Am Anfang war Pythagoras

Wer könnte der Vater europäischen Denkens sein? In anderen Kulturen fällt es uns leicht, dies zu beantworten. Blicken wir in den Fernen Osten, fallen uns die Namen Lao Tse, Konfuzius, Buddha Gautama ein, die vor rund 25 Jahrhunderten den Samen der Weisheit und Erleuchtung in die Erde Ostasiens pflanzten. Doch wo ist der Vater des wissenschaftlichen Europas? Des Europas der Forscher und Gelehrten?

Pythagoras, der prägende Denker Europas.

Pythagoras, der prägende Denker Europas.

Pythagoras wurde in den ersten Jahrzehnten des hervorragenden sechsten Jahrhunderts vor Christus geboren und lebte achtzig, vielleicht auch neunzig Jahre. In diese Lebensspanne drängte er, um mit Empedokles zu reden, "alles zusammen, was in zehn, ja sogar zwanzig Generationen der Menschen enthalten ist." Pythagoras ist tatsächlich der Begründer der europäischen Kultur im Umkreis des westlichen Mittelmeeres. Arthur Koestler schrieb: "Platon und Aristoteles, Euklid und Archimedes sind Wahrzeichen dieser Straße. An ihrem Beginn jedoch, an dem es sich entscheidet, welche Richtung sie einschlagen wird, steht Pythagoras."

Pythagoras wird als Sohn des Silberschmiedes und Gemmenschneiders Mnesarchos und der Parthenis auf der ostgriechischen Insel Samos geboren. Die Pythia, das delphische Orakel, hatte den jungen Eheleuten einen Sohn versprochen, welcher allen Menschen nützlich sein würde zu allen Zeiten. Noch vor seiner Geburt hatten die Eltern das Kind dem Licht Apollos geweiht. Zu seinen ersten Lehrern gehören Anaximandros, der Atheist, und Pherekydes, der Mystiker, der die Seelenwanderung lehrte. Wie viele andere gebildete Bewohner der griechischen Inseln soll er ausgedehnte Reisen in Kleinasien und Agypten gemacht haben und von Polykrates, dem unumschränkten Herrscher von Samos, mit diplomatischen Missionen betraut worden sein. Sein sonstiger Werdegang liegt verborgen hinter den Nebeln der Zeit. In den Annalen der Geschichte taucht er um das Jahr 530 v.Chr. wieder auf, als er sich mit seiner Familie im süditalienischen Kroton niederläßt, der größten griechischen Stadt Süditaliens nach ihrer Konkurrentin Sybaris. Der Ruf, der ihm vorauseilte, muß ungeheuer gewesen sein, denn bald beherrschte die Bruderschaft, die er bei seiner Ankunft gründete, die Stadt und übte eine Zeit lang auch die Oberherrschaft über einen beträchtlichen Teil Großgriechenlands aus.

Pythagoras wurde bald in den Rang eines Halbgotts erhoben. Aristoteles zufolge glaubten die Krotonier, er sei ein Sohn des hyperboreischen Apolls, und eine Redensart besagte, "unter den vernunftbegabten Geschöpfen gibt es Götter, Menschen und Wesen wie Pythagoras." Man sagte ihm nach, daß er Wunder wirken konnte, mit himmlischen Geistern verkehrte, in den Hades hinunter stieg und eine derartige Ausstrahlung besaß, daß nach seiner ersten Rede an die Krotonier sechshundert Menschen seiner Bruderschaft beitraten, ohne nur noch einmal nach Hause zu gehen und sich von ihren Familien zu verabschieden. Auch berichtet die Legende, daß Pythagoras, wie später der Heilige Franziskus, den Tieren predigte. Heute mag es eigenartig anmuten, daß ein genialer Wissenschafter umherging und mit den Tieren sprach; doch in den Augen der Pythagoreer gab es nichts Natürlicheres.

Pythagoras Schau der Dinge umfaßte alles und vereinigte alles in einer lichtvollen Synthese: Religion und Wissenschaft; Mathematik und Musik; Medizin und Kosmologie; Geist, Verstand und Körper. Am leichtesten findet man durch die Musik Zugang zu diesem Universum, wo alles alles beeinflußt und umfaßt.

"Alles ist Zahl" ist eine der berühmt gewordenen Aussagen des Meisters. Wenn uns dies heute nüchtern, abstrakt und kalt anmutet, dann liegt dies am Denkstil unserer Zeit. Den Pythagoreern war die Zahl heilig, sie war die reinste aller Ideen, entkörperlicht und ätherisch. Pythagoras' Entdeckung, daß alle Musik auf Mathematik gründet, war epochemachend. Er fand heraus, daß die Tonhöhe von der Länge der tönenden Saite abhängt, und daß die konsonierenden Intervalle der Tonleiter durch einfache Zahlenverhältnisse aus- gedrückt werden konnten (2:1 Oktave, 3:2 Quint, 4:3 Quart etc.).

Die Verbindung von Musik und Zahlen wurde zur Achse des pythagoreischen Systems. Diese Achse wurde später in beide Richtungen verlängert: Hier zum Menschen und seinem Leib und seiner Seele, dort zum Kosmos. Die Lager, auf denen sich die Achse und das ganze System drehten, waren die Grundbegriffe der ‚harmonia', Harmonie (ein Begriff, den wir Pythagoras verdanken) und der ,Katharsis’, der Reinigung, Läuterung.

Die Pythagoreer verwendeten Musik, um die Seele zu heilen. Den Körper kurierten sie mit Heilmitteln, die Seele, so sie verstimmt, also überspannt oder schlaff war, mit Musik. Die Pythagoreer hielten den Körper selbst für eine Art Musikinstrument, in dem jede Saite die richtige Spannung aufweisen mußte um das ideale Gleichgewicht zwischen ‚hoch' und ‚tief', ,heiß' und ,kalt', ,naß' und ,trocken' aufrechterhalten. In Pythagoras, Entwurf vom Universum verwandelte sich die Scheibe, die die Erde bislang in der Anschauung der alten Griechen gewesen war, in einen kugelförmigen Ball. Um ihn drehten sich, an verschiedenen Sphären oder Rädern befestigt, die Sonne, der Mond und die Planeten in konzentrischen Kreisen. Pythagoras gab jedem Planeten einen Sphärenton, und die Legende besagt, daß er die Sphärenmusik zu hören vermochte. Die Intervalle zwischen den einzelnen Planetenbahnen mußten von den Gesetzen der Harmonie beherrscht werden. Plinius schrieb, daß Pythagoras sagte, Erde und Mond bildeten einen Ganzton; Mond und Merkur einen Halbton; Merkur und Venus einen Halbton; Venus und Sonne eine kleine Terz; Sonne und Mars einen Ganzton; Mars und Jupiter einen Halbton; Jupiter und Saturn einen Halbton; Saturn und die Sphäre der Fixsterne eine kleine Terz. Daraus ergibt sich die ,pythagoreische Tonleiter': C, D, Es, E, G, A, B, H, D.

Der Begriff der ,harmonia' deckt sich nicht mit dem, was wir heute darunter verstehen. Harmonie bedeutete Pythagoras nicht der Wohlklang konsonierender Saiten - Harmonie in diesem Sinne kannte die klassische griechische Musik nicht - nein, sie war etwas viel Strengeres. Harmonie bezeichnete einzig die Stimmung der Saiten entsprechend der Struktur der Tonleiter. Harmonie bedeutete, daß Gleichgewicht und Ordnung, nicht sinnliche Freude das Gesetz der Welt sind.