Das Internet: Dein Feind und Blockierer

Das „weltweite Netz“ ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken, doch es ist bis ins Innerste verrottet und korrumpiert. Jetzt, wo mehr als die Hälfte der Menschheit online ist, hat das Konsequenzen: Über neue Formen der totalen Zensur und Möglichkeiten, dagegen anzugehen.

Am 8. Februar 1996 publizierte der Mitbegründer der Electronic Frontier Foundation, John Perry Barlow, in Davos die „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“, ein glühendes Manifest, welches zeigt, wie viel Hoffnung man damals noch in das Internet als Hort der Freiheit und Demokratie setzte. Darin hieß es unter anderem:

Die Idee des freien, demokratischen Internets sollte die Menschen miteinander verbinden. Diese Kette ist zerbrochen und es ist Zeit, neue Wege zu gehen.

Die Idee des freien, demokratischen Internets sollte die Menschen miteinander verbinden. Diese Kette ist zerbrochen und es ist Zeit, neue Wege zu gehen.

„Regierungen der industriellen Welt, ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich euch, die der Vergangenheit angehören, uns in Ruhe zu lassen. Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt ihr keine Macht. Wir haben keine gewählte Regierung, und wir werden wohl auch keine bekommen – und so wende ich mich mit keiner größeren Autorität an euch als der, mit der die Freiheit selber immer spricht. Ich erkläre den globalen sozialen Raum, den wir errichten, als von Natur aus unabhängig von der Tyrannei, die ihr über uns auszuüben anstrebt. Ihr habt kein moralisches Recht zu regieren, noch besitzt ihr irgendwelche Methoden, es zu erzwingen, die wir wahrhaftig Grund hätten zu fürchten. (…) Wir erschaffen eine Welt, die alle betreten können, ohne Bevorzugung oder Vorurteil durch Rasse, Wirtschaftsmacht, Militärgewalt oder Herkunft. Wir erschaffen eine Welt, in der jeder überall seine oder ihre Überzeugungen ausdrücken darf, wie individuell sie auch sind, ohne Angst davor, zum Schweigen oder zur Konformität gezwungen zu werden. (…) Wir werden im Cyberspace eine Zivilisation des Geistes erschaffen. Möge sie humaner und gerechter sein als die Welt, die eure Regierungen bislang errichtet haben.“

Nun, nicht einmal ein Vierteljahrhundert später, ist es „der Morgen nach der Party der freien Rede, und der Ort ist verwüstet“1 . Der, der das gesagt hast, ist einer von Zehntausenden meist jungen Leuten, die in einem der „Sicherheits- und Vertrauensteams“ von Google, Facebook, Instagram und Co. das World Wide Web nach „verbotenen“, unliebsamen, nicht meinungskonformen Inhalten durchkämmen und diese „bereinigen“. Tatsächlich hat dieses Jahr 2019 ein Ausmaß an Zensur mitgebracht – die sich im heutigen Informationszeitalter vor allem in den Neuen Medien abspielt –, wie es westliche Demokratien seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben. Die Technologieriesen, die mittlerweile „als Legislative, Exekutive, Justiz und Presse agieren“, wie es ein Jurist ausdrückte, bestimmen dabei weitgehend selbst, welche Inhalte in Ordnung sind und vor welchen die Bevölkerung „beschützt“ werden muss. Allerdings gehen die Techfirmen dabei oft unheilige Allianzen mit (obskuren) Regierungsstellen ein, wie wir noch sehen werden.

Die Firmen haben auch gar kein Problem damit, das Wort „Zensur“ in den Mund zu nehmen. Gemäß Google war eine interne Präsentation vom März letzten Jahres mit „Der gute Zensor“ überschrieben, und selbst der Facebook-Chef Mark Zuckerberg findet, dass die Unternehmen „zu viel Macht über die Rede haben“. Dennoch, obwohl mit schöner Regelmäßigkeit publik wird, wie der eine oder andere Techgigant die Nutzer seiner Dienste wieder einmal ausspioniert, übers Ohr gehauen oder belogen hat, gleicht die Reaktion eher einem kläglichen Piepsen anstelle des lauten Aufschreis des Protestes, den man eigentlich erwarten sollte. (Immerhin haben wir ja wenig Hemmung, unseren Nachbarn umgehend zu verklagen, sollten die Äste seines Apfelbaums etwas zu weit in unser Grundstück hineinragen oder sollte sein Hund unser Auto angepinkelt haben …)

