osten in Brand steckte.

Alles nur Propaganda? Nachrichtenmagazine der „freien Welt“ stellen den Präsidenten Russlands als Kriegsgurgel mit blutigen Händen dar, der am liebsten ein Zar wie Iwan der Schreckliche werden möchte.

Alles nur Propaganda? Nachrichtenmagazine der „freien Welt“ stellen den Präsidenten Russlands als Kriegsgurgel mit blutigen Händen dar, der am liebsten ein Zar wie Iwan der Schreckliche werden möchte.

In seiner Heimat hingegen reitet Putin auf einer Welle der Sympathie. Neun von zehn Russen sind laut unabhängig durchgeführter Umfragen mit ihrem Präsidenten zufrieden, wenn nicht gar von ihm begeistert (Stand: Juni 2015). Und viele der Unzufriedenen möchten, dass Putin noch härter durchgreift. Von solchen Popularitätsraten können unsere Politiker nur träumen. Wenn der 1,72 Meter kleine Staatschef breitbeinig und schulterrudernd durch die weiten Hallen des Kreml schreitet oder mit Gewehr und nacktem Oberkörper den starken Mann markiert, mag das hierzulande für viele peinlich erscheinen. Die Russen aber lieben Putin dafür. „Ich muss so sein, wie es mein Volk von mir erwartet“, erklärte er einmal trocken. „Ich bewerbe mich ja nicht um den Job des deutschen Bundeskanzlers.“ Wer also Wladimir Putin gerecht werden will, sollte sich auch mit dem russischen Wesen auseinandersetzen.

Putin ist seit der Jahrtausendwende an der Macht. Er denkt strategisch und ist durchaus auch pragmatischer Diplomat, der in der Regel mehr auf Verständigung sinnt als auf Konfrontation – solange man ihn und Russland fair behandelt. Er lässt durch Umfragen immer wieder den Willen des Volkes ermitteln und berücksichtigt diesen in seiner Politik. Tut diesbezüglich also nichts, was Angela Merkel und Barack Obama nicht auch bis zum Exzess tun. Im Gegensatz zu Letzterem versucht Putin aber tatsächlich, jene Politik zu betreiben, die er für das Beste zur Wahrung der Interessen Russlands erachtet. Wobei Putin darunter nicht das russische Pendant zu Wall Street und Dow Jones-Index versteht, sondern vielmehr das Wohl seiner Bürger und das Bewahren der russischen Kultur.

Trotzdem besser als früher

Rückschlägen zum Trotz, beispielsweise den von den USA gewollten Wirtschaftssanktionen, Rubelschwäche und niedrigen Ölpreisen, ist es Putin in den vergangenen fünfzehn Jahren gelungen, den Lebensstandard der Russen zu erhöhen. Zu diesem Schluss kommt das oppositionsnahe Lewada-Institut in Moskau: Bei Putins Amtsantritt lebte fast ein Drittel aller Russen unter der Armutsschwelle, jetzt sind es elf Prozent. Die Lebenserwartung kletterte von 65 auf 70 Jahre. Mord und Totschlag sind zurückgegangen und die Bevölkerungszahlen wachsen seit einigen Jahren wieder. Auch die RT1 -Fernsehchefin Margarita Simonjan findet, Putin habe bis jetzt einen guten Job gemacht. „Wirtschaftlich haben es die Menschen leichter. Die Einkommen sind gestiegen, das Bruttosozialprodukt ist gewachsen. Ich kenne keine einzige Person, der es heute schlechter ginge als in den Neunzigern“, erklärt sie in einem Interview mit der Schweizer Weltwoche. Klar, es sei nicht perfekt, und vor allem ältere Leute wären noch immer bitterarm. Aber: „Vor fünfzehn Jahren konnten die Leute nicht einmal leben, wenn sie arbeiteten. Manche mussten ein Jahr auf ihr Gehalt warten. Heute reicht die Pension fürs Leben, und sie wird regelmäßig bezahlt. Meine Mutter etwa bekommt 400 Dollar im Monat. Noch vor fünfzehn Jahren aber kriegte sie 40 Dollar – und das nur alle fünf, sechs Monate.“

