Künstliche Intelligenz wird Millionen von Arbeitsplätzen wegrationalisieren. Was zur Armutsfalle für viele Leute zu werden droht, könnte aber auch der Beginn einer leuchtenden Zukunft für uns alle sein.

AI (Artificial Intelligence) – quo vadis? Künstliche Intelligenz wird die Gesellschaft verändern, so oder so.
„Was ein Mensch an Gutem in die Welt hinausgibt, geht nicht verloren.“
Albert Schweitzer
Welchen Wert soll das Teilen und damit das Geben in einer Gesellschaft haben? Um diese Frage wird in Kalifornien heftig gestritten. Denn auch der bevölkerungs- und einflussreichste Bundesstaat der USA leidet darunter, dass die Reichen hemmungslos reicher werden, während der öffentlichen Hand und den einfachen Bürgern das Geld ausgeht. So kamen im Mai 2026 genügend Unterschriften für eine Initiative zusammen, die eine Sondersteuer für Milliardenvermögen fordert. Das kalifornische Parlament will im November 2026 darüber abstimmen. Klar, dass sich viele Superreiche dagegen wehren. Schließlich sollen alle, die mehr als eine Milliarde Dollar besitzen, eine einmalige Abgabe von 5 Prozent ihres Vermögens an die Allgemeinheit entrichten. Das könnte dem Bundesstaat bis zu 100 Milliarden Dollar für Gesundheitsversorgung, Sozialprogramme und Bildung in die Kassen spülen. Anders ausgedrückt: Nicht zuletzt dank des Silicon Valley verfügen allein schon die in Kalifornien wohnhaften Milliardäre über ein geschätztes Gesamtvermögen von zwei Billionen, also zweitausend Milliarden Dollar.
Dazu zählt der Tech-Milliardär Sergey Brin (53), einer der beiden Gründer von Google. Er ist der prominenteste Gegner der Steuervorlage und bekämpft sie mit zweistelligen Millionensummen, die er an die politische Gegenkampagne spendet. Brin begründet dies mit seiner persönlichen Geschichte: Bei seiner Geburt lebte die Familie in Moskau. Dort seien die Eltern als Juden verdecktem Antisemitismus und staatlicher Schikane ausgesetzt gewesen, weshalb sie die Sowjetunion 1978 in Richtung USA verließen. Er vergleicht die geplante Vermögenssteuer mit dem kommunistischen Russland und bezeichnet sie als „eine gefährliche Entwicklung hin zu staatlicher Überregulierung“.
Womöglich spielt aber auch eine Rolle, dass Sergey Brin bei Annahme des Steuergesetzes 14 Milliarden Dollar in den staatlichen Topf geben müsste – falls er dann überhaupt noch offiziell in Kalifornien wohnen sollte (viele Milliardäre überlegen bereits laut, vom „Golden State“ wegzuziehen). Klar, das ist unvorstellbar viel Geld, wäre aber bei einem persönlichen Vermögen von rund 280 Milliarden Dollar (Stand Juli 2026) verkraftbar, ohne dass der aktuell drittreichste Mann der Welt deswegen gleich am Hungertuch nagen müsste. Diese 14 Milliarden Dollar, welche der Allgemeinheit zugutekommen würden, werden auch dadurch relativiert, dass Sergey Brins Vermögen in weniger als fünf Monaten um das Zweieinhalbfache dieses enormen Betrags angewachsen ist: Im Februar 2026 war der Tech-Mogul nämlich noch 243 Milliarden Dollar schwer. Mit anderen Worten: Die 14 Milliarden Dollar Sondersteuer sind ungefähr so viel, wie Brin in weniger als zwei Monaten „verdient“ hat …
Das ist die Krux mit dem entfesselten Turbokapitalismus von heute, wo das Spekulieren an den Börsen ins Grenzenlose ausufert. Denn es ist ein Trugschluss, dass das Geld für einen arbeitet. In Wahrheit bekommen irgendwo auf der Welt Menschen für ihre Arbeit zu wenig Geld, damit andere durch ihr Agieren am Geldmarkt Unsummen anhäufen können – doch niemand verdient so viel Geld, weil keine Arbeit der Welt so viel wert ist.1
Deshalb argumentieren die Befürworter einer Milliardärs-Steuer in Kalifornien, die außerordentliche Vermögenskonzentration von heute erfordere außerordentliche Maßnahmen. Dieser Ansicht sind nicht allein Gewerkschaften und progressive Politiker, sondern auch einige wenige Betroffene selbst. So widerspricht ein anderer jüdischer Tech-Milliardär vehement der Ansicht des Google-Erfinders Brin und fordert sogar eine Umverteilung des in der digitalen Welt erwirtschafteten Profits: Der in San Francisco wohnhafte Sam Altman bringt zwar „nur“ 3,4 Milliarden Dollar an Privatvermögen auf die Waage (Stand Juli 2026), doch das von ihm geführte Software-Unternehmen OpenAI ist ein Schwergewicht in der Welt der künstlichen Intelligenz (Stichwort ChatGPT).