Spionagebrowser

Die fetteste Spinne im Netz dürfte zurzeit wohl Google sein. Doch hat das Unternehmen sein ursprüngliches Motto, das auch im unternehmensinternen Verhaltenskodex aufgeführt wurde, vergessen? „Don’t be evil. – Sei nicht böse.“ Der Ethikrat für Künstliche Intelligenz, ein achtköpfiges Gremium, welches dafür sorgen sollte, dass die sich rasant entwickelnde KI-Technologie bei Google in verantwortungsvollen Bahnen verläuft, wurde jedenfalls im Frühjahr 2019 nach nur einer Woche Existenz sogleich wieder aufgelöst. Zugegeben, das Motto kommt sei April 2018 nur noch im letzten Satz des Verhaltenskodexes vor. Seit Google im Oktober 2015 von Alphabet unter die Fittiche genommen wurde, lautet das Firmenmotto: „Do the right thing. – Tue das Richtige.“ Da bleibt ein bisschen mehr Interpretationsspielraum …

George Orwell, Autor des Romans „1984“: „Je weiter sich eine Gesellschaft von der Wahrheit entfernt, desto mehr wird sie jene hassen, die sie aussprechen.“

George Orwell, Autor des Romans „1984“: „Je weiter sich eine Gesellschaft von der Wahrheit entfernt, desto mehr wird sie jene hassen, die sie aussprechen.“

Im Februar dieses Jahres kam ans Licht, dass Google in seinem Sicherheits- und Alarmsystem Nest Secure ein geheimes Mikrofon eingebaut hatte, das nicht in den Technischen Daten aufgeführt war. Es sei ein „Fehler seitens des Unternehmens“ gewesen, ließ Google verlauten. Ist es denn auch ein Fehler, dass es sich beim Chrome-Browser von Google im Grunde um eine Spionagesoftware handelt, wie die Washington Post im Juni 2019 berichtete? Der Journalist Geoffrey Fowler hatte während einer Woche den Browser analysiert und mit dem Firefox-Browser von Mozilla verglichen. Chrome schmuggelte in dieser kurzen Zeit 11'189 Cookies2 auf Fowlers Computer, Firefox hingegen blockierte diese automatisch. Selbst bei Webseiten wie dem amerikanischen Versicherer Aetna oder der Federal Student Aid-Webseite, wo Studenten Geldanleihen treffen können, setzte Chrome Cookies für Facebook und Google. Wer zusätzlich zum Chrome-Browser noch ein Gmail-Konto hat, wird – ebenso ungefragt – automatisch beim Chrome-Browser eingeloggt, was Google Zugriff auf die Aktivitäten im Web gibt. Erkennbar ist dies daran, wenn in der rechten oberen Ecke des Browsers ein Name oder ein Bild erscheint. Wird Chrome auf einem Android-Smartphone verwendet, kennt Google sogar den genauen Aufenthaltsort des Nutzers, und selbst wenn das Telefon ausgeschaltet ist, werden die ungefähren Koordinaten übermittelt.

Apropos Smartphone: Auch wenn GPS und die Standorterkennung deaktiviert sind und sogar das Telefon ausgeschaltet ist, können Google und die US-amerikanische NSA (National Security Agency) immer noch exakt den Standort des Gerätebesitzers ermitteln! Dies berichtete die Times im April 2019. Die Daten werden bei Android-Geräten, iPhones und iPads, die Google Maps und andere Google Apps installiert haben, ermittelt und in einer Google-Datenbank namens Sensorvault gesammelt.

Diese Datenbank geht mindestens bis ins Jahr 2009 zurück und enthält mittlerweile Standortdaten von Hunderten von Millionen von Geräten. Die NSA wiederum verwendet diese Daten beispielsweise, um Verbrechen aufzuklären. Bloß, so die Electronic Frontier Foundation, arbeitet die Behörde bei einem Verbrechen quasi wie bei einem Angelausflug. Sie geht dabei nicht von einem bestimmten Verdächtigen aus, sondern alle Personen, deren Standortdaten ergeben, dass sie sich zum Zeitpunkt des Verbrechens in der Nähe befanden, gelten automatisch als verdächtig und es kann gegen sie ermittelt werden. So kann eine Strafverfolgung stattfinden, einfach weil jemand zur falschen Zeit am falschen Ort war.

