Tragen Sie auch schon den Frühling in sich?

„Heiterkeit des Herzens schließt wie der Frühling alle Blüten des Inneren auf“, dichtete der Franzose Jean Paul, und der Maler Vincent van Gogh erkannte: „Wandlung ist notwendig wie die Erneuerung der Blätter im Frühling.“ Das letzte Wort hat jedoch Henry David Thoreau: „Der Frühling ist eine echte Auferstehung und ein Stück Unsterblichkeit.“

Ist es nicht wunderbar, dass trotz Corona-Viren-Panik, trotz apokalyptischen Wetterszenarien, trotz Klima-Hysterie, Migrantenscharen, Terroranschlägen und Politikergeklüngel die Krokusse sich einmal mehr entschlossen haben, ihr keckes Orange und stilles Violett durch das Erdreich dem zarten Himmelblau des Vorfrühlings entgegenzuschieben? Dass die Narzissen und Osterglocken ihr Frühjahrsbimmeln erklingen lassen, während die Magnolie ihre erlesenen Haute-Couture-Blüten diskret distinguiert präsentiert und bald, sehr bald, auch der Flieder wieder blüht! Ach, die Spatzen zwitschern es vom Dach: Es ist Frühling, und wie von Zauberhand erwacht die Natur aus dem Winterschlaf! Schon am 2. Februar, an Lichtmess, begannen die emsigen Gnome, das Licht wieder in die Wurzeln der schlafenden Pflanzen zu pulsen und sie sanft zu neuem herrlichen Treiben zu erwecken. Und alles zu des Menschen Wonne und Wohl.

„Für den Eingeweihten ist der Frühling die Zeit der inneren Reinigung, der Erneuerung, und genau dies bedeutet Auferstehung.“ O.M. Aïvanhov

Ist es nicht wunderbar, dass wir in der einzigen Zone der Erde leben dürfen, die mit einem wahrhaft gemäßigten Klima gesegnet ist, wir also weder die starre Einöde ewiger Kälte noch die dumpf dräuende Schläfrigkeit einer brütenden Hitze erdulden müssen, von der nur monatelanger Monsunregen Erlösung bietet? Dass wir nicht wie Nordamerika oder Zentralasien vierzig Grad plus im Sommer und bis zu vierzig Grad minus im Winter aushalten müssen? Nein, wir dürfen uns wiegen und tragen lassen vom Reigen der Jahreszeiten, der so sehr unserem eigenen Leben gleicht.

Da ist der Frühling, welcher der Kindheit entspricht: Wie die Pflanzen, die sich recken und strecken und wachsen und gedeihen, tun das auch die Kinder im Frühjahr ihres Lebens, ständig in Bewegung, vor Lebendigkeit strotzend. So steht denn der Frühling auch symbolisch für das Lebendige im Menschen, und wer immer sich das Muntere, Freudige bewahrt, wird niemals ein starrer, sauertöpfischer Alter werden, sondern sich selbst mit dieser Auferstehungskraft erneuern. Denn das ist die Energie, die den Frühling belebt: Die Kraft der Auferstehung, die an Ostern besonders gefeiert wird, die jedoch als kosmische Qualität jedes Mal waltet, wenn die Natur neu erwacht. Man kann sie herbeibitten, die Kraft und die Engel der Auferstehung, voller Dankbarkeit, und wünschen, dass sie unsere Zellen, das Blut, die Knochen, die Organe durchwogt und so erneuern hilft; dass sie das Trink- und Badewasser belebt und uns so hilft, die Kraft des Frühlings auch im Innern als Neubelebung zu spüren.

Der Frühling ist also die Zeit der Erneuerung, und Eingeweihte haben seit jeher diese Zeit benutzt, um sich innerlich zu reinigen, zu erneuern und so wie die Natur um sie herum neues Leben in und aus sich sprießen zu lassen. „Jeden Morgen, wenn ihr zum Sonnenaufgang aufsteht, solltet ihr nichts anderes im Kopf haben als diese Erneuerung. Lasst alles beiseite, was schon alt und überholt ist, um endlich das neue Leben aufzunehmen und in Kommunikation mit diesem großen Strom zu treten, der aus dem Herzen des Universums kommt“, so der bulgarische Eingeweihte Omraam Mikhael Aïvanhov.1