Damals hatte der Raubtierkapitalismus nach westlichem Vorbild Russland in den Ruin getrieben und maßlos gierige Oligarchen beuteten die Staatskasse – und damit das Volk – gnadenlos aus. Eine Lektion, die Wladimir Putins späteres Politikerleben prägen sollte. Der wirtschaftliche (und moralische) Niedergang unter Putins Vorgänger Boris Jelzin nahm nicht zuletzt wegen des vielleicht größten Makels Russlands solche Dimensionen an: der Korruption. Sie ist tief in der Mentalität der Leute verwurzelt und bestimmt noch heute den russischen Alltag. Man gibt Geld, damit die Kinder bessere Noten erhalten, die medizinische Behandlung sorgfältiger ausfällt oder der Polizist keinen Strafzettel ausfüllt. „Schon zu Zeiten Peters des Großen lief es nach folgendem Muster: ‚Du bekommst diesen Posten.‘ – ‚Und was ist der Lohn?‘ – ‚Was, du willst auch noch Lohn?‘ Es brauchte gar kein Salär“, so TV-Chefin Simonjan weiter. „Für das Einkommen sorgten die vielen Möglichkeiten der Korruption.“

Heute sei es zwar besser geworden; viele Menschen würden sich weigern, weiterhin Bestechungsgelder zu zahlen. Aber die Korruption ist für die Journalistin noch immer das größte ungelöste Problem Russlands. Das spiegelt sich auch im internationalen Korruptionsindex wider. Dort belegt die Russische Föderation Rang 136 von 175 (Stand 2014). „Es ist unwahrscheinlich, dass Putin mit dem zufrieden ist, was jetzt geschieht“, sagt Simonjan trocken. Und dennoch. Sogar der russische Schriftsteller und dezidierte Putin-Kritiker Wiktor Jerofejew musste 2012 kurz vor Putins Wiederwahl feststellen: „Trotz der Korruption, trotz Morden an Journalisten, Putins Missachtung seiner Gegner und vieler anderer Fehler war Russland noch nie so frei wie jetzt, und noch nie hat es so viel Freizügigkeit genossen.“

Buhmann der Journalisten

Der Vorwurf, Putin strebe ein russisches Großreich an und wolle die Sowjetunion wieder aufleben lassen, ist bei objektiver Analyse der Fakten schnell entkräftet. Tatsächlich arbeiten die USA schon viele Jahre daran, Russland als eurasische Macht mithilfe der Nato-Osterweiterung zu neu-tralisieren. Seit dem Ende des Kalten Kriegs behandelt der Westen Russland als Kolonie, die dringend nachsitzen muss. Noch im August 2013 verspottete Barack Obama Russland öffentlich als Regionalmacht und den russischen Präsidenten als unkonzentrierten Schuljungen in der letzten Schulbank. Gleichberechtigte Partnerschaft sieht anders aus.

Dabei ist es die russische und nicht die amerikanische Luftwaffe, die den Islamischen Staat endlich das Fürchten lehrt. Und während der von den USA geschürte Bürgerkrieg in der Ukraine das Land nicht wie gehofft in den Schoß der Nato fallen ließ (und Russland damit als eurasischen Machtfaktor neutralisiert hätte), holte sich Russland die Krim zurück, ohne dass ein einziger Schuss gefallen ist. Putin hat genug von verbalen Ohrfeigen und schafft Tatsachen. Jetzt sind die westlichen Politiker zähneknirschend gezwungen, mit Putin auf Augenhöhe zu reden.

Noch weniger als den Politikern gefällt dies hierzulande vielen Meinungsmachern. Über keinen anderen ausländischen Staatsmann schreiben die deutschen Journalisten mehr als über Putin. Meist nichts Gutes. „Er steht im Westen unter Generalverdacht, nur Übles im Schilde zu führen“, moniert Hubert Seipel im Vorwort zu seinem lesenswerten Buch Putin – Innenansichten der Macht. Der preisgekrönte 65-jährige Autor und Regisseur blickt auf eine jahrzehntelange Karriere bei Stern und Spiegel und beim Fernsehen zurück. Wie kein anderer westlicher Journalist besitzt Seipel direkten Zugang zum Kreml-Chef und hat diesen über die Jahre immer wieder zu persönlichen Gesprächen getroffen. 2012 strahlte die ARD Seipels vielbeachtete Dokumentation Ich Putin – ein Portrait aus. Wladimir Putin hatte ausdrücklich darauf verzichtet, den Film vor der Veröffentlichung zu autorisieren – sprich: zensieren – und nahm auch keinerlei Einfluss auf Seipels 2015 publiziertes Buch, übrigens sehr zum Missfallen von Putins Pressesprecher. Kaum anzunehmen, dass der amerikanische Präsident oder die deutsche Bundeskanzlerin in der gleichen Situation ebenso zurückhaltend wären. Vertrauen, so Seipel, könne sich eben nur durch gegenseitigen Respekt aufbauen.