Dass Google mit der NSA eine „kuschelige“ Beziehung hat, ist schon länger bekannt. Der Wikileaks-Gründer Julian Assange hatte in seinem Buch „When Google met Wikileaks“ die Verstrickungen von Google mit der NSA (Google erhielt auch Geld von der NSA) und anderen Regierungsstellen aufgezeigt. Ein Al-Jazeera-Report zeigte 2014 anhand von internen E-Mails, dass Google und die NSA auf höchster Ebene koordiniert zusammenarbeiten, und ist es denn ein Zufall, dass der frühere Google-CEO und jetzige Alphabet-Vorstandsvorsitzende Eric Schmidt vom Pentagon in dessen Defense Innovation Advisory Board (Beratungsgremium für Innovationen in der Verteidigung) geholt wurde?

Suchalgorithmen: die neuen Superzensoren

Doch kehren wir zurück zu kürzlich Geschehenem. Wir erinnern uns: Der Ruf nach mehr Kontrolle – also Zensur – im Internet wurde laut, nachdem sogenannte „Fake-News“ zum Thema wurden, insbesondere im Zusammenhang mit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten. Tatsächlich nutzt Google seine fast absolute Macht – neunzig Prozent aller Suchanfragen weltweit laufen über Google – gezielt zur politischen Kontrolle und Meinungsbildung.3 So filmte Project Veritas4 die Google-Managerin Jen Gennai, als sie gegenüber einer Bekannten zugab, dass Google künstliche Intelligenz und Manipulation durch Algorithmen bei der nächsten Präsidentschaftswahl 2020 einsetzen werde, um dafür zu sorgen, dass jemand wie Donald Trump nicht mehr an die Macht gelangen könne.

Dies ist keineswegs nur vollmundige Prahlerei. Anfang Juni 2019 hat Google einen neuen Algorithmus eingeführt, dessen weitreichende Konsequenzen sofort sichtbar wurden. So verloren diverse Webseiten vor allem aus den Bereichen Nachrichten und Gesundheit bis zu fünfzig Prozent ihres Suchverkehrs im Internet. Auffallend dabei: Dies betrifft in erster Linie News-Portale, die dem politisch rechten Lager zugeordnet werden wie beispielsweise der Daily Mail. Aber auch Seiten wie das weltweit größte Gesundheitsportal von Dr. Joseph Mercola, der sich nicht davor scheut, auf Gefahren von pharmazeutischen Produkten wie zum Beispiel Statinen aufmerksam zu machen, und auch natürliche Alternativen aufzeigt, werden seit Juni von Google unterdrückt. Der Suchverkehr von Google auf Mercola.com ist über wenige Wochen um 99 Prozent zurückgegangen! Oder anders gesagt, diese Seite ist für die Internetnutzer fortan praktisch unsichtbar. Hingegen fließt nun sehr viel mehr Verkehr auf Seiten von linksgerichteten Medien wie den Mirror oder The Sun oder Propagandaseiten von Pharmaunternehmen. Bereits 2017 enthüllten Forscher an der Northwestern University die linkspolitische Agenda von Google. Von 6'302 News-Artikeln, die bei Google bei Suchanfragen zum entsprechenden Thema an oberster Stelle erschienen, stammten mehr als zehn Prozent von CNN, weitere 6,5 Prozent waren von der New York Times. 86 Prozent aller Artikel entsprangen aus gerade einmal zwanzig Quellen, wovon 62 Prozent linkgerichtet waren. Journalistische Vielfalt kann man das nicht nennen.

Digitale Manipulation der Wähler

Bekommen die Menschen auf ihrer Suche nach Informationen aber nur einen Teil der Meinungen zu Gesicht, hat das direkte, konkrete Auswirkungen. So ergab eine vom American Institute for Behavioral Research and Technology ausgeführte Untersuchung, dass die von Google-Algorithmen gesteuerten Suchanfragen bei den Zwischenwahlen für den amerikanischen Kongress von 2018 dazu geführt hatte, dass über 78 Millionen zusätzliche Stimmen an die Demokraten gingen. Bei noch unentschlossenen Wählern kann der Einfluss von Suchresultaten, die nur eine Seite der Medaille beleuchten, zwischen zwanzig und achtzig Prozent betragen. „Die Leute wissen nicht, dass weltweit mindestens 25 Prozent der nationalen Wahlen durch den Suchalgorithmus von Google entschieden werden“, erklärte der Forschungsleiter Dr. Robert Epstein.