Im April 2026 veröffentlichte der 41-jährige Altman nämlich einen Leitfaden für staatliche Interventionen in den KI-Boom; mittlerweile haben auch andere Tech-Unternehmen vergleichbare Papiere vorgestellt. Unter dem Titel „Industriepolitik für das Zeitalter der künstlichen Intelligenz“ werden Ideen präsentiert, „die dafür sorgen, dass der Mensch im Mittelpunkt bleibt“. Für den OpenAI-Chef steht die Schöpfung einer KI-Superintelligenz unmittelbar bevor. Eine solche sei dem Menschen auf intellektueller Ebene weit überlegen und werde „so disruptive Folgen haben, dass Amerika einen neuen Gesellschaftsvertrag benötigt“, der noch wichtiger sei als Roosevelts „New Deal“ während der Weltwirtschaftskrise vor knapp hundert Jahren. Das sagt Altman in einem Interview mit dem Newsportal Axios. Deshalb müsse der Staat „den Reichtum aus genau jener Technologie besteuern, regulieren und umverteilen, an deren Entwicklung und Verbreitung ich selbst mit Hochdruck arbeite“. Die Gefahren durch Untätigkeit oder zögerliches Handeln seien gravierend, warnt der Tech-Milliardär: massive Verluste von Arbeitsplätzen, soziale Unruhen und Maschinen, die der Mensch nicht mehr kontrollieren kann.
Ins gleiche Horn bläst eine US-Wirtschaftsprofessorin, die sich intensiv mit den Folgen der künstlichen Intelligenz auseinandersetzt. Sie beklagte sinngemäß in einem Gespräch, welches das Schweizer Radio SRF im vergangenen Jahr ausstrahlte, dass wir uns immer noch nicht auf das eigentliche Problem konzentrieren. Alle würden zwar darüber reden, wie viele Millionen Jobs die künstliche Intelligenz in naher Zukunft wegrationalisiere – doch die weit wichtigere Frage laute: Was geschieht mit dem durch die KI erwirtschafteten Profit? Kommt die zusätzliche Rentabilität auch der Allgemeinheit zugute oder wie bis jetzt nur den aktienbesitzenden Shareholders?
Eine mögliche Lösung, um die Verarmung breiter Gesellschaftsschichten zu vermeiden und den sozialen Frieden zu wahren, liegt für die Wirtschaftsprofessorin auf der Hand: Anstatt Leute einfach auf die Straße zu stellen, weil die künstliche Intelligenz deren Arbeit praktisch zum Nulltarif erledigt, könnten die Unternehmen die Arbeitszeit ihrer Belegschaft entsprechend kürzen – bei gleichbleibendem Lohn.
Weil die rücksichtslose Gewinnoptimierung des modernen Kapitalismus einen solchen Gedanken aber niemals freiwillig umsetzen würde, ist eine staatliche Intervention, wie sie Sam Altman fordert, unumgänglich. Zumal der OpenAI-Chef die zwei unmittelbarsten Bedrohungen durch künstliche Intelligenz in Cyberattacken und Angriffen mit biologischen Kampfstoffen sieht. So, wie die Pharmabranche mithilfe von KI-Modellen Medikamente und genbasierte Impfstoffe entwickelt, könnten Terrorgruppen (oder das Militär gewisser Staaten) künstliche Intelligenz nutzen, um neuartige Krankheitserreger zu schaffen. „Das ist kein rein theoretisches Szenario mehr – oder wird es zumindest nicht mehr lange bleiben.“
Immer mehr Pioniere der künstlichen Intelligenz drängen offenkundig völlig überforderte Politiker dazu, das Technologiemonster endlich in Ketten zu legen. Dabei geht es nicht darum, künstliche Intelligenz zu verbieten – dafür ist es sowieso längst zu spät –, sondern ihre Macht in Bahnen zu lenken, wo sie der Menschheit dient und sie nicht gefährdet.
Was also sind die Kernpunkte einer Industriepolitik im Zeitalter der künstlichen Intelligenz, wie sie OpenAI auf elf Seiten zur Diskussion stellt?

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