Diesen ließen die deutschen Medien während der Ukraine-Krise3 besonders krass vermissen. Die Stimmungsmache gegen Putin nahm derart überhand, dass sogar die Programmwächter bei der ARD die hauseigene Berichterstattung als undifferenziert und tendenziös rügten. Die großen Tageszeitungen wurden mit Tausenden von Beschwerden überflutet und im Volk machte das Wort „Lügenpresse“ die Runde.4 „Allerdings zweifeln viele Journalisten seither noch weniger an der eigenen Berichterstattung als am Urteilsvermögen ihrer Kundschaft. Sie sehen in der schwindenden Interpretationshoheit nur einen weiteren Beleg dafür, wie effektiv in Deutschland russische Propaganda wirkt“, schreibt Seipel scharfzüngig in seinem Prolog. Dass Berufskollegen ihn aufgrund solcher Sätze als „Putin-Versteher“ lächerlich machen, kommentiert er in einem Spiegel-Interview trocken mit der Bemerkung „Hübsches Totschlagwort“ und kritisiert das typische Gebaren deutscher Presseleute, „sich als journalistische Alphamännchen aufzubauen und eine Wunschliste der Political Correctness abzuarbeiten“.

Der Westen geht politisch korrekt zugrunde. Im moralischen Vakuum können Auswüchse aller Art ungehindert wuchern – auch islamistischer Terror. Doch auf diesem Auge sind die Advokaten der Political Correctness blind. Und Journalisten sind sich oft nicht mehr bewusst, dass es durchaus eine Grenze gibt zwischen informieren und manipulieren. „Diese politische Korrektheit hat allerdings mit vielem, aber nur wenig mit analytischer Betrachtung von Außenpolitik zu tun. Es geht um den Versuch, die persönliche Überzeugung für alle überall verbindlich zu machen“, zieht Hubert Seipel Bilanz. „Ohne Rücksicht auf lästige Rangfolgen und Prioritäten. Sondern jetzt, sofort. Vornehmlich nach dem Lifestyle-Rezept der persönlichen Befindlichkeit: Wo esse ich heute Abend am besten vegetarisch? Was ziehe ich an, und warum setzt Wladimir Putin in Russland nicht endlich die Homo-Ehe durch?“

Leserstimmen zum Artikel

Ihre Nummer 85 hat es wieder in sich: Der Beitrag zur "Himmelsakupunktur" erklärt einem das Wissen des leider verstorbenen Hans Hangartner. Danke auch, daß Sie zu Wladimir Putin eine wohltuend andere Sicht verbreiten als unsere deutschen Medien!

P. Götz

Sehr geehrter Herr Seiler, ich möchte Sie beglückwünschen und Ihnen danken für den hervorragenden, faktenreichen, brillanten Artikel "Wladimir Putin: "Viel Feind, viel Ehr?"".
Endlich einmal eine objektive, faire Schilderung der Ereignisse in Russland nach der Auflösung der Sowjetunion. Solche Stimmen sind dringend nötig, angesichts der ständigen, andauernden Verfälschungen, Verunglimpfungen, Diffamierungen und Dämonisierung der Person Putin in fast allen deutschen Medien. Dieser Artikel ist so aufklärerisch, wichtig und aufschlussreich! Europa, besonders aber die Deutschen, hätten allen Grund, dem Kalten Krieg, von Teilen der EU, der Nato und den USA angeheizt, entgegenzutreten, was leider viel zu selten geschieht, da man fremden Interessen dient.

Mit freundlichen Grüßen

E. Traube

Quellenangaben

  • 1 RT (früher Russia Today) ist ein internationaler Nachrichtensender nach dem Vorbild von CNN, der das Weltgeschehen aus einem russischen Blickwinkel betrachtet und der Regierung in Moskau nahesteht.