Das „Irrenhaus“ Wikipedia

Das Credo von Dr. Joseph Mercola verunmöglichen: „Nimm deine Gesundheit in die eigenen Hände!

Das Credo von Dr. Joseph Mercola verunmöglichen: „Nimm deine Gesundheit in die eigenen Hände!

Die Suchmaschine ist zwar von einem Algorithmus gesteuert, aber der Algorithmus ist von Menschen programmiert. Sollte der, bereits von menschlicher Meinung (und zweifellos einer absichtlichen Agenda) geprägte Algorithmus nicht ausreichen, um unerwünschte Webseiten verschwinden zu lassen, beschäftigt Google ein ganzes Heer von sogenannten „Quality raters“ (Qualitätsbewertern), die gezielt manuell eine Seite „unsichtbar“ machen können. So ließ Google im Juni 2018 ein Video, in dem die Haltung des Christentums zu gleichgeschlechtlichen Ehen erklärt wurde, in der Versenkung verschwinden, nachdem es zu heftigen Protesten von Mitarbeitern gekommen war. Ähnliches passierte mit einem Produkt für Kinder, das sich an „Familien richtete“. Die Bezeichnung führte unter Google-Angestellten, die sich der „LGBT-Community“ zugeneigt fühlen, zu Aufruhr, weil sie nicht-traditionelle Formen oder kinderlose Paare als Familien ignoriere; der Begriff „Familie“ sei daher „beleidigend, unangebracht, homophob und falsch“. Ins Bild passt auch, dass nach den Kriterien der Google-Zensoren der Satz „It’s okay to be gay“ (es ist in Ordnung, schwul zu sein) zwar völlig okay ist, nicht jedoch der Satz „It’s okay to be white“ (es ist in Ordnung, weiß zu sein).

Wer also immer noch glaubt, dass die nach einer Suchanfrage oben auf der Liste erscheinenden Resultate die populärsten oder besten Seiten oder Beiträge seien (ob das nun aufgrund des allgemeinen Interesses, der Expertise der Autoren oder anderer Kriterien der Fall ist), sieht sich getäuscht. Selbst Beiträge von ausgewiesenen Experten werden von Google beerdigt, wenn die Seite oder der Beitrag gemäß Google-eigenen Bewertungskriterien der Bevölkerung schaden könnte.

Auf zu neuen Ufern!

In einem Interview mit dem Magazin Vanity Fair im Juli 2018 erklärte Sir Tim Berners-Lee, der als der Erfinder des World Wide Web gilt, das Internet habe versagt. Statt der Menschheit zu dienen, habe es sich jetzt gegen den Menschen gerichtet. Für Berners-Lee, der nie direkt von seiner Erfindung profitierte, war von Anfang an klar, wie tiefgreifend das Internet sich auf die Gesellschaft auswirken könnte. Nun, wo bereits mehr als die Hälfte der Menschheit Zugang zum Internet hat, sieht Berners-Lee den Moment gekommen, das Ruder noch herumzureißen. Er arbeitet an einem neuen, freien Internet, Solid genannt, das den Menschen ihre Privatsphäre und die totale Kontrolle über ihre Daten zurückgeben soll. Gefragt, was der Einzelne beitragen könne, antwortete Berners-Lee: „Man braucht keine Programmierkenntnisse. Sie müssen sich einfach ein Herz fassen und entscheiden, dass genug genug ist.“

Tatsächlich können wir jetzt schon einiges tun,um das Monopol von Google, Wikipedia, Facebook, Twitter und Konsorten zu durchbrechen. Sie glauben, ohne diese geht es nicht? Es gibt genug Alternativen. Einige befinden sich zwar erst im Aufbau, nutzen wir sie jedoch häufiger, können wir sie stärken. Hier einige Vorschläge:

• Verwenden Sie andere Suchmaschinen als Google, z. B. DuckDuckGo, StartPage oder unseren Favoriten Ecosia.

• Deinstallieren Sie den Chrome-Browser. Installieren Sie stattdessen Opera, Brave oder Firefox beziehungsweise Safari für Apple-Geräte.