Sommerliebe, Herbsternte

Der Sommer entspricht der Jugendzeit und damit der Liebe, die den jungen Menschen umtreibt, berauscht und betört, den Bindungswunsch weckt und die Absicht, dem Leben neues Leben zu geben – alles letztlich der Liebe entsprungen. Wenn die Kinder dann ausgeschlüpft sind, die Ernte eingebracht, befinden wir uns im Herbst des Lebens. In vielerlei Hinsicht vielleicht die beglückendste Zeit, so man richtig gelebt und nicht alles Geistige unter gierigem Materiehunger begraben hat. Dann hat man sich nämlich für den Winter des Lebens gute Vorräte geschaffen: Lebensweisheit, Lebensklugheit, die uns höherführen kann, nun, da die äußeren Pflichten etwas weniger werden. Es zeigt sich, ob aus uns ein guter Wein wird oder ein saurer, ungenießbarer; ein großer alter Baum, der Schatten und Ruhe spendet, während er für die jungen Schösslinge ein Quell der Weisheit ist – oder ob er bald sterben wird, weil sein Stamm innen fault. Der Winter bringt es an den Tag: Das Alter ist die Zeit der Wahrheit, wo man erntet, was man ein Leben lang gesät hat. Omraam Mikhael Aïvanhov bemerkt dazu, dass es für viele leider eine „traurige Wahrheit“ sei. „Denn im Augenblick, in dem sie auf die andere Seite hinübergehen müssen, können sie sich keine Illusionen mehr machen: Sie merken, dass sie nichts zustande gebracht haben, dass sie die Leute in die Irre geführt haben und dass man sie nicht liebt. Aber jetzt ist es zu spät, jetzt muss man gehen. Oh ja, die traurige Wahrheit! Für die Eingeweihten jedoch ist es die beste Wahrheit: Während des Winters stoßen sie Seufzer der Erleichterung aus.“ Denn sie wissen, dass sie „drüben“ reich belohnt werden für alles, was sie den Menschen gegeben haben, und dass sie von sich sagen können, den Lebenszweck erfüllt zu haben: Als ein weiserer, gütigerer, liebenderer Mensch diese Erde zu verlassen, als sie sie betreten haben.

Alles in der Natur ist Rhythmus und ewige Wiederkehr, und der Mensch ist davon nicht ausgenommen. Auch er hat seine Jahreszeiten und seine Zeit, da er nach außen geht und dann sich wieder nach innen wenden sollte – wie es der Mond alle vierzehn Tage tut. Bei zunehmendem Mond ist der Mensch aktiv, bewusst, unternehmungslustig und willensstark, während er bei abnehmendem Mond fühlt, dass seine Energien eher die Tendenz haben, sich zurückzuziehen, um die Wurzeln zu ernähren, also den Magen und die Geschlechtsorgane. Appetit und Sinnlichkeit nehmen beim abnehmenden Mond zu, und man braucht mehr Ruhezeiten. Wie Ebbe und Flut steigen die Energien: Bei zunehmendem Mond herrscht Flut, und sie bewegen sich zum Hirn hinauf, während sie bei abnehmendem Mond sich zurückziehen wie die Wellen des Meeres in die unteren Regionen des Leibes.

Es ist gut, um die Rhythmen des Lebens zu wissen, rät uns Mikhaël Aïvanhov: „Es ist zum Beispiel besser, sich nicht in neue Unternehmungen zu stürzen, während der Mond abnimmt, denn diese könnten misslingen oder auf Hindernisse stoßen. Aber wenn ihr euch von einer Schwäche, einer Untugend, einer Sorge oder von quälenden Gedanken befreien möchtet, könnt ihr genau diesen Zeitpunkt wählen und sagen: ‚So, wie der Mond gerade abnimmt am Himmel, so möge dies oder jenes in mir abnehmen und verschwinden.‘ Und das ist zudem weiße Magie. Während des zunehmenden Mondes hingegen kann man Formeln aussprechen, um seine guten Eigenschaften zu verstärken, bestimmte Erfolge zu erlangen und in der Fülle zu leben.“ Mehr, sagt Aïvanhov, dürfe er nicht verraten, denn „ein Eingeweihter kann keine Reichtümer, die er zum Preis großer Anstrengungen, großer Schwierigkeiten, großer Prüfungen erworben hat, Menschen geben, die nicht ganz klar ein göttliches Ziel anstreben.“

Quellenangaben

  • 1 Im Buch Leben und Arbeit in einer Einweihungsschule,
    Prosveta Verlag