• Verzichten Sie auf Gmail. Benutzen Sie einen anderen Mail-Service wie zum Beispiel ProtonMail, einen verschlüsselten E-Mail-Dienst mit Sitz in der Schweiz.

• Alternativen zu YouTube sind Vimeo oder PeerTube.

• Auch zu Wikipedia sind alternative Seiten im Aufbau, so FreeWiki oder Everipedia.

• Statt Twitter gibt es Mastodon oder Gab.

• Sollten Sie Soziale Netzwerke nutzen, verwenden Sie statt Facebook Human Connection oder Minds.

• Boykottieren Sie auch andere Google-Produkte wie Google Docs. Stattdessen könnten Sie es mit Microsoft Office Online, Zoho Docs, OnlyOffice oder Etherpad versuchen

• Sie haben noch weitere Ideen oder gute Erfahrungen mit anderen Produkten und Anbietern gemacht? Schreiben Sie uns, damit wir Ihre Erfahrungen auf unserer Webseite mit anderen Menschen teilen können.

Doch worauf basiert die Einschätzung von Google (abgesehen von politischen und anderen Agenden wie vorhin aufgezeigt)? Zu einem großen Anteil bildet Wikipedia den Prüfstein.5Wikipedia, das weltgrößte Lexikon, an dem jedermann mitarbeiten kann. Und da nicht nur alle mitschreiben, sondern auch die Einträge anderer verbessern können, kommt man der Wahrheit immer näher, respektive ist größtmögliche Objektivität gewährleistet. – So die ursprüngliche Idee. Allerdings hat Wikipedia nie gehalten, was es versprach. Lawrence (Larry) Sanger, 2001 einer der Gründer, verließ Wikipedia bereits nach einem Jahr, weil „die Insassen die Macht über das Irrenhaus übernommen hatten“. Es gäbe Gruppen, die Artikel und Themen besetzten, um ihre eigenen spezifischen Meinungen publik zu machen.

Tatsächlich ist Wikipedia weder offen noch objektiv und akkurat auch nicht. Wie Forschungen zeigen, sind neun von zehn Beiträgen zum Thema Gesundheit auf Wikipedia ungenau oder sogar falsch. Andere Bereiche wurden gegen gutes Geld von PR-Profis manipuliert, etwa die Wikipedia-Einträge von Barack Obama, Sony, John McCain, dem Vatikan oder der CIA.

Und es ist ganz und gar nicht so, dass jeder mitschreiben kann. Wikipedia blockiert täglich rund 1'000 Autoren, meist nicht deshalb, weil deren Einträge nicht richtig gewesen wären, sondern weil ihre Ansicht nicht mit derjenigen der kleinen Machtelite, welche Wikipedia einvernahmt hat, übereinstimmt. Nachgewiesenermaßen stammen 77 Prozent des Inhalts von Wikipedia von einem Prozent der Autoren. Hier findet eine immense Machtkonzentration statt, welche mit unzimperlichen Methoden verteidigt wird. Wie der deutsche Wikipedia-Kritiker Dirk Pohlmann erklärt, hat sich die weltweit am fünfthäufigsten angeklickte Webseite zu einem monopolistischen „Ministerium der Wahrheit“ entwickelt, das sich unter der Maske der Objektivität (denn es ist ja Objektivität, die man von einem Lexikon erwartet) versteckt. Unliebsame Autoren werden lebenslänglich gesperrt, ihre Einträge gelöscht oder passend zur Agenda der Autorenelite umgeschrieben.

Wikipedia verwendet auch Filter, damit Inhalte nicht editiert werden können. Die bekannte investigative US-Journalistin Sharyl Attkisson6 etwa konnte bei dem mit Fehlern und falschen Anschuldigungen gespickten Wikipedia-Eintrag über sie noch nicht einmal das falsche Geburtsdatum ändern. Wie Insider berichten, herrscht bei Wikipedia eine wahre Mobbing-Kultur, wobei die paar wenigen „Administratoren“ auch nicht davor zurückschrecken, kritische Autoren und deren Familien zu verfolgen und zu bedrohen. Eine Ahnung vom Tun hinter den Kulissen von Wikipedia bekommt man, wenn man eine Ebene tiefer schürft und sich einmal die Versionsgeschichte (View History) einer Seite, anklickbar auf der Wikipedia-Seite oben rechts, anschaut. Der Tonfall ist oft grauenhaft und es wird sehr schnell klar, wie ein paar wenige, immer anonyme Autoren, Themen besetzen.7

Missbrauchtes Vertrauen

Im ganzen Spiel taucht seit Kurzem auch ein weiterer Akteur auf: The Trust Project (auf Deutsch: Das Vertrauensprojekt). The Trust Project beschreibt sich selbst als ein „Konsortium von Top-Nachrichtenunternehmen“, das mittels sogenannter „Vertrauensindikatoren“ den Lesern helfen will, qualitativ guten und glaubwürdigen Journalismus von schlechten Nachrichtenmedien zu unterscheiden. Was im ersten Augenblick gut und richtig klingt, entpuppt sich beim genaueren Hinsehen als weiterer Versuch, die Medienlandschaft zu plafonieren, gemäß den Standards einer kleinen, selbstgerechten Elite. Mit dem Logo von The Trust Project dürfen sich nämlich nur jene Medien schmücken, die als „qualifizierte Publizisten“ gelten, eine Definition, die The Trust Project vornimmt. Die Kriterien wurden maßgeblich von jenen Massenmedien mitformuliert, die ihren Tribünenplatz im Medienzirkus ungern mit unabhängigen Mitkonkurrenten teilen möchten. Dazu gehört etwa die Washington Post (sie ist im Besitz von Amazon-Gründer Jeff Bezos, dem reichsten Mann der Welt), der Economist (der von der Rothschild-Familie dirigiert wird) oder auch der Globe and Mail (gehört den Thomsons, der reichsten Familie Kanadas). Allerdings handelt es sich bei The Trust Project nicht nur um eine Liste von Richtlinien. Weitaus relevanter ist, dass diese Richtlinien als maschinenlesbarer Code in den Artikeln auf den Webseiten der Medienpartner von The Trust Project eingebettet sind (und dieser Code wird natürlich nur jenen Medien zur Verfügung gestellt, die The Trust Project angehören).

Ganz einfach gesagt: Kommen diese Codes in einem Text vor, rufen sie den Suchalgorithmen im Internet im übertragenen Sinn laut zu „Dieser Text ist ehrlich, qualitativ hochstehend und vertrauenswürdig, bitte ganz oben bei den Suchresultaten aufführen!“. Google, Twitter, Facebook, Bing etc. nutzen diese Codes bereits, um das Internet von Fake-News zu „säubern“. Für die Medienpartner von The Trust Project sind die Codes somit wie ein Schutzschild, der ihre eigenen Publikationen vor den Auswirkungen eben jener Algorithmen bewahrt, welche die Suchmaschinen jetzt nutzen, um unabhängige und unbequeme Stimmen im Internet zum Verstummen zu bringen.

Finanziert wird The Trust Project maßgeblich von Craig Newmark Philanthropies, Google, Facebook, dem Democracy Fund von Pierre Omidyar (Gründer von eBay und Besitzer von PayPal), der Markkula Foundation (gegründet vom früheren Apple-CEO A. M. Markkula) sowie der John S. and James L. Knight Foundation (welche auch den Internetfilter Newsguard – in Wahrheit eine Zensur-App – mitfinanzierte8 ). Bei diesen Organisationen und Stiftungen findet nicht nur untereinander oft ein recht undurchsichtiger Transfer von Geld und Personen statt, sondern sie stehen zudem mit anderen Akteuren wie dem Council on Foreign Relations (z. B. Newmark über seine Strategieberaterin Vivian Schiller), dem German Marshall Fund oder der Anti-Defamation League in Verbindung. The Trust Project ist also auch mit Regierungs-, Militär- und Geheimdienststellen gut vernetzt, und der Verdacht liegt sehr nahe, dass es auch bei The Trust Project um Kontrolle und Zensur und nicht um ehrlichen, vielfältigen und qualitativ hochstehenden Journalismus geht.9

Der Preis der Bequemlichkeit

In diesen ganzen Dunstkreis von Zensur und Einflussnahme passen die nachdenklich stimmenden Resultate des Instituts für Demoskopie (IfD) in Allensbach vom Mai 2019, welche vielsagenderweise von den Mainstreammedien größtenteils ignoriert worden waren. Wie Umfragen des Meinungsforschungsinstituts ergaben, sind fast zwei Drittel der Deutschen der Ansicht, man müsse bei gewissen Themen heute vorsichtig sein, wie man in der Öffentlichkeit darüber spreche. Zu diesen Themen gehören hauptsächlich „Flüchtlinge“, „Muslime und Islam“ sowie „Nazizeit und Juden“. „Weite Bevölkerungskreise“ empfinden auch die Themen „Patriotismus“, „Homosexualität“ und „drittes Geschlecht“ als tabu. Nur gerade achtzehn Prozent der Befragten waren der Ansicht, im öffentlichen Raum frei ihre Meinung äußern zu können. Ganze 59 Prozent jedoch wagen es einzig unter Freunden und Bekannten zu sagen, was sie denken. Insbesondere die immer rigoroseren von Political Correctness und Gender-Ideologien geprägten Sprachregelungen bereiten vielen Menschen Mühe.

Ist die ganze Misere also einfach die Schuld der globalistischen Techgiganten, ihrer Hintermänner und ihrer Handlanger? Nicht nur. Wir alle tragen Verantwortung. Wir haben den Firmen erst die Macht gegeben, die sie jetzt in Händen halten und wohl nicht so leicht aufgeben werden. (Immerhin geht es um enorm viel Geld: Facebook verdiente allein von Januar bis März 2018 11,97 Milliarden US-Dollar, Google konnte im selben Zeitraum 31 Milliarden Dollar aufs Konto schreiben.) Mit jedem Klick, jeder geteilten Information, jedem Ja zu noch dreisteren Forderungen (denn wer liest schon im Detail die winzig klein gedruckten, seitenlangen Nutzervereinbarungen) haben wir dazu beigetragen. Mit unserem Wild- West-Gehabe, den im Netz zum Alltag gewordenen Beleidigungen, Lügen, dem Klatsch, der unflätigen Sprache, den Obszönitäten haben wir die Fake-News-Blase gefüttert und Argumente für Zensur und Kontrolle im Internet geliefert. Es ist nun einmal so: Zur Freiheit gehört Verantwortung. Wer frei sein will, muss Verantwortung übernehmen für seine Handlungen, Gedanken, Worte. Und ist die Freiheit gewonnen, gilt es sie immer wieder zu verteidigen. Vielleicht sind wir auch einfach zu bequem und selbstgefällig geworden.

Quellenangaben

  • 1 Neue Zürcher Zeitung, 20.8.2019, „Freie Rede im freien Fall“ (von Niall Ferguson)
  • 2 Ein Cookie ist eine Datei, die das private Internetverhalten eines Nutzers (z.B. welche Webseiten besucht wurden) speichert und unaufgefordert an einen Empfänger (z.B. Google) übermittelt. Es ist in erster Linie also ein Mittel zur Datensammlung.
  • 3 Dies gilt auch für andere Techgiganten wie Facebook. Vor der EU-Parlamentswahl im Frühjahr 2019 löschte Facebook 23 italienische Facebook-Seiten mit politischen Inhalten. Die Seiten hatten 2,46 Millionen Abonnenten und unterstützten die Regierungsparteien Lega und Cinque Stelle. Für Facebook ein klarer Fall von Fake-News …
  • 4 www.projectveritas.com. Project Veritas kämpft gegen Korruption und Betrug und gibt Whistleblowern eine Stimme. Unter anderem hat ein Google-Whistleblower Project Veritas über 1‘000 interne Google-Dokumente zur Verfügung gestellt, welche die gesellschaftspolitische Agenda von Google belegen.
  • 5 Auch hier fließt übrigens Geld, wird Wikipedia von Google doch großzügig finanziell unterstützt.
  • 6 Wie diese Frau für eine unabhängige Presse kämpft, lesen Sie hier: Medien heute: Dackeln statt bellen!
  • 7 Wer mehr wissen will: Auf der Seite wikipediocracy.com (nur in Englisch) sind viele Beispiele von Fehlinformationen, Autorenhetze etc. auf Wikipedia im Detail aufgeführt.
  • 8 vgl. Artikel Internet: Wir bilden Ihnen gerne Ihre Meinung!
  • 9 Einen ausführlicheren Hintergrundbericht dazu, der die komplexen Verstrickungen aufzeigt, gibt es bei mintpressnews.com